Spendenaktion für Remshaldener Delfin-Therapie hilft Schwestern mit seltenem Gendefekt

Selbst beim gemeinsamen Spielen mit ihren Töchtern Lea (rechts) und Rebecca (links) bauen Katharina Voss und Achim Schmidt Logopädie-Übungen mit ein. „Es ist nicht trennbar“, sagen sie. Trotzdem kommt der Spaß nicht zu kurz. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Remshalden. Das Piepsen des Pfandautomaten im Endersbacher Remstalmarkt klingt derzeit wie Delfingesang in den Ohren der Familie Voss/Schmidt aus Grunbach. Denn die Kunden können ihren Pfandbon spenden und damit den Schwestern Lea und Rebecca zwei Wochen delfingestützte Therapie ermöglichen – eine heilsame Auszeit vom therapiebestimmten Alltag, nicht nur für die Kinder.

Lea sitzt am Tisch und gähnt. Es ist 16 Uhr, sie ist gerade aus der Schule gekommen, es war ein anstrengender Tag: 20 Bahnen sei sie geschwommen, hat sie ihren Eltern Katharina Voss und Achim Schmidt erzählt. Viel mehr erfahren sie von ihrer Tochter nicht, denn Sprechen fällt Lea schwer. Die 18-Jährige und ihre 15-jährige Schwester Rebecca haben eine seltene genetische Erkrankung, vergleichbar mit einer Trisomie 21, dem Down-Syndrom. Ihre sprachliche, kognitive und motorische Entwicklung ist verzögert. „Es gibt Entwicklungsschritte, aber sie werden beide niemals auf dem Niveau eines gesunden Kindes sein“, erklärt Katharina Voss.

Große Probleme im Umgang mit Menschen

„Die einzige Form, in der Lea richtig erzählt, ist, wenn sie schreibt. Da bekommt man mit, was sie beschäftigt“, verrät Achim Schmidt und legt einen Stapel beschriebener Blätter auf den Tisch. Buchstaben reihen sich aneinander und bilden Wörter, so wie Lea sie versteht. Manche Buchstaben hat sie ausgelassen, andere doppelt und dreifach geschrieben oder verwechselt. Manche Wörter sind für Außenstehende nicht zu verstehen, aber eines taucht immer wieder klar und deutlich auf: Delfin.

Dass Lea sich einem Blatt Papier eher anvertraut als den Menschen um sie herum, liegt daran, dass sie neben dem Gendefekt auch eine Autismus-Spektrum-Störung hat. Sie habe große Probleme im Umgang mit anderen Menschen, erklärt ihr Vater. „Ich versuche, ihr beizubringen, wie normale soziale Interaktion funktioniert. Ich übe mit ihr, wie man sich Freunde macht.“ Dafür probt er mit ihr immer wieder, wie man sich richtig vorstellt und seinem Gegenüber begegnet. Einen guten Freund hat Lea allerdings bereits ganz ohne förmliche Bemühungen gefunden: ihren Therapie-Delfin vom Curaçao Dolphin Therapy Center.

Delfine stärken das Selbstwertgefühl und motivieren zur Selbstständigkeit

2017 ist die Familie das erste Mal auf die Insel der niederländischen Antillen gereist, um die delfingestützte Therapie auszuprobieren. Die Effekte seien erstaunlich gewesen, erinnert sich Katharina Voss: „Das Verwunderlichste war: Lea ist von heute auf morgen trocken geworden.“ Und auch bei Rebekka, einem fröhlichen Mädchen, das man allerdings kaum versteht, habe die Delfintherapie etwas ausgelöst. „Sie wollte plötzlich alles selber machen.“ Auch wenn mehr Selbstständigkeit zum Beispiel beim Anziehen oder Waschen ein erklärtes Ziel der Therapie war, so habe sie diese Entwicklung auch vor neue Herausforderungen gestellt, berichten die Eltern schmunzelnd. „Es war eine anstrengende Zeit, das richtige Maß zu finden. Wie viel traue ich meinem Kind zu, wann stoppe ich es?“, berichtet Katharina Voss, und Achim Schmidt ergänzt: „Wir haben es dann in Bahnen gelenkt, so dass es alltags- und nervenkompatibel ist. Damit wir nicht jede Woche das Bad renovieren müssen.“

Neben der Selbstständigkeit fördere die delfingestützte Therapie insbesondere auch das Selbstwertgefühl der Kinder. Aufgrund der fast alltäglichen Logopädie-, Ergo-, Physio- oder Reit-Therapiebesuche im Alltag sei Lea und Rebecca natürlich bewusst, dass etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist. Da sei es gut, wenn der Delfin ihnen vorurteilsfrei begegnet und sie auch ihre Selbstwirksamkeit an ihm erproben können.

