„VfB Stuttgart Fußballfibel“ „2007 hat sich ein Sog entwickelt, es war epochal“

Die "Vertikalpass"-Macher: Andreas Zweigle (li.) und Sebastian Rose haben ein Buch über den VfB Stuttgart geschrieben. Foto: Ute Lochner

Stuttgart.
Seit mittlerweile fünf Jahren betreiben Andreas Zweigle und Sebastian Rose den Blog „Vertikalpass“. Hier gibt es nur ein Thema: den VfB Stuttgart. Mit „Einwürfen, Querpässen, gelegentlichen Fouls und einem Augenzwinkern“ werden die aktuellen Entwicklungen auf und abseits des Rasens eingeordnet. So die Selbstbeschreibung der Blogger, die jetzt auch noch unter die Schriftsteller gegangen sind. Mit der „VfB Stuttgart Fußballfibel“ steuern die beiden einen weiteren Band für die "Bibliothek des Deutschen Fußballs" bei.

Wie es dazu kam und wie sich die Arbeit an einem Buch vom Blog-Beiträge-Schreiben unterscheidet, das haben uns die „Vertikalpass-Macher“ im Interview verraten.

Hallo Andreas, Hallo Sebastian! Direkt rein in die Materie: Wie entstand die Idee zu eurem Buch?

Sebastian: „Das ist einfach zu beantworten: Wir wurden gefragt, ob wir die VfB Stuttgart Fußballfibel für die Bibliothek des Deutschen Fußballs schreiben möchten. Wir bekamen vom Verlag dabei völlig freie Hand und wollten auf keinen Fall eine klassische Chronik schreiben mit Gründung, Meisterschaften, Ab- und Aufstiegen. Wir wollten unsere ganz eigene Perspektive beschreiben, persönlich und emotional. Im Buch dreht sich alles um das letzte Spiel der Meistersaison 2006/2007. Von dort aus gucken wir in die Vergangenheit und die Zukunft, betrachten Trainer, Spieler und Spiele aus allen Epochen, haben dabei ein paar populäre Spieler wie Klinsmann und Buchwald eher stiefmütterlich behandelt, dafür ein paar unbekannte Helden wie Markus Elmer, Dragan Holcer und Georg Volkert etwas ausführlicher beleuchtet.“

Andreas: „Auch wenn der Frauenarzt von Bischofsbrück auftaucht und wir im Verlauf des Buches im Stuttgarter Westen auf Elfriede Schneider von der Metzgerei Schneider treffen, auf die Fashion-Ikone Winnie Klenk, auf den schwäbischen Sänger Wolle Kriwanek, auf Pferde, Hunde und Hirsche, so steht natürlich stets der VfB im Mittelpunkt. Immer verbunden mit meinen persönlichen Eindrücken, zu denen unter anderem eine gescheiterte Jugendkarriere beim VfB zählt. Und natürlich wechseln wir uns auch noch selbst ein, um den Sieg gegen Energie Cottbus über die Zeit zu retten.“

Wie lange habt ihr an dem Werk gearbeitet?

Andreas: „Zwei Jahre nach der Anfrage ist das Buch erschienen, rund ein Jahr haben wir daran geschrieben. Der Umfang entspricht etwa 100 Blogbeiträgen, also rund dem Output eines Jahres. So gesehen haben wir unser eigenes Bonusspiel im Hintergrund geschrieben.“ War auch der VfB in irgendeiner Form in das Projekt involviert?

Andreas: „Außer als Star des Buches? Nein.“

Sebastian: „Aber natürlich haben wir auch ein paar Exemplare in die Mercedesstraße geschickt: an die Personen, die im Buch eine Rolle spielen und jetzt (wieder) für den VfB tätig sind.“

Wie war die Umstellung vom Schreiben für euren Blog hin zur „klassischen“ Schriftstellerei?

Andreas: „Nicht einfach. Zu den Blog-Beiträgen bekommst du sofort Feedback auf den verschiedenen Kanälen. Auch wir zwei untereinander tauschen uns ständig aus. Beim Buch war ich lange alleine mit mir und dem Text, ohne genau zu wissen, ob das wirklich funktioniert bzw. ob es nicht langatmig wird.

Wie war es, zu zweit an einem Buch zu arbeiten? Hat es – wie in einer guten Fußballmannschaft – auch mal so richtig geknallt?

Andreas: „Natürlich! Wir haben uns die Arbeit so aufgeteilt: Ich von 1893 bis einschließlich 19. Mai 2007 geschrieben, Sebastian von 2007 bis heute. Das bedeutete, ich habe vorgeschrieben und Sebastian hat sich immer wieder Lücken in meinem Text gesucht, um die Aktualität reinzubringen. Er konnte also auf meine Vertikalpässe warten, während ich das Spiel machen musste. Ich hatte viel Ballbesitz, aber manche meiner Vorlagen gingen ins Aus, denn ich sah Lücken und Räume, die Sebastian nicht sah. Kein Wunder, denn ich bin nicht der geborener Zehner, mehr so Libero und Ausputzer, wie man im Buch nachlesen kann. Aber letztlich haben wir immer einen Weg gefunden und aus unseren teilweise unterschiedlichen Vorstellungen hat sich dann etwas Neues und Spannendes entwickelt. Und Spaß gemacht hat es auch noch.“

Andreas, du hast dich vor allem mit dem 19. Mai 2007 beschäftigt. Der Tag, an dem der VfB seine letzte Deutsche Meisterschaft gewonnen hat. Warum ausgerechnet die Meisterelf um Hildebrand, Meira und Co. und nicht zum Beispiel die 92er-Mannschaft um Guido Buchwald?

