TVB 1898 Stuttgart Schweikardt und Baumgarten beenden Profi-Karriere

Wenn nichts mehr geht, hilft meist ein Pass an den Kreis – vorausgesetzt, dort lauert Simon Baumgarten (links, gegen die Eulen Ludwigshafen) und wird nicht wie hier am Kittel gepackt. Foto: Ralph Steinemann Pressefoto

Michael Schweikardt (36) und Simon Baumgarten (33) haben sich gesucht und gefunden. Über Jahre hinweg prägten der Regisseur und der Kreisläufer das Spiel des Erstligisten TVB 1898 Stuttgart und hatten einen wesentlichen Anteil am steilen Aufstieg der Bittenfelder. Nun beenden sie ihre Profi-Karriere. Michael Schweikardt wird den Trainerposten beim TSB Horkheim antreten. Simon Baumgarten wird in der kommenden Sasion Teil der zweiten Mannschaft des TVB sein. Unser Redaktionsmitglied Thomas Wagner sprach mit den beiden, die sich mit dem Spiel gegen den HC Erlangen von der großen Handball-Bühne verabschiedet haben.

Herr Baumgarten, Herr Schweikardt, in fast zwei Jahrzehnten als aktive Handballer waren Sie beide lediglich für drei Vereine aktiv und dabei die meiste Zeit beim TVB. Das klingt nicht unbedingt nach einer wahnsinnig aufregenden Karriere. Was halten Sie dagegen?

Schweikardt: Für mich war es nie erstrebenswert, jedes zweite Jahr woanders zu spielen und immer umzuziehen. Ich sehe es eher als eine Anerkennung meiner Leistung, dass ich zuerst sieben Jahre in Göppingen und jetzt sieben Jahre beim TVB gewollt war. Ich bin mehr als glücklich, ich vermisse da nichts. Es ist ja auch eine schöne Aufgabe, etwas voranzutreiben. Ich finde es eine Riesenleistung von Simon, der den ganzen Weg des TVB mitbeschritten hat. Er hat’s hier bis zum Kapitän gebracht, das ist eine große Anerkennung.

Baumgarten: Mir geht’s ähnlich wie Micha. Wenn man 15 Jahre für einen Verein spielt, spricht das dafür, dass man gute Arbeit geleistet hat. Ich würde auch nicht sagen, dass die Karriere unaufregend war, wenn ich den Aufstieg des TVB betrachte oder auch meine Zeit in Göppingen. Obwohl ich da nicht spielte, habe ich die eine oder andere internationale Reise mit angetreten. Wir sind da ganz schön rumgekommen im EHF-Pokal.

Schweikardt: Stimmt, das war ein schönes Jahr. Da hatten wir nur Hauptstädte. Wien, Istanbul, Kopenhagen.

Apropos Ausland. Ihr ehemaliger Mitspieler Djibril M’Bengue spielt aktuell mit dem FC Porto international. Was sagen Sie dazu?

Schweikardt: Für Djibi ist’s perfekt gelaufen. Er war offen und nicht gebunden, weder vom Ort her noch familiär. Er ist wieder gesund und hat nicht so viele Spiele in der portugiesischen Liga. Das hat seinem Körper gutgetan.

Baumgarten: Und er hat mit Magnus Andersson einen Trainer, der ihn aus der Bundesliga noch kennt.

Schweikardt: Ich denke, wenn Djibi verletzungsfrei bleibt, wird er über kurz oder lang wieder in Deutschland in der ersten Liga auftauchen.

Haben Sie in den vielen Jahren nie Lust verspürt, Ähnliches zu wagen? Beispielsweise jetzt, am Ende der Karriere?

Schweikardt: Ich hatte hier und da mal lose Anfragen gehabt über die Jahre. Auch jetzt, nachdem bekannt wurde, dass es beim TVB nicht weitergehen wird. Aber es war für mich nie der richtige Zeitpunkt da.

Baumgarten: Es gab vor Jahren eine konkrete Anfrage aus der Schweiz, aber damals war ich absoluter Stammspieler in der 2. Liga, habe viele Bälle bekommen. Ich sah deshalb keinen Grund, ins Ausland zu gehen. Jetzt kommt’s für mich nicht infrage, weil ich durch meine Firma Bewegungsmuster in Fellbach örtlich gebunden bin. Aber ich muss zugeben, zum Ende der Karriere wäre so ein Abenteuer schon interessant gewesen.

