TVB 1898 Stuttgart Samuel Röthlisberger: Schweizer Präzisionsarbeit

Der Youngster Samuel Röthlisberger (21/links) hat sich an der Seite des Routiniers Manuel Späth (32) sehr gut entwickelt. Foto: Ralph Steinemann

Die Saison in der Handball-Bundesliga ist zwar noch nicht zu Ende und der abstiegsgefährdete TVB 1898 Stuttgart nicht über dem Berg. Einer indes darf sich jetzt bereits als Gewinner fühlen: Samuel Röthlisberger, Neuzugang aus Bern, ist in der Defensive gesetzt. Mit seinen 21 Jahren spielt der Schweizer erstaunlich abgezockt. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt er. „Ich muss aber noch ein bisschen lauter werden.“

Wer die Schweiz und Handball zusammenbringt, denkt zwangsläufig – und fast ausschließlich – an Andy Schmid. Der Spielmacher des Deutschen Meisters Rhein-Neckar Löwen gilt als einer der Weltbesten auf dieser Position. Allerdings hat außer Schmid lediglich Alen Milosevic, der in Leipzig spielt, den Sprung in die erste deutsche Liga geschafft – bis zum vergangenen Sommer. Dann hat sich für Samuel „Samu“ Röthlisberger ein Traum erfüllt. Früher als erwartet.

Nicht mit dem Anruf von einem Erstligisten gerechnet

Der TVB 1898 Stuttgart war zu Beginn des Jahres 2017 auf der Suche nach einem starken Abwehrspieler für die Saison 2017/2018. Über einen ehemaligen Mitspieler nahm der damalige TVB-Trainer Markus Baur Kontakt auf mit Samuel Röthlisberger. „Mit einem Anruf von einem Erstligisten habe ich nicht gerechnet“, sagt der Schweizer. In der Vorsaison habe er sich in der zweiten deutschen Liga und auch in Dänemark „ein wenig“ umgeschaut, aber so richtig gepasst habe letztlich nichts. Als das Angebot vom TVB kam, habe er nicht lange überlegen müssen.

Stuttgart habe aus mehrerlei Hinsicht gepasst. Zum einen sei die Landeshauptstadt bei dreieinhalb Stunden Fahrtzeit nicht allzu weit weg von seiner Heimat. Zweitens sei der TVB ein Club mit Perspektive. Und drittens habe ihn Andy Schmid zum Wechsel geraten. „Und ehrlich gesagt, es war auch das einzige Angebot aus der ersten Liga, das konkret war“, sagt Röthlisberger und lacht.

Röhtlisberger gefiel die familiäre Atmosphäre beim TVB

Eine glückliche Fügung war’s, dass kurz nach der Kontaktaufnahme ein Freundschaftsspiel zwischen Röthlisbergers damaligem Team BSV Bern Muri und dem TVB anstand. „Bei dieser Gelegenheit habe ich mir die Gegend und den Club ein bisschen angeschaut, die familiäre Atmosphäre hat mir gleich gut gefallen.“

Die ersten paar Tage nach dem Umzug nach Bittenfeld seien ein bisschen schwierig gewesen, sagt der 21-Jährige. Zum ersten Mal war er „so richtig“ von zu Hause weg. „In der Schweiz war ich im Sportinternat, aber da war ich ja nicht alleine.“ Nach der kurzen Eingewöhnung sei er jedoch rasch zurechtgekommen. „Außerdem ist man durch den Handball auch gut abgelenkt.“ Mittlerweile unternimmt Röthlisberger in seiner Freizeit viel mit den Mannschaftskollegen, am meisten unterwegs ist er mit Marian Orlowski und Bobby Schagen.

Schnellerer und kraftbetonterer Handball

Wohl fühlt er sich auch in der vom Verein für die Spieler angemieteten Wohnung in Bittenfeld. „Ich schaue mich eigentlich gar nicht mehr um nach einer anderen Wohnung, ich genieße auch den kurzen Weg, wenn wir in der Gemeindehalle trainieren.“ Röthlisberger kommt selbst aus der Provinz, aus einem Dorf im Oberaargau, das noch viel kleiner sei als Bittenfeld. Die Freundin wohnt noch in der Nähe seines Heimatorts, alle zwei bis drei Wochen sehen sich die beiden.

Auch sportlich hat sich Röthlisberger schnell integriert – nach nur kleinen Anlaufschwierigkeiten. „Mit der Saisonvorbereitung war ich eigentlich nicht hundertprozentig zufrieden. Ich habe schon ein bisschen gebraucht, bis ich das System intus hatte.“ Deutlich schneller und kraftbetonter als in der Schweiz sei der Handball in der ersten deutschen Liga. Je näher indes der Saisonstart rückte, desto besser fand sich Röthlisberger zurecht. „Da war ich schon überrascht – wobei mir sicher auch zupass kam, dass ich die Sprache spreche.“

Stammplatz im Mittelblock

Und dass er umgängliche Kollegen um sich hat. Wie beispielsweise Manuel Späth, den Chef in der TVB-Defensive. An der Seite des 32-jährigen Routiniers hat sich Röthlisberger sofort seinen Stammplatz im Mittelblock erkämpft. Aufgrund des andauernden Personalnotstands beim TVB weicht er hin und wieder auch auf die Halbposition aus und Dominik Weiß rückt in der Zentrale an Späths Seite.

