Schorndorf/Stuttgart Wie die AfD die SchoWo kaperte

Permanent von Journalisten umlagert – der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer als Zuhörer bei der Landtagsdebatte. Foto: Schwarz / ZVW

Schorndorf/Stuttgart. Eine heftige Stunde lang diskutierte der Landtag am Donnerstag über die SchoWo (Debatte im Minutenprotokoll), zwei Männer standen im Mittelpunkt: AfD-Chef Jörg Meuthen, der hochdramatisch austeilte, und Oberbürgermeister Matthias Klopfer, der still zermürbt auf der Zuhörertribüne saß, umlagert von den Medien.

So eine Aufregung, hat eine Journalistin ihm erzählt, habe in der baden-württembergischen Medienszene letztmals geherrscht nach dem Winnender Amoklauf – daran, sagt Matthias Klopfer, sehe man, wie katastrophal die Maßstäbe verrutscht sind dieser Tage. Rund Hundert junge Leute, die Mehrheit mit Migrationshintergrund, aber auch Deutsche mitten drin, teils vorne dabei, haben Flaschen geworfen und sich der Polizei entgegengestellt, es gab einige Fälle von sexueller Belästigung; schlimm, keine Frage. Aber solch ein Echo, solch ein Tosen?

Klopfer hat längst aufgehört, die Interviews zu zählen, durch die er hecheln musste. Weil er darauf beharrte, dass Schorndorf nicht Köln und das multikulturelle Leben in dieser Stadt recht harmonisch ist, ergoss sich der Internet-Hass über ihn. Leute schrieben, sie wünschten, eine Flasche hätte ihn am Kopf getroffen, und das war nicht das Derbste. Verstört so was? „Sagen wir so: Ich lese keine sozialen Medien mehr. Wenn man’s positiv sieht – ich habe zwei Kilo verloren, kurz vor dem Sommerurlaub.“

AfD setzte das Thema auf die Tagesordnung

Und nun noch diese Landtagsdebatte, die AfD hat das Thema auf die Tagesordnung setzen lassen und den Titel vorgegeben: „Die Kölner Silvesternacht ist in der schwäbischen Provinz angekommen.“ Nach der ersten – wie sich zeigen sollte, missverständlichen – Polizeimeldung von den Krawallen schmetterte der Fraktionsvorsitzende Jörg Meuthen via Facebook eine nachgerade euphorisch klingende Frühstücksfanfare raus: „Guten Morgen, Deutschland – Köln ist jetzt überall!“ Die Bundes-AfD postete: ein „schwäbisches Dorffest“ als „islamische Grapschparty“. Schorndorf ein Dorf? Je kleiner man die Stadt macht, desto monumentaler wirkt der Skandal, den Bundestags-Spitzenkandidatin Alice Weidel, alternative Fakten schaffend, so beschrieb: „Tausend Migranten“ hätten randaliert, „zumeist Iraker und Afghanen“.

Wie wird Jörg Meuthen am Rednerpult damit umgehen, dass Schorndorf nun leider doch nicht Köln ist? Er findet einen eleganten Dreh: Nun gut, sagt er, Schorndorf sei „eine Nummer kleiner, das sei konzediert“. Aber sonst? Überall „rechtsfreie Räume“, Deutschland ein „Chaos-Staat“, der „Ausnahmezustand“ ist „Normalität“ geworden, und die Zuwanderer betrachten „unsere Töchter als verfügbare Schlampen“. Klopfer schüttelt auf der Tribüne den Kopf, er wirkt kaum wütend, eher ratlos. Dagegen seien die Republikaner ja gemäßigt gewesen. „Was sind das für Typen?“

Rems-Murr-Abgeordnete kontern

Die nächste Rednerin: die Schorndorferin Petra Häffner, Grüne. Es sei „ekelerregend“, was Meuthen treibe – seit der Landtagswahl 2016 seien acht Abgeordnete aus dem Rems-Murr-Kreis regelmäßig auf der Matte gestanden, wann immer es hier bei uns was anzupacken galt, „in anderthalb Jahren war nur einer noch nicht da“, der neunte: „Herr Meuthen, wo ist ihr Wahlkreis?“ In Backnang, theoretisch.

