TVB 1898 Stuttgart Saisonrückblick: Wieder eine Achterbahnfahrt

TVB-Trainer Jürgen Schweikardt blickt nach dem gelungenen Trainingslager im Ultental zuversichtlich nach vorne. Foto: Ralph Steinemann

Komfortable sechs Punkte trennen den Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart am Ende von einem Abstiegsplatz. Eine entspannte Saison indes war’s nicht, der Ligaverbleib war erst am viertletzten Spieltag sicher. Anhaltendes Verletzungspech machte dem TVB zu schaffen, im Februar trennte sich der Verein von seinem Trainer Markus Baur.



War’s eine erfolgreiche Saison für den TVB? Kommt darauf an, aus welchem Blickwinkel sie betrachtet wird. Mit den 20 Punkten, die das Team sammelte, wäre es in der vorangegangenen Saison abgestiegen. Da hatte der TVB mit 23 Zählern einen Punkt Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang und musste bis zum letzten Spieltag zittern. In dieser Spielzeit hätten, bei zwei statt drei Absteigern, 15 Punkte zum Ligaverbleib gereicht. Den machte der TVB am viertletzten Spieltag klar. Ein Vergleich der beiden Spielzeiten ist also wenig erhellend.

Als Saisonziel hatten die Verantwortlichen den frühzeitigen Ligaverbleib ausgegeben. „Jetzt müsste man definieren, was man unter frühzeitig versteht“, sagt der Trainer und Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. „Im Ernst: Wir hatten uns das schon ein bisschen anders vorgestellt.“

TVB überrascht zum Auftakt

Dabei hatte die Spielzeit, wie jene davor, ordentlich begonnen. Zum Auftakt überraschte der TVB mit dem 29:27 Sieg gegen die hochgehandelte MT Melsungen, auch die Eulen aus Ludwigshafen hielt er in Schach (25:22). Nach dem 23:21-Auswärtssieg gegen FA Göppingen standen 6:6 Punkte zu Buche. In den restlichen 13 Partien bis zur EM-Pause im Januar kamen allerdings lediglich noch drei Punkte hinzu. Zwei Zähler trennten den TVB von den Abstiegsplätzen. „Hätten wir 14 statt neun Punkten gehabt, wäre alles viel einfacher gewesen“, sagt Schweikardt.

Baur muss den TVB im Februar verlassen

So machten sich die Verantwortlichen Gedanken um die Position des Trainers. Eigentlich war geplant, den Vertrag mit Markus Baur noch im alten Jahr zu verlängern. „Wir erkannten aber keine Tendenz, dass sich die Mannschaft weiterentwickelt“, so Schweikardt. „Wir waren so schlau wie zu Saisonbeginn.“ Die Entscheidung, sich von Baur zu trennen, fiel im Grunde nach der 21:24-Pleite beim späteren Absteiger TuS Nettelstedt-Lübbecke. Bei der anschließenden 26:33-Niederlage gegen den TSV Hannover-Burgdorf saß Baur zum letzten Mal auf der Trainerbank, nach 0:20 Punkten musste er gehen.

„Sicherlich ist Markus auch das große Verletzungspech zum Verhängnis geworden“, sagt Schweikardt. „Man kann natürlich sagen, wir haben zu früh reagiert, aber irgendwann müssen Entscheidungen getroffen werden.“ Andererseits würden die Verantwortlichen nun einmal an Resultaten gemessen, und die seien nicht da gewesen.

Perfekter Einstand für Trainer Schweikardt

Der Geschäftsführer Jürgen Schweikardt füllte fortan, zum zweiten Mal beim TVB, die Doppelrolle Trainer/Geschäftsführer aus. Und er erwischte einen perfekten Einstand mit dem 25:24-Sieg in Ludwigshafen. Stark präsentierte sich der TVB auch bei der 31:32-Niederlage gegen den SC Magdeburg und beim 29:25-Sieg in Erlangen. In den folgenden vier Spielen blieb das Team ungeschlagen, holte auch die wichtigen Punkte in Gummersbach (26:25). Nach dem 29:26 in Minden war der TVB drei Spieltage vor Schluss alle Abstiegssorgen los.

Zum Saisonende gab’s noch zwei Schönheitsfehler in der Amtszeit des Interimstrainers: Bei den Heimniederlagen gegen Göppingen (23:30) und Wetzlar (26:36) vergraulte das Team seine Zuschauer mit lauwarmen Darbietungen. „Wir gehen jetzt leider mit einem schlechten Gefühl in die Pause“, sagt Schweikardt. „Das bleibt bei den Fans hängen und tut uns sehr leid.“

Die Leidenschaft ist nie erloschen

Dem Trainer/Geschäftsführer haben diese Auftritte nicht geschadet – im Gegenteil: Vor dem letzten Spiel gab der Verein bekannt, dass Schweikardt einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat. Als Trainer und „halber“ Geschäftsführer, der für die Bereiche Sport, Kommunikation und Organisation verantwortlich ist. Ein zweiter Geschäftsführer, der sich um die Finanzen kümmern wird, soll in Kürze eingestellt werden.

