Urbach Keine Nachfolge für den Bonus-Markt

Schmerzlicher Leerstand: Ehemaliger Lebensmittelmarkt in der Beckenstraße. Foto: Schneider Foto: Schneider/ZVW

Urbach. Seit der Bonus-Markt vergangenen Herbst schließen musste, gibt es in Urbach-Nord keinen Lebensmittelladen mehr. Ein Nachfolger wurde bislang nicht gefunden. Auch aus der Idee einer Markthalle an dieser Stelle wird wohl nichts. Zu unwirtschaftlich wäre ein solches Konzept, so das Ergebnis einer Studie, die dem Gemeinderat in der Auerbachhalle präsentiert wurde.

Als „schmerzlichen Leerstand“ bezeichnet Urbachs Kämmerer und Wirtschaftsförderer Markus Schwarz den verwaisten Bonus-Markt in der Beckengasse. Einen, gegen den die Gemeinde sich lange stemmte. „Wir haben alles versucht“, sagt Schwarz. Doch trotz finanziellen Zuschüssen trug sich der Laden wirtschaftlich nicht.

Deshalb wurde vor den Sommerferien eine Arbeitsgruppe „Nahversorgung Urbach-Nord“ gegründet, die sich Gedanken über eine sinnvolle Nachnutzung gemacht hat. Aus dieser Gruppe heraus entstand die Idee einer Markthalle mit regionalen Produkten von Direktvermarktern. Das Stuttgarter Stadtplanungsbüro Cima war beauftragt worden, dieses Konzept zu prüfen und die Situation der Nahversorgung im Urbacher Norden zu untersuchen.

Versorgungslage in Urbach gut, doch der Norden ist etwas abgehängt

Dass dies „ein sehr emotionales“ Thema ist, in dem „viel Herzblut“ stecke, weiß auch Jürgen Lein, Geograf und Stuttgarter Büroleiter von Cima, der betont, dass Urbach mit den Herausforderungen des Strukturwandels im Einzelhandel nicht allein sei. Seit 1990 habe sich die Zahl der Lebensmittelbetriebe nahezu halbiert, die Verkaufsfläche sei dafür um das Doppelte angestiegen. Und während die Nahversorgung in ländlichen Räumen zunehmend ausgedünnt werde, herrsche in vielen größeren Gemeinden Überversorgung.

In Urbach sei die Versorgungssituation durch die Nähe zu Schorndorf und die beiden großen Lebensmittelmärkte in der Mitte für die Gesamtgemeinde im Grunde gut – wenn auch mit Abstrichen im Urbacher Norden. Der Versorgungsschwerpunkt habe sich zwar in die Urbacher Mitte verlagert. Allerdings seien die dortigen Lebensmittelmärkte für große Teile von Urbach-Nord noch fußläufig erreichbar. Nehme man den 500-Meter-Radius als Grundlage, so gäbe es zwischen Rewe und Lidl und einem Laden in der Beckengasse starke Überschneidungen. Dass sich ein Konzept wie der Bonus-Markt wiederbeleben lässt, glaubt Lein daher nicht. Erfolgreich seien solche Märkte erfahrungsgemäß entweder an stark frequentierten Orten in größeren Städten oder als „Dorfläden“ in sehr ländlichen Gebieten. Beides sei im Urbacher Fall nicht gegeben.

Markthalle nur schwer zu verwirklichen 

Auch die Idee der Markthalle mit regionalen Produkten von Selbsterzeugern und Direktvermarkten, so schlüssig und gut es die Arbeitsgruppe ausgearbeitet habe, sei daher nur schwer zu verwirklichen. Denn dabei handle es sich um ein Nischenkonzept, das sich nur an einen recht kleinen Kundenkreis wende, der laut Lein gerade einmal 1,5 Prozent des Marktanteils betrage und daher auch Kunden außerhalb von Urbach ansprechen müsse. Mehr als zehn Minuten Fahrzeit nehme aber auch diese Klientel in der Regel nicht auf sich.

