Schorndorf Hat Schorndorf ein Stickoxid-Problem?

Im Kampf um saubere Luft in Schorndorf: Wilhelm Pesch und Helmut Strenger beim Abhängen der Passivsammler. Foto: Schneider/ZVW

Schorndorf. „Decke auf, wo Atmen krank macht!“ – so heißt die Aktion der Deutschen Umwelthilfe, bei der im Februar bundesweit private Stickoxid-Messungen durchgeführt wurden. Auch an der Kreuzung Schlichtener Straße / Burgstraße hingen zwei Passivsammler. Ein Schweizer Prüflabor wertet nun aus, ob dort die Luft tatsächlich so schlecht ist, wie von den Initiatoren befürchtet.

Ein wenig gewundert hat sich Wilhelm Pesch schon. Gut zwei Jahre habe er im Gemeinderat immer wieder gefordert, dass die Stadt Schadstoff-Messungen durchführen soll – die Mehrheit war stets dagegen. Auch die Verwaltung habe das Thema eher stiefmütterlich behandelt. Doch als der Grünen-Stadtrat dann Ende Januar selbst die Initiative ergriff, habe Bürgermeister Edgar Hemmerich die Messungen sofort genehmigt. Und so wurde Schorndorf eine von bundesweit rund 500 Kommunen, die sich an der Messaktion vom 1. Februar bis 1. März beteiligt hat.

Gerade einmal 60 Euro haben Pesch und seine Mitstreiter von der Lokalen Agenda 21 und dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) dafür investieren und die beiden Messröhrchen an einer Ampel fixieren müssen. Den Ort dafür haben sie sich gut ausgesucht. Die Ecke Schlichtener Straße / Burgstraße ist nicht nur viel befahren. In der Nähe sind auch Schule, Kita und Bushaltestelle. Orte also, an denen viele Menschen von möglichen Schadstoffbelastungen betroffen sind.

Bereits 2012 starke Stickoxid-Belastungen in Innenstadt gemessen

Dass der Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter an dieser Stelle überschritten wird, da sind sich Pesch und seine Mitstreiter ziemlich sicher. In Urbach wurden vor einigen Jahren erhöhte Messwerte festgestellt, sagt Ernst Delle vom VCD, weshalb dort seit geraumer Zeit auch Tempo 30 gilt. „Wenn selbst Urbach so stark belastet ist, dann Schorndorf bestimmt auch“, vermutet Delle. Und verweist auf die Ergebnisse aus dem Nachhaltigkeitsbericht von 2012, für den damals Schüler des Burg-Gymnasiums Flechten auf Stickoxid-Belastungen untersucht haben. In weiten Teilen der Innenstadt hatten diese eine starke Schädigung konstatiert. Pesch kritisiert, dass die Stadt dies nicht weiter verfolgt wurde. Die Verwaltung habe sich da wohl nicht zuständig gefühlt – „das fand ich schon fahrlässig“.

Gewissheit über die tatsächliche Stickoxid-Belastung gibt es aber erst in knapp zwei Wochen. Noch wertet ein Prüflabor in der Schweiz die Daten aus. Sollten sie Recht behalten mit ihrer Befürchtung, so hätte das zwar noch keine juristischen Konsequenzen. Aus Sicht der Umweltschützer müsste die Landesanstalt für Umweltschutz dann aber zwingend aktiv werden und eine Jahresmessung in Schorndorf durchführen. Wird dann auch eine erhöhte Belastung festgestellt, der Grenzwert an 18 Tagen pro Jahr also überschritten, wären politische Konsequenzen die logische Folge.

Zahlen die Bürger für die Tricks der Autoindustrie?

