Streit um rechte Hetze bei Daimler Hilburger und die rassistischen Whatsapp-Nachrichten

Symbolbild. Foto: Pixabay (CCO Public Domain)

Althütte. Oliver Hilburger aus Althütte und ein Mann aus der Gemeinde Plüderhausen spielen Schlüsselrollen in einem Fall, der seit geraumer Zeit das Daimler-Werk Untertürkheim aufwühlt. Es geht um rassistische Whatsapp-Botschaften an einen türkischstämmigen Kollegen.

Der Youtube-Film ist 35 Minuten lang und top-professionell gemacht: melancholische Landschaftstotalen im Dämmerlicht, Großaufnahmen von aufgewühlten Gesichtern, dazu Hintergrundmusik, mal düster dräuend, mal klavierschwanger melancholisch. Produziert hat den Streifen das Zentrum Automobil, eine Betriebsratsgruppe im Daimlerwerk Untertürkheim, die sich als alternative Gewerkschaft versteht. Ihr Kopf ist Oliver Hilburger aus Althütte – von 1989 bis 2008 spielte er bei der Rechtsrockgruppe Noie Werte, die berühmt wurde, weil die NSU-Terrorgruppe ein Bekennervideo mit Liedern der Band unterlegt hatte.

Der Youtube-Film – Hilburger tritt darin als eine Art Chef-Kommentator auf – handelt von zwei Männern, die sich als Opfer sehen. Die beiden – der eine lebt in der Gemeinde Plüderhausen – wurden bei Daimler fristlos entlassen, obwohl einer von ihnen seit 35 Jahren hier arbeitet und unters Schwerbehindertenrecht fällt. Von „Denunziation und Willkür“ ist die Rede im Film und davon, „wie einfach es heute ist, jemand anzuschwärzen“.

Die Vorwürfe 

Was wirft man den beiden vor? Einer der Entlassenen erzählt: Er habe mal im Betrieb ein Whatsapp-Bildchen angeschaut, „ich hab das ja auch nur von irgendwelchen Leuten zugeschickt gekriegt“, derlei bekomme man eben „jeden Tag“. Ein türkischstämmiger Kollege habe das auch sehen wollen: „Bitte schick mir das.“ Also „hab ich’s halt verschickt an ihn“. Das Bildchen habe eine Tafel Ritter Sport gezeigt, per Fotoshop umgebaut in „Hitler Sport“; dazu ein Hakenkreuz.

Und das reicht, um „abgeführt“ zu werden, „schlagartig, zack, von heute auf morgen“, nach 35 Betriebsjahren? Ihre Existenzen seien „am Arsch“, klagen die Männer. Tränen fließen. Einer berichtet von Selbstmordgedanken. Und Hilburger ordnet ein: Hier seien die Auswüchse des „Co-Managements“ am Wirken, einer allzu großen Gefügigkeit der IG-Metall-Betriebsräte gegenüber der Geschäftsführung. Die Entlassungen seien „ein Skandal“.

Die Whatsapp-Nachrichten

Es gibt aber noch eine andere Version der Geschichte. Sie ist nicht mit Musik unterlegt und enthält keine erhabenen Kamera-Blicke auf die deutsche Heimatscholle. Sie besteht nur aus Buchstaben – im Urteil des Arbeitsgerichts, das sich im März mit einem der beiden Fälle befasst hat, heißt es: Die fristlose Kündigung „ist rechtswirksam“, die Klage des Entlassenen dagegen „wird abgewiesen“. Dieses Urteil listet nicht eine, sondern 20 Whatsapp-Nachrichten auf, mit denen der Entlassene seinen türkischen Kollegen überzogen habe. Beispiele:
 

  • Ein Foto zeigt einen Wehrmachtsoldaten mit Schnellfeuergewehr: „Das schnellste deutsche Asylverfahren lehnt bis zu 1400 Anträge in der Minute ab!“
  • Adolf Hitler in einem Bilderrahmen, dazu die Schrift: „Ohne dich ist alles doof.“
  • Eine Textbotschaft: „Was halten Sie von Flüchtlingen? Abstand! Wie stehen Sie Flüchtlingen gegenüber? Mit dem Gewehr im Anschlag. Haben Sie etwas gegen Flüchtlinge? Pistolen, Maschinengewehre, Handgranaten.“
  • Ein Reichsadler mit Hakenkreuz; dazu Text: „Auf dass der Adler wieder fliegt“.
  • Eine Audionachricht: „Sieg Heil“-Rufe.
     