Zu Jahresbeginn wurde Ihnen beiden eröffnet, dass Sie beim TVB keinen neuen Vertrag bekommen werden. Wie groß waren die Hoffnungen auf eine Verlängerung und wie groß war die Enttäuschung?

Schweikardt: Ich hatte vor einem Jahr noch einmal einen Einjahresvertrag unterschrieben. Da war’s eigentlich schon klar, dass es meine letzte Saison sein wird. Ich war deshalb nicht vor den Kopf gestoßen. Ich habe jetzt meine A-Lizenz gemacht. Ich bin im Reinen, es passt alles für mich. Auch wenn ich körperlich nicht komplett kaputt bin und schon noch ein Jahr hätte spielen können. Andererseits muss das mit 36 auch nicht sein. Es gibt Handballer, die können morgens nicht mehr richtig aufstehen und spielen trotzdem noch weiter.

Baumgarten: Auch ich gehöre mit 33 nicht mehr zu den ganz jungen Spielern. Wir haben gesagt, wir machen noch ein Jahr und schauen, wie es weitergeht. Klar, ich hätte gerne noch ein Jahr gespielt. Aber ich akzeptiere es, wenn der Verein sagt, er orientiert sich um und sucht jemand Jüngeres. Das gehört im Profisport dazu.

So ganz können Sie beide vom TVB aber nicht lassen. Herr Baumgarten, Sie verjüngen sich quasi, verstärken in der neuen Saison das Perspektivteam des TVB in der Baden-Württemberg-Oberliga. Sie hätten sicher noch höherklassig spielen können.

Baumgarten: Es gab drei, vier Anfragen von Zweitligisten. Aber das macht für mich keinen Sinn, weil ich wie gesagt durch meine Firma gebunden bin und der Aufwand zu groß wäre. Andere Vereine, die infrage kämen, spielen in der gleichen Liga wie der TVB II. Nachdem ich vom TVB ein gutes Angebot bekommen habe und ich Sport und Beruf vereinbaren kann, passt das für mich sehr gut.

Wobei ein 33-Jähriger in ein sogenanntes Perspektivteam ja eigentlich nicht richtig reinpasst ...

Schweikardt: Die Frage kann ich ganz gut beantworten in Bezug auf meinen zukünftigen Job beim TVB. Wir haben im nächsten Jahr eine sehr starke A-Jugend und auch dahinter talentierte Jungs. Denen möchten wir die dritte Liga bieten, deshalb sollten wir mit der zweiten Mannschaft demnächst den Sprung schaffen. Dazu brauchen wir aber auch erfahrene Spieler wie Simon, Alex Heib oder Daniel Sdunek im Tor, welche die Jungs führen. Aber natürlich muss das Ziel auch sein, die zweite Mannschaft in den kommenden Jahren zu verjüngen.

Herr Schweikardt, wie sieht Ihr Aufgabenfeld beim TVB im Detail aus?

Schweikardt: Ich bin zum einen für die übergeordnete Talentförderung zuständig. Ich kümmere mich um unsere Top-Talente von der U 15 bis zur U 19, aber auch um die Heranführung ans Perspektivteam. Ich bin quasi die Schnittstelle. Außerdem bin ich fürs Scouting zuständig und helfe auch im Profibereich mit.

Blicken wir mal auf den Beginn Ihrer Karriere zurück. Herr Schweikardt, Ihnen gelang sehr schnell der Sprung aus der TVB-Jugend in die erste Mannschaft. Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Spiel?

Schweikardt: Leider nicht mehr. Ich kann mich aber ganz gut an ein Spiel in meiner ersten Saison erinnern. Wir spielten gegen den großen Favoriten der Oberliga, Bietigheim, mit Martin Krautt und Co. Ich habe als 17-Jähriger acht Tore geschossen, da haben sich die Alten über den jungen, kleinen Schweikardt ganz schön aufgeregt.

Herr Baumgarten, Sie kamen mit 19 Jahren zum TVB. Wer lockte Sie eigentlich damals nach Bittenfeld?

