Schwertransport zum Windpark Goldboden Spektakulärer Rotor-Transport durch Schorndorf

Schorndorf. Manche sprachen von einem Raumschiff, andere von einer Rakete – es hatte schon etwas Unwirkliches, wie dieser 65-Meter-Koloss am Dienstag durch Schorndorf und dann hoch auf den Schurwald rollte. Die zahlreichen Zuschauer entlang der Strecke staunten: Teilweise scheinbar Zentimeter an Hausfassaden oder Dächern vorbei, manövrierten die Transportspezialisten das Windrad-Rotorblatt sicher zum Ziel. Um 8.45 Uhr kommt Bewegung in die Flotte der Begleitfahrzeuge. Am Umladeplatz am östlichen Schorndorfer Stadtrand haben sich einige Schaulustige versammelt, bei ihnen steigt die Spannung. Silvio Rockinger steht dabei und wirkt ganz ruhig. Er begleitet für Wörmann-Team Verkehrstechnik seit fünf Jahren Schwertransporte wie diesen. Ob er Schwierigkeiten erwartet? „Nö, müsste gut laufen“, meint er trocken. „Das ist ein eingespieltes Team.“

Für Rockinger und seine Kollegen vom Wörmann-Team und der Speditionsfirma Hofmann Autokrane hat die Arbeit schon viel früher, mitten in der Nacht, begonnen. Um 3.30 Uhr sind die drei Rotorblätter für das erste der drei Windräder der EnBW am Goldboden am Umladeplatz an der Gmünder Straße angekommen. Eines wurde auf den sogenannten Selbstfahrer gespannt, das Spezialfahrzeug, auf dem es durch Schorndorf transportiert werden soll.

Scheinbar nur wenige Zentimeter am Hausdach vorbei

Jetzt setzt sich der 65 Meter lange und rund 13 Tonnen schwere Koloss in Bewegung. Im Schritttempo geht es vom Umladeplatz auf die Gmünder Straße. Einer der Zuschauer, der offenbar nicht zum ersten Mal da ist, staunt: „Das sah heute Nacht gar nicht so groß aus.“ Michael Jürgens, der Mann an den Steuerhebeln, richtet das Rotorblatt zum ersten Mal ein Stück weit auf, um über einige Bäume hinwegzuschwenken. Bis zu einem Winkel von 60 Grad kann er den Windradflügel bei Bedarf aufstellen, damit er enge Kurven nehmen kann. Als es auf der Gmünder Straße geradeaus geht, legt er ihn dann wieder flach, damit er an keiner Ampel hängen bleibt. Kollege Sven Wolter läuft vor der Spitze her und lotst Jürgens per Funk.

Kurz nach 9 Uhr nähert sich das Gefährt der ersten kniffligen Stelle: dem Kreisverkehr zwischen Göppinger, Gmünder und Feuerseestraße. Wieder richtet der Steuermann das Rotorblatt hoch auf. Zentimeter für Zentimeter und von unten aus betrachtet scheinbar nur wenige Handbreit über das Dach des Hauses Feuerseestraße 1 schwenkt der Metallarm durch die Kurve.

Um 9.30 Uhr passiert der Konvoi das Schulzentrum

Gleiches Spiel am folgenden Kreisel zwischen Feuersee- und Uhlandstraße. Die Mitarbeiter des Wörmann-Teams um Silvio Röckinger wuseln vorneweg und bauen Verkehrsschilder ab, die im Weg stehen. Hinter dem Tross setzen sie sie gleich wieder an Ort und Stelle. Bei den Fußgängerüberwegen in der Uhlandstraße wurde jeweils einer der Arme der Zebrastreifen-Leuchtschilder auf die Seite geklappt.

Etwa um 9.30 Uhr passiert der Konvoi das Schulzentrum Grauhalde, immer begleitet von einer Traube an Zuschauern, von denen einzelne sogar bis Schlichten mitlaufen oder mitradeln. Zahlreiche Smartphones halten das unwirkliche Gefährt in Fotos und Videos fest. Zu Fuß vorneweg läuft durch die Stadt Wolfgang Wagner, der Einsatzleiter der Schorndorfer Polizei.

