Schorndorf Krawalle auf der SchoWo: Seriöse Einordnungen, bösartige Hetze

Im Brennpunkt des Medien-Interesses: Der Schorndorfer OB Matthias Klopfer und Polizeipräsident Roland Eisele bei der Pressekonferenz zu den SchoWo-Ausschreitungen. Foto: Habermann / ZVW

Schorndorf. In den vergangenen Tagen war Schorndorf der Nabel der Medienrepublik Deutschland: Das Echo der SchoWo-Ausschreitungen strahlte aus bis nach München und Berlin. Es gab das volle Programm, von seriösen Einordnungen bis zu bösartiger Hetze.

Spiegel online, Focus, Stern, Süddeutsche, FAZ, Berliner Tagesspiegel – alle haben berichtet. Der Schorndorfer OB Matthias Klopfer taumelt dieser Tage von Interview zu Interview; grade noch war er beim SWR, schon muss er zum Frühstücksfernsehen von ARD und ZDF.

Randale bei Stadt- oder Dorffesten: Das gibt es seit Jahrzehnten immer wieder mal irgendwo in Deutschland. Früher hat derlei nicht mehr als allenfalls regionale Reaktionen ausgelöst. Warum war es diesmal anders? Erklärlich ist dieses brüllende mediale Echo mit einem einzigen Wort: Köln.

Berichte trafen auf eine hellhörige Öffentlichkeit

Viele Medien mussten sich nach der Silvesternacht 2016 anhören, sie hätten da was unter den Tisch gekehrt – in diese Vorwurfsfalle wollte niemand ein zweites Mal stolpern. Der erste – und durchaus legitime – Fragereflex eines ordentlichen Journalisten musste angesichts der zunächst unübersichtlichen Nachrichtenlage sein: Hoppla, Köln reloaded? Herdentrieb und Verstärkereffekt taten ein Übriges: Wenn die Konkurrenz was bringt, dürfen wir nicht fehlen.

Diese Berichte trafen auf eine äußerst hellhörige Öffentlichkeit – der Spiegel-Online-Artikel zur SchoWo war der meistgelesene des Tages auf der Nachrichtenseite.

"Schorndorf ist nicht Köln"

(siehe dazu auch: Kommentar vom Leiter der Schorndorfer Redaktion Hans Pöschko)

Bezeichnend für diese medial überhitzte Atmosphäre war die allererste Frage – nein, keine Frage, eine Behauptung –, mit der eine Reporterin des „Südkuriers“ ihr Video-Interview mit dem Schorndorfer OB eröffnete: „Herr Klopfer, Köln, Hamburg, Schorndorf – nach diesem Samstag ist Schorndorf in einer Reihe mit diesen beiden Städten zu nennen.“

Klopfer antwortete: „Nein, überhaupt nicht zu vergleichen.“ Denn das sind Stand jetzt die Fakten: Gegen ein Uhr morgens am Samstag waren noch mehrere Hundert junge Leute im Schlosspark; Deutsche ohne oder mit Migrationshintergrund, Ausländer; Gymnasiasten, Azubis, Realschüler; Jungs, Mädchen, Männer, Frauen. Inmitten des Partygetriebes eskalierte ein Streit zwischen zwei Gruppen – und als die Polizei einschritt, solidarisierten sich die eben noch im Clinch miteinander Liegenden aggressiv gegen die Staatsmacht, Flaschen flogen, Einsatzfahrzeuge wurden beschädigt. Verletzt wurde niemand.

Schlimm, aber nicht mit anderen Fällen vergleichbar

Dazu gab es – teilweise bereits am Freitag, teilweise beim Bahnhof, fernab vom Schloss-Gewühl – vier Fälle von sexueller Belästigung, ein Iraker und drei Afghanen wurden als Grapscher ermittelt. Ansonsten: Sind Grüppchen randalierend durch die Innenstadt gezogen, wie es zunächst gerüchteweise hieß? Nach bisherigem Ermittlungsstand: nein. Trugen einzelne Festbesucher Messer? Mag sein; sichere Belege gibt es dafür momentan nicht.

Zusammengefasst: schlimm. Aber tatsächlich nicht mit Köln vergleichbar, wo sich das „Taharrush“-Phänomen Bahn brach. Taharrush ist der Fachbegriff für massenhafte, systematische Attacken von mehr oder weniger organisierten Männerbanden gegen Frauen, wobei Diebstahl und sexuelle Übergriffigkeit ineinanderspielen. In Köln gab es 454 Anzeigen wegen Sexualdelikten, auch Vergewaltigungen.

Auffällig bei der Lektüre der Berichte in etablierten Medien: Viele begnügten sich mit dem Abdruck von Polizeibericht oder dpa-Meldung, einige recherchierten dazu, ordneten ein, wogen ab. Prädikat: im Großen und Ganzen seriös. Von den Online-Medien der rechten Subkultur lässt sich das nicht im Entferntesten behaupten. Ihre Texte sind erkennbar hetzerisch falsch.

Hetz-Blüten: „Sex-Dschihad“ und „Taharrush-Mob“

„Taharrush-Mob und Krawalle in Schorndorf – was in der Millionenstadt Köln aufgrund islamischer Massenmigration möglich war, ist jetzt auch in den gleichen Dimensionen in deutlich kleineren Städten Deutschlands Realität. Im baden-württembergischen Schorndorf schossen, randalierten, begrapschten, zerstörten über 1000 Invasoren.“ Invasoren ist der szenetypische Schmäh-Ausdruck für Flüchtlinge. So steht es auf der Seite „Politically Incorrect“. Sie zählt zu den tausend meistbesuchten deutschen Websites, dient vielen kleineren Blogs als Hauptinformationsquelle und ist damit einer der wichtigsten Multiplikatoren in jener Propagandaschlacht, die seit Jahren im Internet tobt.

Compact erklärt Schorndorf zur "Bürgerkriegszone"

Ähnlich krass fabuliert das Magazin Compact an der Wahrheit vorbei. Betrieben wird es von Jürgen Elsässer, einem bestens vernetzten Vordenker der neurechten Szene. AfD-Granden wie Jörg Meuthen gehören zu den Interview-Partnern von Compact, im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf trat Elsässer als Redner neben dem AfD-Landesvorsitzenden Ralf Özkara aus den Berglen auf. Und so berichtet Compact über die SchoWo: „Taharrush-Terror – 1000 Merkel-Gäste machen Schorndorf zur Bürgerkriegszone. Es begann in Köln – doch mittlerweile hat der Sex-Dschihad auch kleine Ortschaften erreicht. 1000 Mann marschierten beim Stadtfest und im Schlosspark auf. Andere lungerten mit Messern in den Straßen. Ihr Motto: deutsche Frauen gleich Freiwild, Polizisten gleich Punchingbälle.“

Horrorgerüchte werden im Gedächtnis bleiben

Wie es weitergeht, ist absehbar: Die großen Medien werden ihre Berichterstattung über Schorndorf einstellen oder in kleineren Nachdreher-Geschichten klarstellen, dass die anfänglichen Köln-Vergleiche arg hochgegriffen waren. In der Echokammer der Gegenöffentlichkeit aber, die jedes Horrorgerücht, das ins apokalyptische Weltbild passt, zu immer bizarreren Übertreibungen aufbläst, wird Schorndorf wohl auf Jahre hinaus jene kleine Stadt bleiben, in der ein tausendköpfiger messerschwingender Flüchtlingsmob zur islamistischen Massenvergewaltigung blies.

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