Baumgarten: Es war kurios. Ich hatte mich mit meinem Vater unterhalten, dass ich den TV Bittenfeld ganz gut finden würde, da dort viele Jungs spielen, die ich aus der Auswahl kenne, und dort attraktiver Handball gespielt wird. Erst als ich zusammen mit Armin Bauer in Remshalden zugesagt hatte, meldete sich Henning Fröschle vom TV Bittenfeld bei mir. Nach dem Gespräch ging es schnell. Zwei Tage später saßen Henning Fröschle, Günter Schweikardt und Rainer Heib bei mir zu Hause und überzeugten meine Eltern und mich vom TV Bittenfeld.

Erinnern Sie sich noch an Ihr Debüt?

Baumgarten: Also, das erste Spiel war eine 35:40-Niederlage in Köndringen-Teningen und das erste Heimspiel in der Gemeindehalle gegen den HC Erlangen, bei dem damals noch der Steffen Weinhold gespielt hat. Das erste Zweitligaspiel war in Gelnhausen. Da habe ich acht Tore gemacht bei unserem Sieg.

2012 kehrten Sie, Herr Schweikardt, nach sieben Jahren bei FA Göppingen und zwei Jahren in Melsungen, zu Ihrem Heimatverein zurück. Die Achse Schweikardt – Baumgarten war einer der Garanten für den steilen Aufstieg des TVB. Haben Sie schnell gemerkt, dass Sie sehr gut harmonieren, oder brauchte das eine gewisse Zeit?

Schweikardt: Wir haben uns in Göppingen kennengelernt, wo Simon ein Doppelspielrecht hatte (2005 bis 2007/Anmerkung der Redaktion). Vor sieben Jahren haben wir, nach meinem Wechsel von Melsungen zurück zum TVB, erstmals zusammengespielt. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich einen guten Kreisläufer brauche, um erfolgreich zu sein. Und Simon braucht viele Pässe.

Baumgarten: Wir profitieren ziemlich gut voneinander und hatten schnell eine gute Connection. Da ich solche Spieler wie Micha extrem mag, weil sie verspielt sind, gerne zocken und auch mal was Verrücktes machen und nicht nur klassisch irgendwas ansagen, funktionierte das relativ gut.

Schweikardt: Man spricht ja im Sport oft vom blinden Verständnis. Und bei uns war’s tatsächlich so, dass Simon wusste, wenn ich das und jenes mache, kann der Ball auch dahin kommen. Er war für mich ein Top-Partner.

Der Teamgeist wird ja vor allem bei den Handballern immer beschworen. Wie sehr verändert er sich, je höher die Liga ist?

Schweikardt: Ich denke, die Mannschaften, die einen guten Teamgeist haben, spielen noch ein paar Prozent besser. Das würde ich nicht mal an der Liga festmachen. Die Motivation ist möglicherweise eine andere bei den Spielern in der ersten Liga. Die müssen Geld verdienen, da ist vielleicht ein bisschen mehr Egoismus dabei. Aber schlussendlich muss man auf dem Spielfeld eine Einheit sein.

Sie haben viele Spieler kommen und gehen sehen. Wie läuft das eigentlich, wenn ein Neuer hinzukommt? Beschnuppert man sich da zunächst oder geht man direkt auf den Spieler zu?

Baumgarten: Ich gehe gleich auf die Spieler zu, weil es eine gute Atmosphäre schafft, in der sich der Neue vielleicht schneller etwas wohler fühlt.

Schweikardt: Ich bin da auch völlig offen. Ich hab’ versucht, vor allem den ausländischen Spielern den ganzen Verein ein bisschen zu zeigen und sie ein bisschen an die Hand zu nehmen. Da haben sich im Nachhinein auch einige bei mir bedankt.

Wer waren die, sagen wir mal, interessantesten Spieler? Wer war der verrückteste Hund?

Baumgarten: Ich fand den Bruno Sousa damals komplett verrückt, was der alles gemacht hat auf und neben dem Feld ...

