Schorndorf Mobilfunk-Standort in Weiler ist nicht verhandelbar

Symbolbild. Foto: pixabay.com (CC0 Creative Commons)

Schorndorf-Weiler. Sowohl bei der Firma Vodafone als auch bei der Stadt sind die Vertreterinnen und Vertreter der Initiative „Strahlungsfreies Schorndorf“ und der Bürgerinitiative „Weiler macht mobil“ mit ihrem Ansinnen abgeblitzt, am geplanten Standort für den Mobilfunkmast beim S-Bahn-Halt Weiler noch etwas ändern oder wenigstens die Sektoren so in Richtung Winterbach drehen zu können, dass die Reinhold-Maier-Schule und der städtische Kindergarten weniger stark bestrahlt werden, als das der Mobilfunkexperte und Ingenieur Dietrich Ruoff in einer Modellberechnung dargestellt hat.

Wobei die Stadt, so sagen Dr. Caroline Dahl, Gerlinde Retter und Andreas Delius, durchaus nichts dagegen hätte, wenn Vodafone dem Vorschlag, den Standort in Richtung Kläranlage zu verrücken, folgen würde. Vodafone selber habe sich allerdings in den Gesprächen, in die auch Ortsvorsteher Klaus Beck eingebunden war, nicht kompromissbereit gezeigt. „Die wollen einfach eine Komplettversorgung bis hinten zum Wald“, sagt Dr. Carolina Dahl, die sich fragt, wo sie als verantwortungsbewusste Mutter in einer zunehmend verstrahlten Welt mit ihren Kindern überhaupt noch zum Spielen hin soll.

Vodafone habe, so Dahl, auch mit dem Druck argumentiert, dass der neue Mast bis Dezember stehen sollte, damit er den Wegfall des seitherigen Mastes auf den Hochhäusern am Winterbacher Ortsrand kompensieren könne. Wenn das so sei, dann, so das Gegenargument der Weilermer und Schorndorfer Mobilfunkkritiker, sei umso unverständlicher, warum der Mast zur besseren Versorgung von Winterbach nicht gedreht werde. „Wir waren etwas sprachlos“, beschreiben die drei ihre damalige Verfassung und ärgern sich, dass sie vom Antrag von Vodafone, den schon einmal genehmigten Standort beim S-Bahn-Halt zu reaktivieren, erst so spät erfahren haben, dass ein möglicherweise noch rechtzeitiges Gespräch mit Vodafone über eine Verlegung des Standorts gar nicht mehr möglich war.

„Die Aufklärung müsste bei Eltern und Kindern anfangen“

„Die Versorgung von der Kläranlage aus wäre nicht viel schlechter und von den Strahlenwerten her viel besser“, sagt Caroline Dahl, die sich mit Gerlinde Retter einig ist, dass alles, was jetzt in Sachen Mobilfunkversorgung passiert, nur ein mehr oder weniger harmloser Vorgeschmack auf die nächste Mobilfunkgeneration 5 G ist mit Hunderten von neuen Basisstationen auf bislang noch weißen Flecken. „Die Strahlenwerte gehen exorbitant hoch“, sagt Gerlinde Retter und befürchtet „unabsehbare Auswirkungen“. Und wundert sich genauso wie Andreas Delius, dass keinerlei Aufklärung der Bevölkerung stattfindet – und dass offensichtlich auch niemand Aufklärung verlangt. „Die Aufklärung müsste bei Eltern und Kindern anfangen“, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Caroline Dahl, die alles in ihrer Macht Stehende tut, um wenigstens Kinder- und Allgemeinärzte für das Thema zu sensibilisieren.

Direkt in Schulen und Kindergärten Aufklärung zu betreiben, sei ihr untersagt worden – was sie nicht versteht, wenn gleichzeitig einem Stadtrat jahrelang zugestanden worden ist, in den Schulen Verkehrserziehung zu machen. Apropos Erziehung: „Die Leute sollen alle mehr Rad fahren und zu Fuß gehen, und gleichzeitig werden sie immer mehr bestrahlt“, gibt Caroline Dahl zu bedenken und fragt sich, was als Schutz vor Strahlung besser ist: „Mehr Auto fahren oder einen Schutzanzug tragen?“

Nicht gelten lässt Gerlinde Retter die Behauptung, Weiler liege bislang noch in einem Funkloch. Vielleicht habe es an einigen Stellen einen nicht optimalen Empfang gegeben oder hätten Streamingdienste nicht in Anspruch genommen werden können, räumt sie ein, sagt aber: „Das Problem kann man mit Verstärkern lösen – man muss nicht die ganze Gemeinde flächendeckend bis ins Schlafzimmer bestrahlen.“ Ganz davon abgesehen, dass noch einmal von einer Verdreifachung der zu erwartenden Werte auszugehen wäre, sollte Vodafone den Masten an andere Netzbetreiber vermieten - was, so befürchtet Caroline Dahl, auch wieder still und heimlich passieren könnte.

