Taktik-Analyse So hat Tayfun Korkut den VfB stabilisiert

Taktische Spielereien wie ständige Systemwechsel oder ausgefallene Machtpläne sind nicht das Steckenpferd von VfB-Trainer Tayfun Korkut. Foto: Pixabay.com/Büttner/Montage: Mogck

Stuttgart. Tayfun Korkut hat den VfB Stuttgart in nur 14 Spielen von einem Abstiegskandidaten in einen Europa-League-Aspiranten verwandelt. Dabei setzte der 44-Jährige vor allen Dingen auf defensive Stabilität, eine eingespielte Stammformation und kleinere taktische Kniffe. Die erfolgreiche Rückrunde der Schwaben in der Taktik-Analyse.

Zum krönenden Abschluss einer bärenstarken Rückserie setzte der VfB am Samstag mit einem 4:1-Sieg beim amtierenden Meister München ein dickes fettes Ausrufezeichen hinter seine erste Saison nach dem Wiederaufstieg.

Ein Extra-Lob von Jupp Heynckes

Als Kirsche auf der Torte gab es nach dem Sieg in der Allianz Arena vom scheidenden Trainer-Altmeister Jupp Heynckes ein Extra-Lob: „Der VfB war heute sehr gut organisiert und hatte eine großartige Defensive. Ein verdienter Sieg. Sie haben ihre Konter überragend abgeschlossen.“

Trainer Tayfun Korkut hat den Aufsteiger in nur 14 Spielen von einem Abstiegskandidaten in einen Europa-League-Aspiranten verwandelt. Ende Januar übernahm der 44-Jährige den VfB auf dem 14. Tabellenplatz – und startete eine furiose Serie von sieben ungeschlagenen Spielen in Folge. Um zu verstehen, wie der gebürtige Stuttgarter den VfB wieder zurück in die Spur führte, lohnt ein Blick in seine Vergangenheit.

Der Trainer-Typ Korkut

Tayfun Korkut ist ein Pragmatiker. Seine großen Trainer-Lehrmeister waren der brasilianische Weltmeistertrainer Carlos Alberto Parreira, der langjährige spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque und Bundestrainer Joachim Löw. „Diese drei waren vor allem in der Mannschaftsführung für mich sehr wichtig", sagt Korkut.

Vor allem Jogi Löw, unter dem Korkut Ende der 90er Jahre in Istanbul trainierte, hatte maßgeblichen Einfluss auf Korkuts heutige Arbeitsweise.

Löw ist - wie Korkut auch - kein Fußball-Missionar im Stile eines Pep Guardiola, der in seine Ideen vernarrt ist. Bei beiden Trainern bestimmen die Umstände, welchen Fußball sie sehen wollen.

Das bedeutet konkret: Korkut passt seine Taktik an die realistischen Möglichkeiten seines Kaders an. Taktische Spielereien wie ständige Systemwechsel oder ausgefallene Matchpläne sind nicht Korkuts Steckenpferd. Stattdessen stehen kleinere taktische Kniffe und ein eingespieltes Kollektiv im Fokus.

Defensive Stabilität

Die Schwaben stellen mit lediglich 36 Gegentoren – und davon nur neun in der heimischen Arena – die zweitbeste Defensive der Bundesliga. Schon unter Korkuts Vorgänger Hannes Wolf standen die Stuttgarter defensiv extrem stabil und ließen kaum gegnerische Abschlüsse zu.

Auch bei seinen bisherigen Trainerstationen in Leverkusen, Hannover und Kaiserslautern war Korkut stets ein Anhänger der klassischen Viererkette. So auch beim VfB. Auf ihr fußt die defensive Stabilität der Roten.

Die Abstände zwischen den Mittelfeldspielern und der Abwehrreihe hielten die Stuttgarter stets so gering wie möglich. Auf diese Weise knüpften die Stuttgarter vor dem eigenen Tor ein engmaschiges Netz, durch welches selbst offensivstarke Teams wie Leverkusen und Hoffenheim kaum hindurchkamen.

„Da waren immer 18, 20 Beine im Weg", sagte beispielsweise TSG-Trainer Julian Nagelsmann nach der 0:2-Niederlage seiner Mannschaft über das kettenartig aufgezogene VfB-Abwehrbollwerk.

Ein überragender Torhüter

Gingen die Schwaben einmal in Führung, so wurde nach einer Stunde ein Stürmer aus- und ein Defensivspieler eingewechselt, was häufig mit einer Systemumstellung auf ein 5-4-1 oder ein 4-5-1 einherging. So igelten sich die Schwaben noch tiefer in der eigenen Hälfte ein und lauerten auf Konter.

