TVB 1898 Stuttgart Baumgarten mahnt zur Geduld

Simon Baumgarten steht vor seiner 15. Saison. Foto: Ralph Steinemann

Im August startet Simon Baumgarten in seine 15. Spielzeit beim Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner blickt der 32-Jährige auf die schwierige Saison zurück und warnt vor allzu großen Erwartungen. „Die Sache braucht Zeit, damit sie wachsen kann“, sagt der Kreisläufer.

Herr Baumgarten, welche Schulnote würden Sie dem TVB geben für die vergangene Saison?

Ich würde die Note 3 vergeben. Wir haben den Klassenerhalt vorzeitig geschafft und nicht auf den letzten Drücker wie in den vergangenen Jahren.

Vor der Saison sagten Sie, dass das Team stark genug sei für einen sicheren Mittelfeldplatz – vorausgesetzt, die Abläufe und Taktik stimmten. Passte es diesbezüglich nicht oder sehen Sie andere Gründe dafür, dass der TVB bis zum viertletzten Spieltag um den Ligaverbleib zittern musste?

Ich denke, dass man in der zweiten Saisonhälfte gesehen hat, was wir zu leisten imstande sind. Sicherlich hatten wir von Beginn der Saison an direkt mit etlichen Verletzungen zu kämpfen. Diese sollen keine Ausrede sein, nichtsdestotrotz ist ein Einspielen und Aufeinanderabstimmen mit teilweise nur fünf Mann im Training sicherlich sehr schwer. Hinzu kamen viele schwankende Leistungen in jedem Mannschaftsteil, in der Offensive wie in der Defensive. Obwohl wir weniger Punkte als vergangene Saison haben, waren wir vier Wochen vor Saisonende aus dem Abstiegskampf raus. Immerhin vier Wochen früher als vergangene Saison.

Nach zehn Niederlagen in Folge trennte sich der TVB von Markus Baur. In der vergangenen Saison war der Trainer vor allem in der schwierigen Schlussphase gelobt worden. Was stimmte plötzlich nicht mehr?

Wie schon erwähnt, war der Saisonstart von Verletzungen gezeichnet. Zu fast keinem Zeitpunkt war der Kader vollzählig. Etliche Spieler haben sich über Wochen durchgeschleppt, bis es nicht mehr ging. Ich denke da an Jogi Bitter, Max Häfner, Mimi Kraus oder Felix Lobedank. Die meisten Verletzungen waren keine Lappalien, sondern meist schwerwiegend. Durch so eine Niederlagenserie wächst der Druck auf alle Beteiligten enorm und setzt sich auch in den Köpfen der Spieler fest. Man will keine Fehler machen, was dann oft ins Gegenteil umschlägt.

Wie sieht Ihre Saisonbilanz im Detail aus? Wo hat sich der TVB weiterentwickelt, in welchen Bereichen gibt’s Luft nach oben?

Die Saisonbilanz ist wie so oft eine wellenförmige Anordnung von positiven und negativen Ergebnissen. Die beiden entscheidenden Phasen waren sicherlich die lang anhaltende Niederlagenserie und die Zeit danach, als wir uns aus diesem Tal gemeinsam wieder herausgekämpft haben. Auch das würde ich als Weiterentwicklung innerhalb der Mannschaft sehen. In den anderen Bereichen fehlt mir ein detaillierter Einblick, um das bewerten zu können. Sicherlich gab es durch unseren Trainager in der Geschäftsstelle eine Umverteilung und eine Weiterentwicklung.

Mit gemischten Gefühlen waren die Verantwortlichen, Spieler und Fans vor der Saison den neuen Anwurfzeiten sonntags um 12.30 Uhr oder 15 Uhr sowie donnerstags um 19 Uhr entgegengetreten. Wie ist Ihr Eindruck: Haben sie sich bewährt?

Ich war anfangs auch etwas kritisch. Ich habe aber auch gesagt, dass es dem Handball langfristig eher guttun wird, wenn es einheitliche Anwurfzeiten gibt wie im Fußball. Zu Saisonbeginn hatten sicher alle Mannschaften etwas Probleme mit dem Zuschauerzuspruch. Gegen Ende der Saison hat sich das aus meiner Sicht etwas relativiert, ohne dass ich genaue Zahlen kenne. Ich für meinen Teil habe mich mit diesen Anwurfzeiten angefreundet und hoffe, dass der Sonntag um 12.30 Uhr für den Handball den Stellenwert bekommt, wie ihn der Samstag um 15.30 Uhr für den Fußball hat.