„Es war ein Prozess, der dazu geführt hat, dass ich mir ernsthafte Gedanken gemacht habe, als Trainer weiterzumachen“, sagt Schweikardt. Seine Leidenschaft für diesen Job sei auch während seiner Geschäftsführer-Tätigkeit nie erloschen. Spätestens nach dem Sieg in Gummersbach habe er gemerkt, „die Dinge laufen konstant, das Konzept funktioniert“. Bestärkt in seinem Entschluss hätten ihn die positiven Signale aus der Mannschaft. „Das haben auch die Gesellschafter gespürt und so ist die Sache ins Laufen gekommen.“

Schweikardt blickt optimistisch auf die neue Saison

Optimistisch blickt Schweikardt auf die vierte Saison im Handball-Oberhaus. „Ich denke, ich kann noch den einen oder anderen Impuls setzen.“ Auch wirtschaftlich sei alles im Lot. Die Lizenz bekam der TVB ohne Auflagen, der Etat von 3,9 Millionen Euro wird in etwa gleich bleiben. „Wir haben ihn binnen zwei Jahren verdoppelt und können ihn nicht jedes Jahr steigern“, so Schweikardt. „Es ist wichtig, dass wir uns jetzt konsolidieren.“

Mit der Firma Becker Kunststofftechnik aus dem Raum Sigmaringen gewann der TVB kurz vor dem Ende der Saison einen neuen Exklusivpartner. Das zeigt, dass das Projekt TVB 1898 Stuttgart – nach dem Umzug nach Stuttgart und der Namenserweiterung – auch für Sponsoren außerhalb des Verbreitungsgebiets interessant ist.

3716 Fans pro Spiel

Zufrieden war Schweikardt auch mit dem Zuschauerzuspruch. Mit 3716 Fans im Durchschnitt hat der TVB die Marke der vergangenen Saison nahezu wieder erreicht. Auch hier gelte es, den Bestand zu sichern. Immerhin schlugen sich die „gewöhnungsbedürftigen“ Anwurfzeiten, die dem Vertrag mit dem TVB-Sender Sky geschuldet sind, nicht in den Zuschauerzahlen nieder. „Wir müssen damit leben, wenn der Handball vorankommen möchte“, sagt Schweikardt.

Wenig Bewegung wird’s im Kader geben. Lukas von Deschwanden und David Schmidt sind die einzigen Neuzugänge, fünf Spieler verlassen den TVB. 14 Feldspieler stehen dem Trainer zur Verfügung. „Auch hier setzen wir auf Kontinuität. Wir sind eingespielt und haben ein stabiles Team zusammen.“


Es bleibt spannend

Kommentar von Thomas Wagner

In seinem ersten Jahr in der Eliteklasse hat die Insolvenz des HSV Hamburg den TVB vor dem Abstieg gerettet, in der zweiten Saison musste er bis zum letzten Spieltag zittern. Nun war vier Partien vor Schluss alles klar. So gesehen, hat sich der TVB weiterentwickelt. Allerdings bis Februar nicht in dem Maße, wie es sich die Verantwortlichen vorgestellt hatten. Deshalb musste der Trainer Markus Baur, nach zehn Niederlagen in Serie, gehen. Naheliegend und nachvollziehbar war’s, dass der Geschäftsführer Jürgen Schweikardt einsprang bis zum Saisonende.

Es hat funktioniert. Und der Geschäftsführer Schweikardt überzeugte die Gesellschafter offensichtlich auch in der Trainerrolle, weshalb sie ihm einen Dreijahresvertrag anboten. Zudem bleibt Schweikardt in der Geschäftsführung. Die interne Doppellösung und lange Vertragslaufzeit sind ungewöhnlich in der Bundesliga – und bieten eine breite Angriffsfläche, falls der Erfolg ausbleiben sollte. Die Schweikardt-Kritiker rümpfen die Nase ob der anhaltenden Machtfülle, schließlich hatten sie sich eine externe Lösung und frischen Wind gewünscht. Andererseits zählen im Profisport die Ergebnisse. Die hat Jürgen Schweikardt in den vergangenen Jahren geliefert – sowohl als Geschäftsführer wie auch als Trainer.

Es bleibt spannend beim TVB.

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