Schorndorf Eine Familie von Artisten

Chef des Hauses, nach seinem Unfall wieder genesen und in der Manege unersetzbar: Manuel Schickler. Foto: Büttner / ZVW

Schorndorf-Oberberken. Er ist Zirkusclown, Feuerschlucker, Messerwerfer und Organisator: Beim kleinen Wanderzirkus Nock geht ohne Manuel Schickler nichts. Nach einem schweren Unfall vor zwei Jahren zieht er mit Frau, Kindern und seiner Varieté-Show wieder durch Deutschland. An diesem Wochenende gastiert die Artistenfamilie in Oberberken.

Als Manuel Schickler im Sommer 2016 beim Aufbau des Zirkuszelts kopfüber auf den Asphalt stürzte, wusste er zunächst nicht, ob es weitergeht. Erst kurz zuvor hatte er sich mit seinem Zirkus selbstständig gemacht, obendrein war seine Frau Joanna gerade hochschwanger. Und dann dieser Sturz, bei dem er sich nicht nur an der Schädelbasis, sondern an Gesichtsknochen und Unterarm Brüche zuzog. Für viele Wochen war die Familie, die sonst immer unterwegs ist, erst einmal im badischen Haslach gestrandet. Doch Schickler, dessen Unterarm heute eine lange Narbe ziert, hatte Glück im Unglück. Obwohl die Verletzungen lebensgefährlich waren, steht er heute wieder in der Manege.

Ein Programm ohne den Chef des Hauses wäre ohnehin undenkbar. Denn anders als bei großen Zirkussen, wo Artisten eine, höchstens zwei verschiedene Nummern übernehmen, macht Schickler nahezu alles selbst. Zusammen mit Tochter Santana gibt er den Clown – und lässt sich dabei von der Sechsjährigen ganz schön an der Nase herumführen. Der Artist balanciert aber auch auf der römischen Rula-Rula und schwingt die Pferdepeitsche, spuckt mit Feuer und wirft mit Messern. Besonders eindrucksvoll ist es, wenn der Chef des Hauses sein Kinn zum Einsatz kommen lässt – und darauf Alltagsgegenstände wie eine Schubkarre balanciert. Von seinem schweren Unfall ist beim Auftritt in der Manege längst nichts mehr zu spüren. Schickler macht weiter, als ob nichts gewesen wäre.

Seit neun Generationen als Zirkusleute unterwegs

Der 39-Jährige kennt es aber auch nicht anders. Er ist im und mit dem Zirkus groß geworden, seit neun Generationen gibt es in seiner Familie nichts als Artisten. Die Mutter stammt aus der Zirkusdynastie Renz, der Vater zog einst mit einer bekannten Reitertruppe durch das Land. Und auch seine Frau Joanna Nock hat viele artistische Vorfahren, war aber zuletzt Schaustellerin.

In seinem Leben war Schickler nie lange an einem Ort. Einen festen Wohnsitz hat seine Familie bis heute nicht. Stattdessen ziehen sie mit ihren zwei Zugmaschinen, fünf Wohnwagen und Geräteanhängern stets an neue Plätze. Wenn es gut läuft, bringt es die Familie dabei auf vier Auftritte pro Woche. Dazwischen müssen sie neue Auftrittsorte suchen, Genehmigungen von Behörden einholen, Plakate kleben, das Zelt ab- und wieder aufbauen, die Versorgung mit Wasser und Strom organisieren, eine Schule suchen für die Kinder und schauen, dass am Ende des Monats auch genug Geld übrig ist.

"Die Schulausbildung steht an erster Stelle"

Wenn sie den Ort wechseln, müssen sich Santana und die zehnjährige Klara immer an eine neue Schule gewöhnen, letzte Woche waren sie in Großheppach, jetzt in Oberberken, nächste Woche sind sie in Wangen. Damit sie trotz all der Wechsel am Ende auch einen Schulabschluss in der Tasche haben, kommt zusätzlich eine Zirkus-Lehrerin zu den Kindern nach Hause. Dies ist Teil eines Programms der Evangelischen Kirche, mit dem Kinder reisend berufstätiger Eltern unterstützt werden.

Für den Zirkuschef ist es sehr wichtig, dass seine Kinder einen Abschluss machen. „Die Schulausbildung steht an erster Stelle“, sagt Schickler, der sich wünschen würde, dass seine Töchter einen bürgerlichen Beruf ergreifen. Dem aber auch bewusst ist, dass die Kinder mit dem Zirkus auf- und damit in ihn hineinwachsen – wie es sich für eine echte Artistenfamilie nun mal gehört. Tochter Klara etwa, die habe sich partout nicht von der Luftakrobatik abbringen lassen. „Klara wollte immer hoch hinaus – auch wenn ich dagegen war.“ Der Vater gab nach. Ihre Nummer an den Stoffbändern ist heute fester Bestandteil der Aufführungen. Und selbst die 19 Monate alte Lilly stolpert bereits zu allen möglichen und unmöglichen Momenten über die Manege.

Zirkus: Auch ein Stück Kultur

Leichter ist die Arbeit in den letzten Jahren aber nicht geworden „Es ist schwierig, einen Platz zu finden“, sagt Schickler, der sich über das schlechte Image ärgert, das Zirkusse bei vielen Verwaltungen genießen. Sicher gebe es unter den Kollegen auch schwarze Schafe. Doch dass ihm mittlerweile so häufig Ablehnung entgegenschlägt, kann der 39-Jährige nicht verstehen. Das sei doch auch ein Stück Kultur. „Warum wird das nicht mehr unterstützt?“

Trotz all der Sorgen kann Schickler sich aber keinen schöneren Beruf vorstellen. Wegen der Freiheit, der Unabhängigkeit und ein Stück weit auch der Magie, die so eine Zirkusmanege ja nach wie vor ausstrahlt. Dort sind die Sorgen des Alltags wie weggeblasen. „Wenn die Show anfängt, bist du auf einmal ein ganz anderer Mensch.“


Die Auftritte

An diesem Wochenende hat der Cirkus Nock (der sein Zelt neben dem SOS-Kinderdorf aufgeschlagen hat) drei Auftritte: Samstag um 17 Uhr sowie Sonntag um 11 und 14 Uhr.

Der Eintritt beträgt 16 Euro für Erwachsene und 13 Euro für Kinder.

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