Von den Live-Übertragungen im Bezahlfernsehen erhofften sich die Macher eine größere mediale Präsenz des Handballs. Ist diese Rechnung Ihrer Meinung nach aufgegangen?

Auch hier kenne ich keine genauen Zahlen. In meinem direkten Umfeld höre ich aber immer öfter, dass sich jemand unser Spiel im TV angeschaut hat. Alles in allem tut dem Handball eine derartige Professionalisierung richtig gut. Es ist eine deutliche Aufwertung des Sports.

Im April haben Sie Ihren Vertrag beim TVB um ein weiteres Jahr verlängert, gehen damit in Ihre 15. Saison bei den Bittenfeldern und werden als deren Urgestein betitelt. Laut Definition gehört jemand zum Urgestein einer Sache, wenn er dabei seit langem erfolgreich ist und sich einen Namen gemacht hat. Können Sie mit dieser Bezeichnung leben oder führt sie Ihnen vielmehr vor Augen, dass es mit der sportlichen Karriere demnächst zu Ende gehen wird?

Ja, mit der Definition kann ich sicher gut leben. Als ich vor 15 Jahren meinen ersten Vertrag hier unterschrieben habe, konnte ja keiner ahnen, dass ich jetzt immer noch hier bin. Dies fasse ich einfach als Kompliment für meine Leistung in den vergangenen 14 Jahren auf.

Seit der vergangenen Saison teilen Sie sich die Kreisläuferposition mit einem anderen sehr bodenständigen Spieler. Wie lief’s mit Manuel Späth?

Super. Wir kennen uns gefühlt eine Ewigkeit. Wir haben schon zu Jugendzeiten gegeneinander gespielt. Da agierte Manu sogar noch im Rückraum. Dass wir dann 20 Jahre später einmal gemeinsam auflaufen, ist schon ein wenig verrückt.

Wichtiger Bestandteil im Training des TVB sind die Fußballspiele Jung gegen Alt. Bezüglich Späths Fußballkünsten hatten Sie im Vorfeld leise Zweifel angemeldet. Wie hat er sich denn präsentiert?

Gut, an dieser Stelle muss ich nun doch zurückrudern, denn in dieser Saison ist Manu Torschützenkönig geworden. Teilweise musste er natürlich nur noch den Ball über die Linie stochern. Aber auch das muss gemacht werden. Es waren aber auch echt gute Tore dabei. Er ist ein absolut verdienter Torschützenkönig – mit deutlichem Abstand auf Platz zwei.

Wagen Sie doch bitte einen kurzen Ausblick: Erlebt der TVB endlich einmal eine sorgenfreie Saison?

Sportlich erhoffe ich mir natürlich, dass wir frühzeitig in ruhigen Gefilden der Tabelle agieren. Das gibt nicht nur Planungssicherheit, sondern ermöglicht auch eine Weiterentwicklung. Man sollte der Sache Zeit geben, damit sie wachsen kann. Und man sollte nicht vergessen, wo wir hergekommen sind. In den vergangenen zehn Jahren sind 90 Prozent aller Aufsteiger in die 1. Bundesliga direkt wieder abgestiegen. Der TVB hingegen geht in knapp zwei Monaten in seine vierte Saison in Folge im Oberhaus.


Simon Baumgarten

Simon Baumgarten wurde am 6. September 1985 in Göppingen geboren. Er begann beim TV Wißgoldingen mit dem Handballspielen und wechselte im Jahr 2001 zum TSV Süßen. 2004 schloss er sich dem Landesligisten SG Lauter an, für den er zwei Jahre spielte. Zur Saison 2004/2005 wechselte der Kreisläufer zum TV Bittenfeld und lief per Zweifachspielrecht für den Erstligisten FA Göppingen auf. In der Saison 2014/2015 stieg Baumgarten mit dem TVB in die Bundesliga auf.

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