Das sei „gespielte Empörung“, was die AfD aufführe, in Wahrheit empfinde sie doch „Freude über die Vorgänge“, sagt Siegfried Lorek aus Winnenden, CDU. Ähnlich sieht es der Waiblinger Ulrich Goll, FDP: „Am Montag“, als die Ereignisse der SchoWo noch nicht vernünftig eingeordnet waren, seien die Leute von der AfD „mit leuchtenden Augen rumgelaufen“.

AfD zieht alle Aufmerksamkeit auf sich

All das: saftige Konter. Und doch beschleicht einen der Verdacht: Diese Debatte läuft für die AfD; sie zieht, wie der Klassenrowdy, der traumwandlerisch sicher weiß, welche Knöpfe er drücken muss, um die Lehrerin zur Weißglut zu treiben, alle Abscheu, alle Empörung – mit anderen Worten: alle Aufmerksamkeit – auf sich. Und Aufsehen zu erregen, das ist die politische Leitwährung im digitalen Medienzeitalter.

Es ist körperlich sichtbar, wie genießerisch genau Jörg Meuthen diese Logik versteht. Früher bei öffentlichen Auftritten präsentierte er selbst Kraftsätze mit professoral gelassener Gestik. Nun aber: Ob er sich mit übereinandergeschlagenen Beinen in den Sitz lümmelt, um seine Verachtung zu demonstrieren, während Häffner redet, oder den Kopf dramatisch schüttelt, während Lorek spricht – stets sind dies die übergroßen Posen eines Bühnenmimen, der für die Leute in der letzten Reihe spielt; für die fernen Kameras auf der Pressetribüne.

Inhaltlich Markantes bringt die Debatte nicht

Inhaltlich Markantes bringt die Debatte nicht. Zu oft hat in den vergangenen Tagen jeder schon alles gesagt: Frauen an den Po zu fassen, ist kein Kavaliersdelikt, Widerstand gegen die Polizei ist zu verurteilen, Flaschen wirft man nicht, natürlich.

Klopfer sitzt da, er wirkt müde. Ein SWR-Fernsehteam hat sich den OB gekrallt und weicht nicht von seiner Seite, die Konkurrenz startet immer wieder Entführungsversuche. Der von der Bild: „Vielleicht können wir nachher auch . . . ?“ Der von der Süddeutschen: „Ich wollte mich bloß kurz vorstellen . . .“ Eine Reporterin: „Herr Klopfer, Sie kommen ganz groß raus.“ Der OB seufzt resigniert: „So ein Glück.“

Nur einmal noch horcht er auf – als Manne Lucha, grüner Sozialminister, eine Wahrheit ausgräbt, die unter Lawinen apokalyptischer Übertreibungen verschüttet schien: „Die Stadt Schorndorf betreibt seit vielen Jahren eine vorbildliche Politik“ und setzt Maßstäbe bei der Integration von Zugewanderten. Ehrenamtliche stärken Flüchtlinge, Asylbewerber halfen bei der SchoWo an Ständen – „das ist Schorndorf.“

Dafür, sagt Klopfer, „bin ich dankbar“.

Es geht auch anders

Wie sich Probleme mit Migranten glasklar, aber frei von Hetze ansprechen lassen, zeigte Ulrich Goll (FDP) in seiner Rede: Wegen des „ungeordneten Zuzugs der vergangenen Jahre“ seien „sehr viele junge Leute im Land ohne Perspektive, mit enttäuschten Hoffnungen“. Das sei „Zündstoff“. Es sei richtig, darauf mit Integrationsbemühungen zu antworten, „aber das enthebt uns nicht der Pflicht, auch über die Schattenseiten zu reden“. Es seien nun einmal oft „Jugendliche mit Migrationshintergrund“, die Polizisten „ohne jeden Respekt behandeln“. Warum straffällig gewordene Asylbewerber so selten abgeschoben werden, sei „den Leuten schwer zu erklären“.

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