Stuttgart/Waiblingen Nähe zwischen AKP, Ditib und Milli Görüs

Erdogan und seine AKP gelten als Milli-Görüs-nahe und Milli Görüs wird als türkischer Ableger der anti-westlichen Muslim-Bruderschaft und als Organisation des politischen Islamismus in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet. Die AKP (Adalet ve Kalkinma Partisi, Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) gründete sich als Abspaltung der 2001 verbotenen Tugendpartei (Fazilet Partisi), die wiederum aus der Ende 1997 vom kemalistischen Militär-Staat verbotenen Wohlfahrtspartei (Refah Partisi) des Milli-Görüs-Gründers Necmettin Erbakan hervorgegangen war.

Enge Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit von Ditib- und Milli-Görüs-Moscheevereinen in Deutschland kann als mehr oder weniger eng bezeichnet werden. Während beispielsweise in Schorndorf Ditib-Funktionäre sich in der Vergangenheit immer wieder von der Milli-Görüs-Gemeinde im Ort distanziert haben, scheint die Kooperation in Waiblingen schon einige Zeit enger zu sein.

Die Waiblinger Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) kooperierte zum Beispiel einige Jahre bei den Feierlichkeiten zum Gedenken an den Geburtstag des Propheten Muhammed im Frühjahr mit der Ditib. Pikantes Detail im Jahr 2011: Gleichzeitig feierten Mitglieder der türkischen Gemeinschaft auch die Eroberung des christlichen Konstantinopels (heute: Istanbul). Die als Milli-Görüs-nahe geltende Zeitung Milli Gazete vom 6. Juni 2011 berichtete darüber.

558. Jahrestag „mit einem großartigen Programm“ gefeiert

Der Artikel trug den Titel „Großartiges Festprogramm zur ‘Gesegneten Eroberung’ in Waiblingen“. Der 558. Jahrestag der Eroberung Istanbuls wurde demnach in der Gemeindehalle Neustadt „mit einem großartigen Programm“ gefeiert. Die Organisation der „Gesegnete Eroberung“ genannten Veranstaltung erfolgte gemeinsam durch die IGMG und die Ditib, so die Milli Gazete. Das Programm beinhaltete eine Koranlesung, das Singen der türkischen Nationalhymne und die Rezitation von Gebetshymnen. Hinzu kamen Grußworte durch den Vorsitzenden der IGMG Waiblingen, Kazim Gezgin, den Vorsitzenden der IGMG-Region Württemberg für den Bereich religiöse Rechtleitung, Necati Sezgin, und den Religionsattaché des Stuttgarter Generalkonsulats. Ein aus der Türkei angereister Prediger führte das Publikum mit einer Rezitation zurück ins „Zeitalter der Glückseligkeit“ (die Zeit Mohammeds und seiner Gefährten oder die Zeit Sultan Mehmeds II., des Eroberers von Konstantinopel?).

Vereinzelte Kooperationen zwischen Milli Görüs und Ditib

Ja, es gebe Kooperationen zwischen Milli Görüs und der Ditib, sagte Bernhard Lasotta dieser Zeitung. Aber genauso wie bei den Spitzelvorwürfen gegen Ditib-Funktionäre scheinen diese nicht flächendeckend, sondern nur vereinzelt und individuell zu sein. „Das Ausmaß rechtfertigt noch nicht, zu fordern, dass die Ditib auch vom Verfassungsschutz beobachtet werden müsse.“

Auch UETD bereitet Sorgen 

Sorgen machen Lorek und Lasotta auch die „Union Europäisch-Türkischer Demokraten“ (UETD), der europäische Ableger der Erdogan-Partei AKP. Die UETD sei scheinbar ebenso in das Netzwerk zwischen Konsulaten, dem türkischen Geheimdienst und dem türkischen Rockermilieu verstrickt.

Zitate

Siegfried Lorek: „Die Entwicklung in der Türkei ist bedenklich. Täglich erreichen uns Meldungen wie die der Inhaftierung oder Suspendierung Tausender Polizisten in der Türkei. Das widerspricht allem, was wir in Europa als Grundkonsens des Rechts kennen. Trotzdem stimmen diesem Kurs Zehntausende hier lebender und aufgewachsener Bürgerinnen und Bürger türkischer Abstimmung zu. Deshalb können wir diese Beeinflussung durch Ditib in Deutschland nicht akzeptieren.“ 

Dr. Bernhard Lasotta: „Die türkischen Behörden – und hierzu gehören als verlängerter Arm Teile der Ditib – versuchen die türkischstämmige Bevölkerung in einer AKP-treuen Parallelwelt zu halten und zu befeuern. Deswegen müssen wir aus integrationspolitischer Sicht den Einfluss der Türkei gegen eine freie Entfaltung der türkischstämmigen Bevölkerung in unsere gute Rechts- und Werteordnung zurückdrängen. Wir müssen die aufgeklärten Kräfte des Islam und in der Ditib stärken und nicht den orthodoxen und nationalistischen Strömungen aus der Türkei ein Podium geben. Ansonsten wird eine Integration in unsere Gesellschaft nicht gelingen.“ 

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