750 000 Euro Umsatz pro Jahr wären nötig – doch das ist unrealistisch

Dies angenommen müsste jeder vierte Kunde innerhalb dieses Radius, der Produkte von Selbsterzeugern oder Direktvermarktern kauft, die Markthalle besuchen. Und um wirtschaftlich arbeiten zu können, wäre ein Umsatz von 750 000 Euro pro Jahr nötig (womit noch kein Gewinn erwirtschaftet würde). Dazu müssten an jedem Öffnungstag knapp 2500 Euro umgesetzt werden und 160 bis 170 Kunden einkaufen. Pro Stunde wäre mit 13 bis 14 parkenden Autos zu rechnen. Was (nicht nur aufgrund der Parkplatzsituation) unrealistisch ist. Kurzum: „Eine Umsetzung des Konzeptes wäre mit hohem wirtschaftlichem Risiko behaftet.“

Stimmen aus dem Gemeinderat

„Ein ernüchterndes Ergebnis“, findet Bürgermeisterin Martina Fehrlen, die nach wie vor auf einen Laden in Urbach-Nord hofft und deshalb der Arbeitsgruppe vorschlug, andere Ideen zu entwickeln, sofern es keine wirtschaftlich tragfähige Lösung geben sollte.

Auch Harald Lutz, Vorsitzender der Arbeitsgruppe, sprach sich dafür aus, an dem Thema dranzubleiben. „Dass ein Tante-Emma-Laden hier nicht funktioniert, ist klar.“ Vielleicht müsse man in dem Konzept Zielgruppe und Einzugsgebiet vergrößern.

Für Detlef Holzwarth (CDU) ist das Thema ein politisches, kein wirtschaftliches: „Wir wollen Leben und Gewerbe und Nahversorgung in diesem Unterzentrum erhalten“, auch wenn dazu möglicherweise finanzielle Unterstützung notwendig sei. Die Ideen der Arbeitsgruppe, der er selbst angehört, hält Holzwarth indes für umsetzbar und nachhaltig. Diese sollten nun mit Hilfe von Business-Plänen weiterentwickelt werden. „Die Gemeinde ist hier in der Verantwortung“, auch wenn dafür finanzielle Vorleistungen notwendig seien.

"Ganz überraschend kam das Ergebnis nicht"

„Wir sind alle daran interessiert, dass Urbach-Nord nicht ausblutet“, sagt Ursula Jud (Freie Wähler) „Aber das Ergebnis ist einfach ernüchternd.“ Einen Bio-Markt würde sie persönlich sich zwar wünschen, realistischerweise könne dieser aber nur eine Ergänzung sein. Eines sei klar: „Wir wollen nichts unversucht lassen.“ Die einzige mögliche Lösung stecke aber wohl im ehrenamtlichen Bereich.

„Ganz überraschend kam das Ergebnis nicht“, meint Sandra Bührle (Grüne) angesichts der starken Konkurrenz im Urbacher Einzelhandel. Es habe sich aber gezeigt, welch Riesenpotenzial in der Arbeitsgruppe stecke. Die Gemeinderätin hofft deshalb, dass jetzt nicht einfach eine schnelle Lösung angestrebt wird, sondern eine sinnvolle andere Nutzung kommt.

„Mit diesen Zahlen ist das Projekt nicht durchführbar“, meint Joachim Habik (SPD), der sich im Wesentlichen seinen Vorrednern anschloss. Allerdings gebe es noch viele offene Fragen. Etwa nach dem Potenzial der Nische und der Höhe des notwendigen Umsatzes.

Der ebenfalls an der Studie beteiligte Berater Michael Gschwinder verweist dabei auf seine Erfahrungswerte sowie die Berechnungen der Arbeitsgruppe Nahversorgung in Urbach-Nord. Diese Zahlen seien nicht weit weg von der Realität, so Gschwinder anerkennend. „Da ist auf jeden Fall Sachverstand dabei.“


Das nächste öffentliche Treffen der Arbeitsgruppe „Nahversorgung in Urbach-Nord“ ist am Dienstag, 30. Oktober, um 18 Uhr im Sitzungssaal des Rathauses.

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