Urbach Vom Zwangsarbeiter zum Bürgermeister

Jan Denkers (re.) hat die Memoiren seines Vaters veröffentlicht. Der Theologe Georg Evers (li.) hat sie ins Deutsche übersetzt. Foto: Schneider / ZVW

Urbach. In den Wirren kurz vor Kriegsende wurde mit Herman Denkers ein Niederländer Bürgermeister von Ober-Urbach. Nur einen Tag hat der vorherige Zwangsarbeiter die Amtsgeschäfte geleitet. Die Versöhnung zwischen den Völkern und Religionen ist ihm aber zum Lebensthema geworden. Jan Denkers hat nun die Lebenserinnerungen seines Vaters auf Deutsch vorgelegt.

Es gibt Geschichten, die sind so unwahrscheinlich, dass sie nur das Leben selbst schreiben kann. Geschichten wie die von Herman Denkers, einem Theologie-Studenten aus Den Haag, der 1943 in der vom Dritten Reich besetzten Niederlande vor der Wahl stand: untertauchen oder dem Aufruf der Nazis zur Zwangsarbeit folgen? Der 20-Jährige entschied sich für Letzteres und kam nach Stuttgart zur Firma Daimler, wo er als technischer Zeichner arbeitete. Bis dahin wäre es wohl nur eine von vielen Geschichten über Zwangsarbeiter im Dritten Reich, von denen es leider viel zu viele gibt.

Denkers hatte Glück, aber auch ziemlich viel Courage

Doch Denkers hatte nicht nur Glück, dass er in Daimler einen vergleichsweise guten Arbeitgeber fand (und als Niederländer von den Nazis besser behandelt wurde als etwa Zwangsarbeiter aus Osteuropa). Der angehende Pfarrer hatte auch die Courage, nicht in seinem Schicksal als Zwangsarbeiter zu verharren. Denkers nahm stattdessen Kontakt auf mit der Reformierten Kirche, lernte den württembergischen Landesbischof Theophil Wurm kennen und war heimlich als Geistlicher tätig. Reiste immer wieder nach Oberndorf, wo Zwangsarbeiter bei den Mauser-Werken unter ungleich schlechteren Bedingungen Waffen bauen mussten, leitete Beerdigungen, Taufen und sogar einen Bibelkreis.

Denkers zeigte sich schon früh widerständig gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten. Ende 1940 entwendeten er und einige seiner Mitschüler nicht nur die Hakenkreuz-Fahne vom Schulgelände. Sie verbrannten und zertrampelten sie obendrein. Eine Ungeheuerlichkeit in den besetzten Niederlanden, die aufflog und für die ihm ein Gestapo-Mann seine Waffe an den Kopf hielt. Denkers sollte die Namen seiner Mitstreiter preisgeben, blieb aber standhaft. Er widersetzte sich später auch als Zwangsarbeiter in NS-Deutschland. Sabotierte Aufträge bei Daimler, gab illegal eine kirchliche Zeitung heraus – und rettete, als Bomben auf Stuttgart fielen, trotz allem Deutsche vor dem Angriff.

Überraschend zum Bürgermeister erklärt

Kurz vor Kriegsende tauchte Denkers dann in einem Diakonissenhaus in Esslingen unter. Ein paar Tage nachdem die US-Armee die Stadt befreit hatte, besuchte er zusammen mit den Diakonissen das Mutterhaus in Nassachmühle. Auf dem Rückweg wurde er von den US-Amerikanern gestoppt und zusammen mit anderen „Displaced Persons“ (mit diesem Begriff haben die Alliierten im Zweiten Weltkrieg Zivilpersonen bezeichnet, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates aufhielten und ohne Hilfe nicht zurückkehren oder in einem anderen Land neu ansiedeln konnten) nach Ober-Urbach gebracht.