Ein wichtiger Faktor für die stabile Stuttgarter Abwehr war auch Torhüter Ron-Robert Zieler, der gerade in den letzten Saisonspielen gegen Hoffenheim, Leverkusen und Bayern zu absoluter Höchstform auflief. In 34 Spielen hielt der ehemalige Nationlaltorhüter zwölf Mal seinen Kasten sauber. Lediglich Schalkes Keeper Ralf Fährmann konnte diesen Wert noch toppen. Er spielte 13 Mal zu Null.

„Vorne abstauben, hinten sauber bleiben"

Punkte vor Schönheit lautete Korkuts Devise nach seiner Amtsübernahme Ende Januar. Unter dem 44-Jährigen spielte der VfB einen sicheren, aber wenig spektakulären Fußball. „Vorne abstauben, hinten sauber bleiben", so lautet ein Kärcher-Werbeslogan, der während der Heimspiele in der Mercedes-Benz Arena über die Werbebande läuft. Treffender lässt sich die Stuttgarter Spielweise in der Rückrunde kaum zusammenfassen. 

Doch Gomez, Ginczek und Co. "staubten" nicht nur ab. Unter Korkut hat sich der VfB zu einer der effektivsten und konterstärksten Mannschaften der Liga entwickelt. Eroberten die Schwaben den Ball, dann ging es meist schnell und schnörkellos in Richtung gegnerisches Tor. Diese einstudierten Laufwege im Umschaltspiel waren in vielen Partien der Schlüssel zum Erfolg.

Christian Gentner blühte unter Korkut regelrecht auf

Die beiden "Ochsen" im VfB-Sturm gaben dem Offensivspiel der Schwaben deutlich mehr Tiefe. Sie waren die Anspielstationen für die langen und präzisen Bälle aus der Abwehr und sicherten diese für die nachrückenden Außenbahnspieler.

Korkut hat zudem maßgeschneiderte Rollen für jeden Stuttgarter Profi gefunden. Vor allem Kapitän Christian Gentner blühte unter Korkut regelrecht auf. Der 32-Jährige spielte nicht wie unter Vorgänger Hannes Wolf im Zentrum, sondern kam meist auf der rechten Außenbahn zum Einsatz. Dort konnte der "Capitano" seinen Kampfgeist und seine Leidenschaft besser ins Spiel einbringen und führte die Mannschaft so zu einem starken 7. Tabellenplatz.

Individuelle Matchpläne

Feste Strukturen und Abläufen gaben dem Stuttgarter Kollektiv die nötige Sicherheit. Dennoch stellte Korkut seine Mannschaft ganz individuell auf jeden Gegner ein. Aber auch hier arbeitete Korkut nicht mit großen Veränderungen, sondern beließ es bei kleineren Kniffen und Umstellungen.

So stellte er beispielsweise gegen den FC Bayern Stürmer Daniel Ginczek auf den linken Flügel oder gegen Werder Bremen den gelernten Innenverteidiger Timo Baumgartl auf die Rechtsverteidigerposition. Diese kleineren Anpassungen ermöglichten es Korkut, für jeden Gegner einen passenden Matchplan zu entwickeln ohne dabei sein Grundkonzept über den Haufen zu werfen.


Lese-Tipp: "Die Zeit der Strategen"

  • Lehrer, Taktikfuchs, Psychologe: Taktik-Experte Tobias Escher hat sich in seinem neusten Buch mit der Arbeit der innovativsten und mutigsten Fußballtrainer unserer Zeit beschäftigt.
  • In „Die Zeit der Strategen – Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“, porträtiert Escher elf Trainer, die den Fußball maßgeblich geprägt und verändert haben. Unter anderem Bundestrainer Joachim Löw, Real-Coach Zinedine Zidane und ManCity-Trainer Pep Guardiola.
  • Er erklärt ihre Trainingsmethoden und Spielphilosophien, beschreibt ihre tägliche Arbeit und erzählt, welche Menschen sie beeinflusst haben.
  • Autor Tobias Escher ist Mitbegründer des Taktikblogs Spielverlagerung.de. In der Internetsendung Bohndesliga analysiert er die Spiele der Bundesliga. Als freier Journalist schreibt Escher für Zeit Online, 11 Freunde und erarbeitet Taktikanalysen für das ZDF.
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