Skulptur auf der Rems Der Geburtshelfer des Seepferdchens

Johannes Traub bei der Arbeit. Foto: Traub

Waiblingen. Von den einen schon ins Herz geschlossen, von anderen mit Unverständnis kritisch beäugt, schippert seit gut zwei Wochen das Seepferdchen bei der Galerie Stihl auf der Rems. Was fast keiner weiß: Am Werk des Künstlers Stephan Balkenhol hat ein Remstäler maßgeblich mitgearbeitet: Gießformen-Spezialist Johannes Traub.

„Die entscheidenden Handgriffe macht der Künstler selbst“, sagt der 52-jährige Strümpfelbacher. Die Bemalung des Gesichts und besonders der Augen mit ihrem unbestimmten Ausdruck erledigt der Meister immer persönlich. Die Herstellung der Gussformen jedoch überließ Stephan Balkenhol beziehungsweise sein Partner Ulrich Wolff dem Spezialisten aus dem Remstal, der rund 100 Stunden Arbeit in die Vorbereitung des Bronzegusses steckte. Im Wesentlichen arbeitete er dabei im Balkenholschen Atelier in Karlsruhe. Werkstatt-Fotos dokumentieren eindrucksvoll die monumentale Größe der Plastik.

Enkel des Weinstädter Bildhauers Fritz Nuss

Obwohl er im Stillen durchaus auch eigene künstlerische Ideen verwirklicht, versteht Johannes Traub sich selbst in erster Linie als Handwerker und als Mann im Hintergrund. Traub, da war doch was? Ja genau, der Kunstformengießer entstammt einer kreativ-schöpferischen Remstäler Familie: Der Bildhauer Christoph Traub ist sein Bruder, Karl-Ulrich Nuss sein Onkel. Hohen Bekanntheitsgrad hat nicht zuletzt seine Schwester Franziska Traub, die als Schauspielerin in der Fernsehserie „Ritas Welt“ an der Seite von Gaby Köster zu sehen war und bei der Tanzshow „Let’s dance“ auftrat. Ein Kunstformengießer hat in der Regel keinen Promistatus, jedoch alles andere als einen Allerweltsberuf. Sein Großvater brachte ihn auf die Idee: kein Geringerer als Bildhauer Fritz Nuss.

Bis aus der mit Ton modellierten Figur eine Bronzeskulptur wird, sind viele Arbeitsschritte nötig: Seepferdchen und Reiter werden über und über mit Silikon bedeckt. Bevor er die erste Schicht des Materials aufträgt, muss Johannes Traub das Modell in Absprache mit der Gießerei in viele Segmente unterteilen, denn die 3,60 Meter hohe Plastik kann nicht am Stück in die Öfen. „Sie wird in mehreren Teilen gegossen und später zusammengeschweißt.“ Mittels Eisenblechen, die er direkt in den noch weichen Ton steckt, werden die Segmente unterteilt. Was von entscheidender Bedeutung ist, denn die Teilung bestimmt die spätere Größe und Form der ersten Zwischenstufe: der einzelnen Silikongipsformen oder Silikongips-Negative.

Das Seepferdchen wird vollständig eingegipst

Das Silikon wird in mehreren Schichten aufgebracht: Erst flüssig mit dem Pinsel, dann zäher – bis die Schicht mindestens vier Millimeter dick wird. An manchen Stellen muss sie verstärkt werden. Dann der Gips: Er kommt Schicht für Schicht, während er sich von flüssig zu dick wandelt, fünf Millimeter stark auf die Silikonhaut. Aber es geht noch komplizierter: Zur Armierung kommen Eisen in die erste Gipsschicht – „ein kräftezehrender Akt“. Die werden entlang der Form gebogen und mit dickeren Eisen versehen, die später als Griffe herausstehen. Wenn der Gips hart ist, nimmt Johannes Traub die Schale ab und löst die Silikonhaut, die exakt in die Gipsschale passt. Diese genauen Abdrücke der Tonfigur kommen in die Bronzegießerei. Im sogenannten Wachsausschmelz-Verfahren werden sie gegossen und dann zur Figur zusammengeschweißt. Fast unnötig zu erwähnen, dass dahinter wiederum einige aufwendige Arbeitsvorgänge stehen. Und: „Ein Kapitel für sich wären allein die Trennstoffe wie Wachse, Fette und Schellack“, meint der Kunstformengießer. Zusätzliche Gispkeile muss er anfertigen, wenn die Skulptur stärkere Hinterschneidungen hat.

Ist das Poseidon oder ein biederer „Geldmensch“?

Die Seepferdchen-Skulptur ist Stadtgespräch und lebhaft diskutiertes Thema in den sozialen Netzwerken. Hat ein Seepferdchen in der Rems schlicht und einfach nichts zu suchen? Hat sich der „Geldmensch“ in weißem Hemd in dreister Anmaßung die Natur unterworfen? Ist es nicht auffällig, wie verloren er dabei guckt? Ein moderner Poseidon, der nichts Göttliches oder Gewaltiges hat, vielmehr wie ein biederer Bürokrat wirkt? Wenn Kunst irritieren, zu Diskussionen und zum Nachdenken anregen will, dann hat sie ihr Ziel in diesem Fall schon erreicht.


Balkenhol und die Eva-Mayr-Stihl-Stiftung

Die Eva-Mayr-Stihl-Stiftung schenkte der Stadt Waiblingen die Figur „Mann auf Seepferdchen“ anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Galerie Stihl. Der Wert des Kunstwerks liegt im mittleren bis oberen sechsstelligen Bereich.

Das Gesamtgewicht von Figur und Boje beträgt rund 3500 Kilogramm. Damit handelt es sich um das größte schwimmende Werk des Künstlers. Befestigt wird die Boje an zwei Betonankern mit je rund einer Tonne Gewicht, die auf den Boden der Rems versenkt wurden.

Stephan Balkenhol gilt als der international renommierteste Künstler aus Deutschland. Er platziert seine Werke gern an ungewöhnlichen Standorten im öffentlich-urbanen Raum. „Seine Gestalten zeigen keine deutlich erkennbaren Emotionen. Dadurch ermöglichen sie dem Betrachter, die eigenen Gefühle, Wünsche und Hoffnungen zu reflektieren“, heißt es in einer Mitteilung der Stiftung.

Auch die Skulptur am Kreisel Neustädter Straße ist ein Balkenhol-Werk.

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