„Ich bin mit keinen konkreten Erwartungen in die Saison gegangen“, sagt Röthlisberger. „Aber sicherlich habe ich nicht gedacht, dass ich so viel spiele.“

Auftakt gegen Melsungen: Die perfekte Feuertaufe

Bereits zum Saisonauftakt gegen die MT Melsungen stand der Neuzugang auf dem Spielfeld. Reichlich angespannt, wie er zugibt. „Ich bin zwar vor jedem Spiel nervös, vor diesem war es aber noch ein bisschen schlimmer.“ Schließlich habe er die Atmosphäre in den Hallen nur aus den paar Spielen mit der Nationalmannschaft gekannt, der Zuschauerzuspruch in der Schweiz hält sich in Grenzen.

Die brodelnde Stimmung in der Scharrena beim 29:27-Coup gegen die favorisierten Melsunger sei die perfekte Feuertaufe gewesen. Und die eigene Leistung passte. „Ich habe gesehen, dass ich mithalten konnte. Das war ganz wichtig für mich.“

Gutes Stellungsspiel und ein Gefühl für die Situation

Obwohl Röthlisberger im Mittelblock dort agiert, wo’s in der Regel den meisten Körperkontakt gibt, sitzt er verhältnismäßig selten auf der Strafbank. Dumme Fouls unterlaufen ihm dank seines hervorragenden Antizipationsvermögens so gut wie nie. Ein Patentrezept habe er nicht, sagt der Youngster. „Ich versuche eben, gut zu verteidigen und dabei möglichst ohne Zeitstrafen auszukommen.“

Röthlisbergers Gabe schätzt auch der Abwehrchef des TVB. „Es ist schon erstaunlich“, sagt Manuel Späth. „Gerade in der Abwehr braucht man eigentlich viel Erfahrung. Aber Samu hat ein sehr gutes Timing und Stellungsspiel, ein gutes Gefühl für die Situation.“ Trotz seines jungen Alters strahle Röthlisberger viel Ruhe und Gelassenheit aus. „Er ist so, wie man sich einen Schweizer halt vorstellt“, sagt Späth und lacht. „Aus meiner Sicht könnte er ein bisschen mehr aus sich herausgehen.“ Das, da ist sich Späth sicher, wird der Youngster noch hinkriegen. „Er ist sehr ehrgeizig, im Angriff muss er aber noch einiges lernen.“

Derzeit wird Röthlisberger zum Kreisläufer umfunktioniert

Dessen ist sich Röthlisberger bewusst. Obgleich seine Stärken eindeutig in der Abwehr liegen und er in den vergangenen beiden Jahren in der Schweiz auch vornehmlich hier eingesetzt wurde, will er nicht zu einem reinen Defensivspezialisten mutieren. Bislang wurde er im linken Rückraum eingesetzt, derzeit wird er zum Kreisläufer umfunktioniert. „Das Gefühl für diese Position fehlt mir noch, es ist nicht ganz einfach“, sagt er. „Es geht jetzt erst mal nur übers Training.“ Auch hier kann „Samu“ von „Manu“ lernen. Immerhin hat es Späth am Kreis zum deutschen Nationalspieler gebracht.

Weiterbilden möchte sich der Schweizer auch außerhalb des Spielfelds, im Sommer möchte er ein Fernstudium beginnen. Betriebswirtschaftslehre wahrscheinlich. In seinem ersten Jahr habe er sich bewusst ausschließlich auf den Handball konzentrieren wollen. Zudem dürften in der neuen Saison verstärkt Heimatgefühle aufkommen: Mit Lukas von Deschwanden wechselt der zweite Schweizer zum TVB. Die beiden kennen sich aus der Nationalmannschaft und etlichen Duellen in der Schweizer Liga. „Für mich ist das natürlich super“, sagt Röthlisberger und grinst. „Dann kann ich ab und zu mal wieder Schweizerdeutsch sprechen.“


Zur Person

Samuel Röthlisberger wurde am 15. August 1996 in Solothurn (Schweiz) geboren. Er hat zwei jüngere Geschwister – einen Bruder, der auch Handball spielt, und eine Schwester.

Er ist 1,98 groß und wiegt 104 Kilogramm. Der Rechtshänder spielt im linken Rückraum und am Kreis. Er gilt als Abwehrspezialist.

Das Handballspielen lernte Röthlisberger beim Handballverein Herzogenbuchsee, 2011 wechselte er zum BSV Bern Muri.

In der Saison 2013/2014, als 17-Jähriger, kam Röthlisberger in der Schweizer Nationalliga A zum Einsatz. In der darauffolgenden Saison spielte er mit Bern im EHF-Pokal. Er durchlief sämtliche Jugendnationalmannschaften in der Schweiz und feierte am 11. Juni 2016 gegen die Slowakei sein Debüt in der Nationalmannschaft. Im selben Jahr nahm er mit der U-20-Nationalmannschaft an der Europameisterschaft teil.

Zur Saison 2017/2018 unterschrieb Röthlisberger beim TVB einen Zweijahres-Vertrag mit einjähriger Option.

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