Und so weiter. Nachrichten, die man halt „jeden Tag“ von „irgendwelchen Leuten zugeschickt kriegt“ und, ohne Böses zu denken, an einen ausländischen Kollegen weitersendet? Drei Whatsapp-Botschaften indes hebt das Gericht besonders hervor, weil sie nicht nur rassistisch, gewaltnah, nazibegeistert klingen, sondern konkret beleidigend und bedrohlich wirken müssen, wenn man sie einem Türkischstämmigen muslimischen Glaubens aufs Handy pflanzt:
 

  • Das Bild eines Muslims beim Gebet, sein Gesicht dicht am Gebetsteppich; dazu der Text: „Der neue Vorwerk ist da – Modell Fussellutscher IS 3000“.
  • Eine Hakenkreuzfahne, dazu der Text: „Wenn dich diese Flagge stört, helfe ich dir beim Packen.“
  • Ein „Witz“: Ein Mann sieht zwei „Scheißtürken“ auf der Straße und hält mit dem Auto voll auf sie drauf – der eine fliegt durch die Frontscheibe, der andere wird in einen Hauseingang geschleudert. Danach: Gerichtsverhandlung. Der Richter spricht ein Urteil: gegen den einen Türken wegen Sachbeschädigung, gegen den anderen wegen Hausfriedensbruchs.


Das Arbeitsgerichtsurteil verweist dazu noch auf die Zeugenaussage des Betroffenen in der Verhandlung: Als „Arschloch“, „Ziegenficker“ und „Dreckstürkenpack“ sei er von den beiden bezeichnet worden. Das Gericht folgert, dass der Mann „über mehrere Monate massiv beleidigt“ wurde.

Diskussion vor dem Werkstor

Von all dem kommt im Youtube-Film um Oliver Hilburger nichts vor.

Nachtrag: Es kursiert eine Filmaufnahme von einer Diskussion vor dem Daimler-Werkstor. Oliver Hilburger sagt: „Ich möchte nicht, dass hier jemand arbeitslos wird, nur weil er“ – Hilburger stockt und setzt neu an: „Egal, was er gemacht hat; ein Whatsapp-Video verschickt.“ Ein IG-Metaller entgegnet: „Du verteidigst Menschen, die posten: Wie baue ich einen Muslim?“ Und dazu zeige ein Bild, wie einem Menschen der Kopf geöffnet werde – „Gehirn raus, Scheiße rein“. Hilburger sagt: Es sei „traurig, dass ihr so engstirnig seid“.


Kommentare

Das Hilburger-Video, online seit Anfang Juli, erregt auf Youtube beachtliches, wenn auch nicht unerhörtes Aufsehen – aktuell steht der Zähler bei knapp 80 000 Zugriffen. In der Kommentarspalte drunter aber geht es heiß her ...

Einerseits erfahren die beiden Entlassenen viel Zuspruch: „Dieses Vorgehen ist ja schlimmer als früher in der DDR.“ – „Ich bin schockiert, was in diesem Land abgeht. Wo soll das noch hinführen?“ – „Das kommt von oben, von unserer aktuellen Regierung – der SED!“ – Weiß irgendjemand, ob man irgendwo für die beiden Herren spenden kann?“ – „Es kommt der Tag der Rache, fürwahr, er kommt einmal.“

Andererseits gibt es ordentlich Gegenwind: „Zwei waschechte, rückgratlose Lappen: Scheiße bauen, nicht dazu stehen und dann noch auf Opfer machen.“ – „Jetzt zeigt doch mal Rückgrat und steht zu eurem Nazizeug. Wenn das der Führer sehen würde ...“ – „Spätestens, wer sich das Urteil durchliest, erkennt unser aktuell größtes Problem: Menschen mit diesem Gedankengut, die der Meinung sind, nichts Verwerfliches zu tun.“

Der Film selber wird auch kommentiert: „Filme mit Hintergrundmusik meiden, danke.“ – „Bitte das nächste Mal Untertitel, wenn ihr Schwaben mitspielen lasst.“

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