Dass nun - Stichwort drohendes Dieselfahrverbot - ausgerechnet die Bürger für die Tricks der Autoindustrie zahlen müssen, stößt bei Gunhild Veil-Panni von der Lokalen Agenda auf wenig Verständnis. „Verbote kann man schnell aussprechen, aber eigentlich müsste die Industrie in die Zange genommen werden und nachrüsten.“ Trotz Millionenförderungen für die Forschung habe diese bislang keinen Cent ausgegeben, um die negativen Auswirkungen der Dieselemissionen zu untersuchen. Es könne nicht sein, dass der Steuerzahler dies nun am Ende finanzieren muss.

Das Ziel: „Von der autofreundlichen zur menschenfreundlichen Stadt“

Ein grundlegender Wandel in der Verkehrspolitik sei dringend erforderlich, auch in Schorndorf. Dass es nun einen Lärmaktionsplan gibt, sei zu begrüßen. „Doch es fehlt der große Wurf“, sagt Veil-Panni.

Der OB könne sich, findet sie, mit seinen durchaus guten Ideen nicht durchsetzen. Und die Verwaltung nehme ihre Möglichkeiten nicht wahr. Beispiel: Die Außenanlagen der Forscherfabrik und der Übergang an der Arnoldstraße, „ein Schnellschuss, der gescheitert ist“. Denn bei der Planung, die aus ihrer Sicht eine Fehlplanung war, habe man Fußgänger und Fahrradfahrer schlichtweg vergessen.

Wie ein großer Wurf für die Verkehrspolitik der Stadt aussehen könnte, skizziert Pesch mit der Formel „von der autofreundlichen zur menschenfreundlichen Stadt.“ Davon sei allerdings wenig zu spüren, wenn der Gemeinderat, wie kürzlich diskutiert, eine Brötchentaste einführen möchte. Die Möglichkeit also, dass es im Bereich der einstündigen Kurzzeitparkplätze in der Innenstadt möglich sein soll, für eine kurze Erledigung gebührenfrei zu parken – die Mehrheit favorisiert einen Zeitraum von 15 Minuten. Für Pesch ganz klar ein „Zugeständnis an den Individualverkehr“.

Reallabor: „Ein allererster Schritt in die richtige Richtung“

Gefördert werden sollten vielmehr der öffentliche Nahverkehr und die Radfahrer. Ein Parkhaus für Fahrräder in der Innenstadt, schon lange im Gespräch, würde Pesch sich wünschen. Etwas Positives gäbe es immerhin: Mit dem Reallabor, das dieses Wochenende startet, und Busfahrten auf Bestellung ermöglichen soll, befinde sich die Stadt auf dem richtigen Weg.

„Ein allererster Schritt in die richtige Richtung“ sei das, auch wenn das Angebot übers Wochenende hinaus ausgedehnt werden sollte, wie Ernst Delle ergänz. Mehr öffentlicher Nahverkehr sei in Schorndorf notwendig, müsse aber feingliedriger organisiert werden, „damit keine leeren Busse mehr durch die Stadt fahren“.

Die Gartenschau im kommenden Jahr sollte für die Stadt Ansporn genug sein, etwas gegen die Schadstoffbelastungen zu tun, findet Wilhelm Pesch. Schlimm wäre es, wenn die Stadt dann voller Besucher sei und man sie dort, wie vermutet, mit schlechten Luftwerten empfangen müsste.


Und der Feinstaub?

Auch um das Thema Feinstaub wollen sich die Umweltschützer kümmern. Denn bundesweit gibt es dafür zu wenige offizielle Messstellen.

Eine Stuttgarter Gruppe namens OK Lab hat inzwischen Abhilfe geschaffen und stellt im Eigenbau günstige Messgeräte her und fügt die Daten auf der Seite luftdaten.info zur Verfügung. Zu sehen sind sowohl die Werte der letzten fünf Minuten als auch die der letzten 24 Stunden.

Drei Sensoren stehen bereits in Schorndorf. Zu sehen ist auf der Karte, dass während der Hauptverkehrszeiten (frühmorgens oder im Feierabendverkehr) die Grenzwerte zeitweise deutlich überschritten werden.

  • Bewertung
    18
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!