Ravensburg weist Schutzzonen für hypersensible Menschen aus

Umso wichtiger unter all diesen Umständen wäre es aus Sicht von Dahl, Retter und Delius, dass die Stadt endlich das im Gemeinderat im ersten Anlauf hauchdünn gescheiterte, aber jetzt auch wieder massiv vom Weilermer Ortschaftsrat geforderte Mobilfunkvorsorgekonzept auf den Weg bringt. Wie weit so etwas gehen könne, zeige das Beispiel Ravensburg: Dort werde an einem Konzept gearbeitet, in dem auch Schutzzonen für hypersensible Menschen ausgewiesen werden. „Die Stadt beweist damit, dass eine Kommune nicht machtlos zuschauen muss“, heißt es in einem gemeinsamen Strategiepapier der Initiative „Strahlungsfreies Schorndorf“ und der Bürgerinitiative „Weiler macht mobil“, in dem auf Glasfasernetze als Grundlage zur Umsetzung einer strahlungsarmen Mobilfunkversorgung gesetzt wird. Weil da jeder individuell entscheiden und sich individuell anbinden lassen könne.

„Es fehlte wirklich an allem – bis hin zum Respekt“

Weshalb die beiden Initiativen auch gerne ein Gespräch mit Stadtwerke-Chef Andreas Seufer geführt hätten. Bekommen haben sie stattdessen eines mit Oberbürgermeister Matthias Klopfer und dem Leiter des Fachbereichs Stadtentwicklung und Baurecht, Manfred Beier, das Caroline Dahl und Andreas Delius als sehr enttäuschend bewerten. „Wir haben ihn einfach nicht erreicht“, sagt Delius, bezogen auf den Oberbürgermeister, der deutlich gemacht habe, dass er einerseits für Grenzwerte nicht zuständig sei, und dass er andererseits beim Mobilfunkausbau auf Partikularinteressen keine Rücksicht nehmen könne und wolle. „Das Thema Gesundheit spielt für ihn in diesem Zusammenhang keine Rolle“, ist der Eindruck von Dr. Caroline Dahl.

Andreas Delius fasst das Gespräch mit Klopfer so zusammen: „Obwohl wir inhaltlich auf eine harte Diskussion eingestellt waren, fehlte es wirklich an allem – bis hin zum Respekt.“ Aufgeben wollen die Weilermer deshalb aber noch lange nicht: „Viele Kommunen interessiert das Thema überhaupt nicht, aber wir als kleine Gemeinde wehren uns“, gibt sich Dr. Caroline Dahl kämpferisch.


Grenzwerte

Um die für Weiler errechneten Strahlungswerte von um die 10 000 Mikrowatt je Quadratmeter einsortieren zu können, lohnt sich ein Blick auf die in Europa geltenden Grenz- und Vorsorgewerte. Die Spanne reicht von dem in der 26. Bundesimmissionsschutz-Verordnung für Deutschland festgeschriebenen gesetzlichen Grenzwert von neun Millionen Mikrowatt oder neun Watt je Quadratmeter bis zu 0,1 Mikrowatt je Quadratmeter, die von der Baubiologie als Richtwert für Schlafbereiche angesehen werden.

In vielen anderen europäischen Ländern liegen die Grenzwerte deutlich niedriger. In Polen, Ungarn, Bulgarien, China, Russland und Italien etwa gelten Grenzwerte im Bereich von unter 100 000 Mikrowatt je Quadratmetern (was einer elektrischen Feldstärke von sechs Volt je Meter entspricht) , im belgischen Wallonien und in der italienischen Provinz Trentino liegt der Grenzwert nur bei 24 000 Mikrowatt, Ökoinstitute empfehlen einen Grenzwert von 10 000 Mikrowatt, verschiedene Natur- und Umweltorganisationen schließen sich der sogenannten Salzburger Resolution an, der zufolge für Gebäude und Grundstücke, in und auf denen sich Menschen aufhalten, ein Grenzwert von einem Mikrogramm je Quadratmeter gilt.

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