Verkehrsbehinderungen hielten sich im Rahmen

Diese ist mit vier Streifenwagen dabei, um die Straßenabschnitte zu sperren, auf denen sich der Transport bewegt. „Alles gut“, meint Wagner inzwischen, der am Anfang angesichts des Zeitplans noch etwas skeptisch war. Am Ende zieht die Polizei eine positive Bilanz. „Es gab Verkehrsbehinderungen, das war nicht vermeidbar“, sagt Sprecher Ronald Krötz. „Aber das waren temporäre Einschnitte. Es hat sich im Rahmen gehalten.“

Das für den Verkehr problematischste Stück ist die Strecke zwischen Schlichten und der Kreuzung zur Kaiserstraße oben am Goldboden. Hier bildet sich hinter dem vorankriechenden Rotorblatt eine lange Kolonne, auch der Bus steckt darin. Auch in die andere Richtung geht für eine lange Zeit gar nichts mehr.

Aus dem Schritttempo wird Lauftempo

Auch in Schlichten warten einige Anwohner und Schaulustige an der Straße. Es regnet inzwischen in Strömen, aber die Leute harren gespannt aus. Eine Dreiviertelstunde stehe er schon da, sagt ein älterer Mann. Da taucht die Spitze des Rotorblatts über dem Wald auf, eine Erscheinung, die sich langsam höher schiebt, schließlich um die Kurve biegt und auf den Ortsrand zuhält. „Das ist eine Rakete!“, ruft eine Frau.

Gegen 11.15 Uhr passiert die Rakete die Kreuzung zwischen L 1151 und Kaiserstraße, wo es scharf nach rechts geht. Auf der Kaiserstraße nimmt der Konvoi Fahrt auf. Aus dem Schritttempo wird schon fast Lauftempo. Ein Jogger trabt auf dem Waldweg neben der Straße her und schießt mit dem Handy Fotos.

Das Raumschiff ist gelandet

Der Bestimmungsort des Rotorblatts ist eigentlich das Windrad, das auf der Baustelle der EnBW die Nummer 3 hat. Doch der Konvoi bewegt sich an der Zufahrt vorbei. Unten auf der Baustelle wird erst noch der Kran montiert, der die letzten Turmteile, Gondel und Rotorblätter in die Höhe zur Montage hieven soll. Deswegen ist dort kein Platz, um die riesige Fracht abzulegen.

Der Selbstfahrer muss weiter und an der sogenannten Goldbodenkreuzung abbiegen, ein Stück weit Richtung Engelberg zurück den Berg wieder hinunter. In der letzten scharfen Kurve vor der Goldbodenkreuzung ist dort die andere Zufahrt zur Baustelle der drei Windräder. Dort, kurz nach der Zufahrt, parkt Fahrer Michael Jürgens das Rotorblatt: Das Raumschiff ist gelandet. „Super gelaufen“, sagt Silvio Rockinger von Wörmann-Team als Fazit.

Das Erste von neun haben sie damit geschafft und das sogar schneller als vorausgesagt. Zurücklehnen können sie sich kaum. Zwar fahren sie am Mittwoch kein weiteres Rotorblatt mehr. Aber schon in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag geht es mit anderen Windradteilen weiter.


Wie es weitergeht

  • Entgegen der bisherigen Pläne wird an diesem Mittwoch kein weiteres Rotorblatt durch Schorndorf zum Goldboden transportiert.
  • Grund ist die enge Situation auf der Baustelle. Alles ist dort aufeinander eingetaktet, wie Tobias Borde, Projektleiter der EnBW, erklärt: Erst müssen die Stahlturmteile da sein, die die Windradtürme komplettieren sollen, dann dahinter der Kran aufgestellt sein, erst dann kann das erste Rotorblatt abgelegt werden. Weil die Stahlturmteile für das erste der drei Windräder verspätet kamen, konnte bisher der Kran nicht aufgestellt werden. Die Turmteile wurden erst in der Nacht von Montag auf Dienstag in dieser Woche zur Baustelle kutschiert. Der Aufbau des Krans soll noch den Mittwoch über dauern.
  • Erst am Donnerstag soll deswegen ein weiteres Rotorblatt zur Baustelle transportiert werden. Am Freitag frühestens, so rechnet Tobias Borde, könnte das erste am Windrad montiert werden. Insgesamt neun Rotorblätter müssen zur Baustelle.
  • Weitere Transporte finden nachts statt. So kommt zum Beispiel die Nabe für das erste Windrad in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag und in der Nacht von Donnerstag auf Freitag die nächsten Stahlturmteile.
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