Andreas: „Ich schreibe im Buch, dass ich bei der Meisterschaft 1992 zu meinem Vater in den Hobby-Keller ging und ihm fassungslos berichtete, dass der VfB gerade Meister geworden sei. Wir glaubten beide einfach nicht dran. 2007 hat sich ein Sog entwickelt, es war epochal: die Mannschaft, die Spiele, die Fans und das grandiose Finale auf dem Schlossplatz. Zudem glaube ich, dass Sebastian 1992 den VfB noch nicht auf dem Zettel hatte, oder?“

Sebastian: Tatsächlich beginnt meine persönliche VfB-Historie erst 1999, als ich quasi mit Silvio Meissner von Bielefeld nach Stuttgart wechselte.

Was hat diese Mannschaft ausgezeichnet?

Andreas: „In der Meistersaison gingen die Sterne von Mario Gomez, Sami Khedira und Serdar Tasci auf. Durch diese Jugendspieler hat man gleich eine tiefere Verbindung zur Mannschaft. Neben dem schönen Fußball gab es noch Spieler, wegen denen ich mich einfach in das Team verliebte: Pavel Pardo, Thomas Hitzlsperger, die komischen Schweizer Marco Streller und Ludovic Magnin, die beiden Denkmäler in der Innenverteidigung Matthieu Delpierre und Fernando Meira. Es war eine Saison, in der alles stimmte: Hierarchie, Mannschaftsgeist, dazu die richtigen Spielertypen und schwächelnde Bayern.“

Sebastian, du hast dich vornehmlich mit der Zeit von 2007 bis ins Hier und Jetzt beschäftigt. Warum ging es nach der Meisterschaft unter Trainer Armin Veh eigentlich nur noch bergab?

Sebastian: „Gute Frage, auf die wohl jeder seine eigene Antwort hat. Ich kann es mir nur so erklären, dass man im Erfolg die größten Fehler macht – zumindest scheint dies beim VfB Stuttgart so zu sein. Insofern ist es eigentlich nur logisch, dass man nach dem größten Erfolg auch die größten Fehler machte. Vermutlich dachte man, es würde einfach so weitergehen.

Du kommst aus Ostwestfalen, lebst aber mittlerweile in Beutelsbach. Bist also der „Neigschmeckte“. Nimmst du auch deshalb den kritisch kommentierenden Part ein, während dein Kollege in Erinnerungen schwelgen darf?

Sebastian: „Das mag im Buch so rüberkommen, aber ganz ehrlich: In der Regel sieht Andreas die Dinge rund um den VfB Stuttgart deutlich kritischer als ich. Wobei ich ohnehin glaube, dass sich Ostwestfalen und Schwaben von der Mentalität her sehr ähneln. Hier heißt es “Ned gschompfa isch globt gnuag”. In OWL lautet die Standardantwort auf die Frage “Wie geht’s?”: “Muss ja.” Es dauert einfach etwas länger, bis sich die Euphorie Bahn bricht. Aber wehe, wenn doch: Dann werden sowohl Schwaben wie auch Ostwestfalen zu echten Feierbiestern.“

Euer Buch habt ihr Ende September im Rahmen einer kleinen „Vertikalpass-Geburtstagsparty“ vorgestellt. Die Einnahmen wurden gespendet. Warum habt Ihr euch dazu entschieden und wohin ging das Geld?

Andreas: „Das Schicksal von VfB-Fan Dennis hat uns in vielerlei Hinsicht berührt: Zu sehen, wie er 2017 noch den Aufstieg feierte und heute nur noch im Bett liegen kann, ist hart. Seine Krankheit ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis, ME bzw. Chronisches Erschöpfungssyndrom, CFS) ist kaum erforscht und er bekommt keinerlei Unterstützung von den Krankenkassen. Deshalb wollen wir unseren kleinen Beitrag leisten, dass die hoffentlich rettende und kostspielige Operation vorgenommen werden kann.“

Apropos Buchvorstellung: Sind weitere Events/Lesungen geplant?

Andreas: „So wie es aussieht, werden wir Ende November eine Lesung machen.“

Sebastian: „Mehr ist aktuell noch nicht geplant, aber wir sind natürlich offen für alles.“

Abschließend noch eine Frage zur aktuellen Lage: Schafft die Mannschaft von Tim Walter den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga?

Andreas: „Absolut! Mit diesem Kader muss und wird das gelingen. Es braucht ein bisschen Geduld. Viele Fans - und auch ein paar Spieler - müssen sich noch an die Spielweise von Tim Walter gewöhnen. Vor allem das Toreschießen ist im Moment ein Problem.“

Sebastian: „Aber klar ist auch: Ein Selbstläufer wird es nicht. Ich träume trotzdem vom VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld auf den Aufstiegsrängen am Ende der Saison.“

Wann darf die nächste Fan-Generation ihren ganz persönlichen „Tag im Mai“ feiern?

Andreas: „Einen Titel? Eine Meisterschaft erscheint aktuell utopisch, aber ein Überraschungserfolg im Pokal ist immer drin.“

Sebastian: „Ich bin schon froh, wenn wir im Mai 2020 den Aufstieg feiern können – mal wieder.“


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