Dort sollten diese (neben russischen Kriegsgefangenen handelte es sich vor allem um Polen, Niederländer und Italiener) bei Einheimischen einquartiert werden. Mit einer Ansprache wollten die Soldaten das den 42 Personen mitteilen. Doch weil nicht alle des Englischen mächtig waren, musste Denkers, der mehrere Sprachen fließend sprach, übersetzen. Und zu seiner Verwunderung feststellen, dass die Amerikaner am Ende verkündeten: „Dieser Mann hier aus Holland ist euer Verbindungsmann und wird vorübergehend als Bürgermeister fungieren.“ Einen regulären gab es zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr. Die Rathausverwaltung war bereits vor dem Eintreffen der Amis geflüchtet. Und jemand mit Deutschkenntnissen musste die Unterbringung der „Displaced Persons“ schließlich organisieren. So kam es, dass ein niederländischer Theologiestudent Ende April 1945 plötzlich das höchste Amt in der Gemeinde Ober-Urbach innehatte.

Lange sollte er dieses Amt allerdings nicht behalten. Denkers verließ, nachdem die Personen untergebracht waren, bereits am nächsten Tag Ober-Urbach. Er hatte einen anderen Plan, wollte in seine Heimat zurück, um Pfarrer zu werden.

Er hasste die Nazis, hegte aber keinen Groll gegen die Deutschen

„Mein Vater hasste die Nazis, hat aber viele gute Deutsche kennengelernt“, sagt sein Sohn Jan, der die Lebenserinnerungen seines Vaters nun im Eigenverlag herausgegeben und dafür an seinen Wirkungsstätten recherchiert hat. Dabei fand er unter Mithilfe von Pfarrer Klaus Dieterle auch einen Beleg für diese unwahrscheinliche Urbacher Geschichte: in Briefen des damaligen Pfarrers Eduard Wilhelm Hahn, der in den Wirren des Kriegsendes wohl der einzige amtliche Ansprechpartner in Ober-Urbach gewesen ist. Der Titel des Buches lautet völlig zu Recht „Versöhnung“. Weil Herman Denkers nach Kriegsende keinerlei Groll gegen die Deutschen hegte, sich vielmehr für die Ökumene starkmachte – und Begegnungen zwischen Deutschen und Juden förderte. Bereits 1960 lud er Deutsche in eine Amsterdamer Synagoge, wo sie sich mit dem Judentum vertraut machen und sogar beten durften.

Ein Pionier im Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen

Auch mit dem katholischen Theologen Georg Evers, der jetzt seine Erinnerungen ins Deutsche übersetzte, hat Denkers einst zusammengearbeitet. Gemeinsam waren sie in der ökumenischen Erwachsenenbildung tätig, haben als Pioniere den Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen ermöglicht und 1972 die Ständige Konferenz zur Begegnung von Juden, Christen und Muslimen in Europa ins Leben gerufen.

Das Gute im Menschen zu sehen, statt zu generalisieren, zu differenzieren, statt zu polarisieren, zu versöhnen, statt zu spalten – das war die beeindruckende Lehre, die Herman Denkers (1922 - 2000) aus seiner unwahrscheinlichen Geschichte in Nazi-Deutschland zog. Eine Lehre, die an Aktualität leider nichts verloren hat.


Vortrag in Urbach und Infos zum Buch

Jan Denkers ist gerade zu Gast in Urbach. Am Freitag, 9. März, um 19 Uhr wird er mit Pfarrer Klaus Dieterle im Johannes-Brenz-Gemeindehaus, Kirchgasse 4, über die Lebenserinnerungen seines Vaters sprechen. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei.

Das Buch wurde auf Initiative von Pfarrer Dieterle in den Bestand der Urbacher Bücherei aufgenommen.

Es ist 154 Seiten stark und kann bei dem Vortrag am Freitag oder über die evangelische Gemeinde Urbach am Pfarrhaus käuflich erworben werden.

Unter der ISBN-Nummer 978-90-826825-1-9 gibt es das Buch für 18,99 Euro auch über den stationären Buchhandel zu kaufen.

Jan Denkers hat es in seinem Eigenverlag „Denksaam“ veröffentlicht, ist aber im Moment noch auf der Suche nach einem Verlag, der das Buch professionell vertreiben möchte.

Neben einer Lebensbeschreibung und einer Einordnung zur Recherche besteht das Buch aus 13 Episoden aus dem bewegten Leben von Herman Denkers, die sich fast allesamt während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland abspielen.

Erfreuliche Randnotiz: Die Daimler AG hat das Buchprojekt unterstützt und bereits Exemplare angefordert.

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