Therapie-Konzept bezieht die ganze Familie mit ein

In gewisser Hinsicht sei der zweiwöchige Aufenthalt auf Curaçao eine Therapie für die Nebenwirkungen der Therapien. Eine effektive Auszeit für therapiemüde Kinder - und deren Eltern. Denn das Konzept in Curaçao bezieht die ganze Familie mit ein. „Es war das erste Mal, dass mich eine Therapeutin gefragt hat, wie es mir geht“, erzählt Voss. Seit 18 Jahren begleitet, unterstützt und fördert die studierte Betriebswirtin ihre Kinder und gibt zu: „Ich habe es mal ein halbes Jahr hinausgezögert, bis ich eine neue Therapeutin angerufen habe - und dann war meine erste Frage: ‚Wie viele Übungen muss ich zu Hause machen?’“

Schwere Geburt: Gewissheit erst nach drei Jahren

Als Lea geboren wurde, hieß es zunächst, sie sei „ein bissle entwicklungsverzögert“. Diverse Tests endeten ohne Ergebnis. Erst als Lea drei Jahre alt war, wurde durch Untersuchungen am humangenetischen Institut in Stuttgart der seltene Gendefekt entdeckt. Damals war Rebecca bereits unterwegs. Das Risiko, dass auch sie die genetische Erkrankung hat, wurde als „äußerst gering“ eingestuft.

Auf Curaçao bekommen auch Katharina Voss und Achim Schmidt psychologische Unterstützung und zudem hilfreiche Tipps für den Alltag mit Lea und Rebecca. Zum Beispiel hat Voss eine mit Bohnen gefüllte Decke genäht, mit deren Gewicht auf sich Lea sich selbst besser spüren und so abends besser einschlafen kann. Eine Sandweste hilft der 18-Jährigen, sich zu beruhigen, wenn sie sich aufregt und dann auch mal aggressiv wird.

Ausbildung bei der Paulinenpflege

Nach der Delfintherapie 2017 sei Lea ausgeglichener gewesen. Leider habe dieser Zustand nicht angehalten. Vielleicht beim nächsten Mal, hofft das Paar. Denn nur so könne Lea in Zukunft irgendwann an der Gesellschaft teilhaben. Sie mache gerade bei der Paulinenpflege eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin. Dabei lerne sie, zum Beispiel durch das präzise Zusammenlegen von Laken, Dinge wie Genauigkeit, Arbeitsmoral und Durchhaltevermögen –wichtige Fähigkeiten für eine Arbeit später in den Werkstätten. Aggressives Verhalten sei in der Werkstatt aber immer ein K.-o.-Kriterium, erklärt Achim Voss. „So verbaut sie sich die Integration.“

Mutter und Vater wünschen sich, dass ihre Kinder eines Tages in der Lage sein werden, in eine Wohngruppe zu ziehen und dort auf möglichst wenig fremde Hilfe angewiesen zu sein. Bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg, der – so hofft die Familie – sie noch weitere Male zu den Delfinen nach Curaçao führen wird.


Zur Delfintherapie am CDTC

Die reinen Therapiekosten für Lea und Rebecca belaufen sich auf rund 20 000 Euro.

Jedem Kind werden für die zwei Wochen ein entsprechend seiner Defizite ausgewählter fester Therapeut, ein fachkundiger Assistent, ein Delfintrainer und ein Delfin, ein großer Tümmler, zugewiesen.

Eine tägliche Therapie-Einheit dauert zweieinhalb Stunden. Eine Stunde davon, mit Pause, verbringt das Kind mit dem Delfin im Wasser. Am Ende ist jeweils eine Therapiebesprechung mit den Eltern.

Am Curaçao Dolphin Therapy Center arbeiten in Holland oder Deutschland diplomierte und zertifizierte Therapeuten. Diese agieren als interdisziplinäres Team, die verschiedenen Fachdisziplinen werden miteinander verbunden. Während der Therapie wird Deutsch gesprochen. 

  • Bewertung
    16

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!