Schorndorf Weiler macht erneut mobil gegen Mobilfunkmasten

Mobilfunkkonzentration auf dem Gebäude Konrad-Haußmann-Weg 34 in Schorndorf. (Archiv) Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Schorndorf-Weiler. Zwölf Jahre lang herrschte in Weiler in Sachen Mobilfunk eine, wie sich jetzt zeigt, trügerische Ruhe. Mit der ist es vorbei, seit Anfang April dem Ortschaftsrat das Baugesuch auf „Neuerteilung der erloschenen Baugenehmigung für die Errichtung eines Mobilfunkmastes, Flurstück 1554, Bahnhofstraße 19“ zur Kenntnisnahme vorgelegt wurde. Am Ende einer turbulenten Sitzung hat sich der Ortschaftsrat geschlossen gegen das Vodafone-Baugesuch ausgesprochen – und seither formiert sich im Ortsteil der Widerstand.

Das erinnert – fatal, werden die Mobilfunkbefürworter, glücklicherweise, werden die Mobilfunkgegner sagen – ans Jahr 2007. Damals hatte das Unternehmen Vodafone erstmals ein Baugesuch für einen etwa 35 Meter hohen Mobilfunkmast auf einem der Bahn gehörenden Grundstück unweit des in der Brünner Straße befindlichen Kindergartens „Hinter dem Zaun“ vorgelegt. Und auch damals, weiß Grünen-Stadt- und Ortschaftsrat Wilhelm Pesch, hat sich innerhalb kürzester Zeit massiver Widerstand formiert. Eine Bürgerinitiative hat innerhalb weniger Tage 1200 Unterschriften gesammelt und mit anwaltlicher Unterstützung eine Klage gegen den von der Stadt bereits genehmigten Bauantrag formuliert. Und siehe da: Es hat nur zwei, drei Monate gedauert, bis sich Vodafone mitsamt dem jetzt wieder aufgelegten Bauantrag aus Weiler zurückgezogen hat. „Und Weiler war glücklich“, erinnert sich Pesch, dem am jetzt aus heiterem Himmel wieder aufgetauchten Baugesuch auch stört, dass es bereits von 2017 datiert, was ihm sagt, dass man schon seit zwei Jahren etwas dagegen hätte unternehmen können. Zum Beispiel ein Mobilversorgungskonzept in Auftrag geben, das der Gemeinderat vor noch gar nicht so langer Zeit mit denkbar knapper Mehrheit abgelehnt hat und das jetzt Bestandteil der ablehnenden Stellungnahme des Ortschaftsrats ist.

Kinder- und Jugendpsychiaterin als fachliche Speerspitze

2007 noch nicht dabei war die Kinder- und Jugendpsychiaterin Caroline Dahl, die zwar in Weiler aufgewachsen ist, aber durch Studium sowie berufliche und private Zwischenstationen in der Schweiz und in Winterbach, wo sie sie sich wegen eines unterhalb des Engelbergs platzierten Mobilfunkmastes und der davon ausgehenden und auf ihren Wunsch hin von einem Experten gemessenen Strahlung nicht mehr wohlgefühlt hat, erst seit zwei Jahren wieder in Weiler lebt. Ihre zwei Kinder, vier und elf Jahre alt, wachsen ohne Handy oder iPad und ohne WLAN-Dauerbestrahlung im Haus auf und haben damit, wie Caroline Dahl sagt, kein Problem – im Gegenteil. Die Psychotherapeutin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Olgahospital ist so etwas wie die fachliche Speerspitze der Anti-Mobilfunkbewegung in Weiler, nachdem sie auf Antrag eines Weilermer Ortschaftsrats auch in besagter Ortschaftsratssitzung als sachkundige Bürgerin zu Wort gekommen ist und deutlich gemacht hat, dass es aus ihrer Sicht eindeutig erwiesen ist, dass auch weit unter den Grenzwerten liegende Langzeitbestrahlung zu oxidativem Zellstress und in der Folge zu DNA-Abbrüchen führen und der Beginn von Krebswachstun sein kann. Umso erstaunlicher für Caroline Dahl und die in Schorndorf in unmittelbarer Nähe des Gebäudes Konrad-Haußmann-Weg 34, auf dem sich eine Mobilfunkanlage mit mittlerweile 27 Sendeantennen befindet, wohnende Gerlinde Retter, dass der gesundheitliche Aspekt beim Schorndorfer Mobilfunkgipfel, bei dem es vor allem um die Vorzüge von 5 G ging, überhaupt keine Rolle gespielt hat und von Oberbürgermeister Matthias Klopfer dezidiert ausgeklammert wurde. Die Weilermer wollen diese Diskussion nachholen – mit einer hochkarätig besetzten Infoveranstaltung, die am Donnerstag, 9. Mai, 19.30 Uhr, in der Bronnbachhalle stattfindet.

