Urbach Das Aus für Urbacher

Urbach. „Es ist leer geworden“, sagt Eberhard Immel. Als Betriebsratsvorsitzender hatte er versucht, mit Kollegen vor Ort das Aus für das Urbacher und Schurwald-Mineralwasser abzuwenden. Ohne Erfolg. Schnell sei ihnen klargeworden, „die Schließung ist unumkehrbar. Wir konnten die Entwicklung nicht verhindern.“ Der Coca-Cola-Konzern habe zu wenig für die Marken getan. Am Donnerstag wurden die letzten Flaschen abgefüllt. Nun stehen die Bänder still, Arbeitsplätze gehen verloren. Urbach verliert einen Imageträger.

Auch als Remstal-Redakteur hat man sich gefreut, wenn in manchen Hotels Urbacher Mineralwasser angeboten wurde. Ein Stück Heimat in der Fremde. Damit ist es nun vorbei. Am Donnerstag haben die letzten Mehrwegflaschen die Produktionshalle in Urbach verlassen. Nun stehen die Bänder still. Die Anlagen werden abgebaut. Die letzten Flaschen mit dem grünen Etikett wurden den Beschäftigen überreicht, denn zum 1. Juli hat der Cola-Konzern die Herstellung und den Vertrieb der Marken Urbacher und Schurwald eingestellt. Das örtliche Management war vor Ort. Man habe zusammengesessen, schildert Eberhard Immel. Von einem Abschiedsfest könne man nicht sprechen. Vom oberen Management sei niemand erschienen, das hätten sie aber auch nicht erwartet, sagt Immel.

Rund 100 Beschäftigte sind laut Cola von der Veränderung betroffen

Im Herbst vergangenen Jahres hatte die Konzernleitung von Coca-Cola das Aus für die regionalen Marken Urbacher und Schurwald verkündet und somit den Deckel von der Flasche genommen. Langsam entwich die Kohlensäure, ohne dass großartige Versuche unternommen wurden, den Deckel wieder auf die Flasche zu setzen. Die Gemeindeverwaltung hatte den Beschäftigten Unterstützung angeboten, beispielsweise bei Streikaktionen. Ein Streik hätte nichts gebracht, man habe den Urbacher Brunnen vergessen, so Immel in Richtung London, wo die Coca-Cola-Konzernzentrale ansässig ist. Rund 100 Beschäftigte sind laut Cola von der Veränderung betroffen, 40 von ihnen würden an anderen Standorten weiterbeschäftigt, mit 62 habe man sich einvernehmlich geeinigt. Sie verlassen den Coca-Cola-Konzern. Manche gehen frühzeitig in Rente, andere müssen sich eine neue Stelle suchen, berichtet Immel. Viele würden nun merken, dass man in Urbach noch gutes Geld verdient hätte, deutet Immel an, dass das Aus für Urbacher und die Marke Schurwald die Arbeitnehmer mitunter hart treffe. „Der Verlust des Arbeitsplatzes ist schwierig“, weiß Immel – trotz der mitunter wohl „sehr guten Abfindungsvereinbarungen“, die man habe vereinbaren können. Der Konzern habe freiwillig die Gehaltszahlungen nach den Kündigungen verlängert, heißt es. „Wir konnten die Entwicklung nicht verhindern“, zeigt sich Immel resignierend. Das Aus der Regionalmarke sei für viele Mitarbeiter auch eine emotionale Geschichte. Über Jahrzehnte wurde in Urbach produziert. Betrete man nun die stille Halle, sei man fassungslos, sagt Immel.

Seit 1970 sprudelte das Wasser

Rückblick: Seit den 1970er Jahren sprudelt aus 80 Meter Tiefe das Urbacher und Schurwalder Mineralwasser. 1997 übernimmt die Coca-Cola Erfrischungsgetränke AG den Abfüllbetrieb Lachenmaier und damit auch das Mineralwassergeschäft. 2003 wurden die Urbacher Mineralquellen eine Zweigniederlassung der CCE AG. 2016 dann ein weiteres Menetekel am Urbacher Wasserhimmel: Nach einer Fusion entsteht im Mai die Coca-Cola Erfrischungsgetränke GmbH (CCEP), ein börsennotiertes Unternehmen mit Sitz in London. Da hat es ein regionaler Brunnen noch schwerer.

20 Jahre nach der Übernahme dient der Urbacher Standort nun lediglich noch für Logistik und die Automatenwartung. Der Brunnen habe der Coca-Cola AG über die Jahre nur noch Verluste beschert, heißt es. Cola wolle sich auf die Kernmarken Apollinaris und ViO konzentrieren. „Uns fällt diese Entscheidung nicht leicht. Aber die beiden regionalen Wassermarken aus Urbach erwirtschaften seit Jahren deutliche Verluste“, wird Tilmann Rothhammer, regionaler Produktionsdirektor, in einer Pressemitteilung zitiert. Man habe weitere Investitionen in den Ausbau der Marken sehr sorgfältig geprüft. Leider seien beide Marken in einem wettbewerbsintensiven Markt nicht profitabel zu betreiben, teilt Cola mit.

Gutachten: Hätte die Marke Urbacher erhalten werden können?

Pikant: Ein unabhängiges Expertengutachten mache deutlich, dass sich Investitionen in Urbach lohnen würden, hatten Urbachs Bürgermeister Jörg Hetzinger und Eberhard Immel Anfang dieses Jahres betont. Man hätte vor Bekanntgabe der Brunnenschließung „Alternativen prüfen müssen“. Das früh verkündete Ende für die Premiummarke Urbacher habe „die Marke beschädigt“, heißt es in diesem Gutachten. Man habe alles versucht, „die Argumente der Arbeitgeber zu entkräften“, und auf Investitionen in die Premiummarke Urbacher gedrängt, sagt Eberhard Immel. Ohne Erfolg. In Urbach hätte man außerdem doch andere Untermarken von Cola abfüllen können, um die Kapazitäten vor Ort besser auszulasten. Das Urbacher Wasser hätte man als Premiummarke etablieren können, hielt auch Hetzinger fest. Die Urbacher sind mit ihren zwei Tiefenbrunnen direkt vor dem Werksgelände autark. Zu 80 Prozent wurde daraus klassischer Sprudel.

Dass Cola seit einiger Zeit auf Einwegflaschen setzt, wirkte sich ebenfalls negativ auf den Urbacher Standort aus, wo verschiedene Größen von Mehrweg-Glasflaschen produziert wurden.

Knapp 250 Menschen arbeiten nun noch in Urbach. Doch die sind überwiegend unterwegs, sagt Immel, arbeiten im Außendienst. Als die Branche im April gestreikt hatte, um für höhere Löhne zu kämpfen, hatten die Urbacher Beschäftigten mitgemacht. „Für unsere Arbeitsplätze haben wir immer wieder auf mehr Lohn verzichtet“, lautete da ein Vorwurf. Es half nichts.


Imageträger:

Dass die regionale Wassermarke Urbacher vom Markt verschwindet, finden die Urbacher sehr schade. Manch einer spricht von einem „Cola-Boykott“.

„Die Marke Urbacher war ein Imageträger“, sagt Achim Grockenberger von der Verwaltung. Man sei stolz gewesen, wenn sie außerhalb Urbachs „Wasser aus unserer Gemeinde“ in der Hand gehalten hätten.

Auch als Sponsor fällt Coca-Cola weg. Peterstaler, „das natürliche Mineralwasser aus dem Schwarzwald“, wie der Hersteller wirbt, ist nun Sponsor vom SC Urbach.

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