Schweikardt: Ja, Bruno war der Star in Göppingen. Er hat sich aber ganz offen mit den jungen Spielern unterhalten und mich im zweiten Jahr in sein Haus nach Brasilien eingeladen. Da ist auch eine Freundschaft entstanden, wie auch zu Volker Michel. Das ist auch ein super Typ, mit dem ich heute noch Kontakt habe. Oder Manuel Späth, er ist ein guter Freund geworden. Man hat in den vielen Jahren schon viele nette und interessante Leute kennengelernt. Und verschiedene Kulturen.

Im Gegensatz zu den Fußballern teilen sich die Handballer ihre Rollen während eines Spiels. Ist das eher ein Vor- oder ein Nachteil? Man weiß ja nie, ob und wie lange man auf der Platte steht?

Baumgarten: Ich finde, es ist ein Vorteil, wenn man fliegend wechseln kann. Man hat ja nicht immer einen gleich guten Tag. Klar will man als junger Spieler immer spielen. Aber je reifer man wird, umso besser kann man das einordnen. Am Ende geht es um den Erfolg der Mannschaft. Und wenn einer an diesem Tag besser ist, muss ich das akzeptieren.

Schweikardt: Ich denke auch, wenn man eine bestimmte Rolle in der Mannschaft hat, ist die genaue Minutenzahl auf dem Spielfeld nicht wichtig.

Sie haben in Ihrer Karriere einige Trainer erlebt. Wie wichtig ist es für einen Spieler, das Vertrauen des Trainers zu spüren? Oder anders ausgedrückt: Kann ich meine Bestleistung abrufen, wenn der Trainer nicht wirklich auf mich setzt?

Baumgarten: Für mich war das nie ein Thema, weil ich von Beginn an viel gespielt habe. Ich hatte meine Rolle. Natürlich ist das Vertrauen des Trainers wichtig, um ein paar Prozent mehr herauszuholen. Schweikardt: Wenn du eine faire Chance bekommst, passt das auch. Wenn du aber das Gefühl hast, du kannst machen, was du willst, und spielst trotzdem nicht, dann wird’s schwierig. Dann muss man nach Lösungen suchen.

Günter Schweikardt wurde einst belächelt, nachdem er das Ziel ausgegeben hatte, mit dem TV Bittenfeld in der Bundesliga spielen zu wollen. Jetzt steht der TVB vor seiner fünften Saison in der ersten Liga. Wie groß ist der Stolz, einen wesentlichen Beitrag zum rasanten Aufstieg des TVB geleistet zu haben?

Baumgarten: Das Motto hieß ja einst: Bittenfeld oder Bundesliga. Irgendwann wurde daraus: Bittenfeld ist Bundesliga. Klar, wenn ich darauf nicht stolz wäre, auf was denn dann?

Schweikardt: Ich denke, dass das, was da aufgebaut wurde, schon etwas Besonderes ist. Jetzt gilt’s, die nächsten Aufgaben zu bewältigen. Wir dürfen unsere Wurzeln nicht vergessen, müssen uns etablieren und sollten in ein paar Jahren vielleicht auch ein bisschen weiter oben angreifen. Ich bin schon auch stolz, dass ich meinen Beitrag geleistet habe. Aber im Grunde bin ich stolz auf alle im Verein, die mitgeholfen haben.

Baumgarten: Wenn ich zurückdenke, wie sich das hier alles entwickelt hat in relativ kurzer Zeit – das ist schon krass.


Michael Schweikardt

Michael Schweikardt (36) spielte in der Jugend und bis 2003 beim TVB und wechselte mit 19 Jahren zum Erstligisten FA Göppingen, wo er sieben Jahre blieb. Nach zwei Spielzeiten bei der MT Melsungen wechselte er 2012 zu seinem Heimatverein zurück.

Schweikardt absolvierte 427 Bundesligaspiele (944 Tore), davon 127 für den TVB (306 Tore).

Simon Baumgarten

Simon Baumgarten (33) kam über den TV Wißgoldingen, den TSV Süßen und die SG Lauter zur Saison 2004/2005 zum TVB. Für zwei Jahre hatte der Kreisläufer ein Doppelspielrecht für FA Göppingen. Mit dem TVB stieg er in die 2. Liga, die eingleisige 2. Liga und in die 1. Liga auf.

Baumgarten spielte 138-mal in der Bundesliga (226 Tore).

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