„Eine Frechheit“, zu behaupten, Weiler habe Versorgungslücken

Wobei die Weilermer Kinder- und Jugendpsychiaterin nichts gegen eine gute Mobilversorgung hat. Nur: Mehr als nötig brauche es an Versorgung nicht, und sie habe, so Caroline Dahl, in Weiler, das bislang ganz ohne eigenen Masten auskomme und ausschließlich von Schorndorf und Winterbach her versorgt werde, noch niemand getroffen, der sich unterversorgt fühle – schon gar nicht auf der Seite, auf der Vodafone seinen Mast aufrichten wolle. Insofern könne sie auch nicht nachvollziehen, woher CDU-Stadtrat Ingo Sombrutzki, der früher in Weiler gewohnt hat, „die Frechheit“ nehme, beim Mobilfunkgipfel zu behaupten, die Weilermer litten unter Versorgungslücken. „Wir haben auch eine Verantwortung gegenüber der jungen Generation, die der Belastung ein ganzes Leben lang ausgesetzt ist“, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin, die gerade bei den in Schorndorf praktizierenden Ärzten für ihre mobilfunkkritische Position wirbt, während laut Wilhelm Pesch parallel dazu in Weiler versucht wird, die Schule und die Kindergärten für das Thema zu sensibilisieren.

Immer aktuell: Forderung nach einem Mobilfunkvorsorgekonzept

Sie finde es erstaunlich und erfreulich, dass es in Weiler so einen Zusammenhalt gebe, sagt Caroline Dahl, die es für zwingend geboten hält, dass vor der Aufstellung eines Mobilfunkmastes an einer x-beliebigen Stelle erst einmal berechnet und ermittelt wird, „wo was hinstrahlt“ und wie und wo überhaupt Bedarf ist – Stichwort: Mobilfunkvorsorgekonzept. In diesem Zusammenhang wird auch sowohl von Gerlinde Retter als auch von der Kinder- und Jugendpsychiaterin der „Digitalpakt Schule“ kritisch gesehen, zumal in Australien die Geräte an Schulen schon wieder eingesammelt würden und in Frankreich WLAN an Schulen und Kindergärten verboten sei. Derweil man, so Gerlinde Retter, in Schorndorf meine, das ganz Jahr lang über den Marktplatz bestrahlen zu müssen, ohne auf Anwohner, Passanten und Festbesucher, zu denen ja auch viele Kinder gehörten, Rücksicht zu nehmen. „Leider haben wir von der höheren politischen Ebene keine Unterstützung, aber es gibt ja auch eine lokale Verantwortung“, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Caroline Dahl mit Blick auf das, was gerade in Weiler passiert.


Stadt muss(te) die Baugenehmigung erteilen

Die ablehnende Haltung des Ortschaftsrats Weiler ändert laut Manfred Beier, Leiter des städtischen Fachbereichs Stadtplanung und Baurecht, nichts daran, dass es zur Genehmigung des Vodafone-Baugesuchs keine Alternative gibt. „Vodafone hat einen Rechtsanspruch auf die bereits erfolgte Genehmigung“, sagt Beier unter Verweis auf eine entsprechende unmissverständliche Anweisung des Regierungspräsidiums.

Warum Vodafone seit 2007, da das Baugesuch zum ersten Mal genehmigt worden ist, nicht baut, weiß Beier nicht. Fakt ist aber, dass die Baugenehmigung 2010 und 2013 jeweils auf Antrag des Unternehmens verlängert wurde, dann aber nicht mehr, bis am 11. Januar 2017 ein Neuantrag einging, dessen Bearbeitung deshalb längere Zeit brauchte, weil noch die von der Bahn beim Haltepunkt Weiler zwischenzeitlich gebaute Rampe in die Antragsunterlagen eingearbeitet werden musste.

Seine jetzige Eile beim Bau eines Mobilfunkmastes begründet Vodafone laut Beier damit, dass geplant sei, den Mast am östlichen Ortsrand von Winterbach abzubauen, so dass Weiler im schlimmsten Fall im Dezember 2019 ganz ohne Mobilfunkversorgung dastünde.

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