Vier Wochen vegan „Fleisch als Nahrungsmittel ist elementar“

Wieso aus seiner Sicht eine rein pflanzliche Ernährung nicht erstrebenswert ist, erklärt Steffen Entenmann im Interview. Entenmann ist promovierter Experte für Agrarpolitik und landwirtschaftliche Marktlehre an der Humboldt-Universität Berlin und war zwei Jahre lang Mitarbeiter des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz - einem Gremium, welches das Bundeslandwirtschaftsministerium mit der Erstellung von Gutachten und Stellungnahmen berät.

Steffen Entenmann, promovierter Experte für Agrarpolitik und landwirtschaftliche Marktlehre an der Humboldt-Universität Berlin.

Herr Entenmann, welchen Einfluss hat die Produktion von tierischen Lebensmitteln auf das Klima?

Erheblichen Einfluss. Je nach Berechnungsansatz lassen sich etwa zehn Prozent aller Treibhausgase in Deutschland auf die landwirtschaftliche Nutzung zurückführen - dem gesamten Ernährungssektor werden bis zu 25 Prozent zugerechnet. Schaut man auf die Verteilung nach Produktsektoren, sieht man: Die Hälfte des hierzulande angebauten Getreides geht in die Futtermittelproduktion. Hinzu kommen weitere negative Umwelteinflüsse, wie beispielsweise der Austrag von Nitrat in Boden und Grundwasser. All das ist aber zu einem Großteil den derzeitigen Haltungsformen und deren Intensität geschuldet. Wenn Tiere in angemessener Zahl auf Grünland gehalten würden, würden sich auch die Emissionen reduzieren.

Die vegane Ernährung ist im Vergleich ja klimafreundlicher. Könnten wir nicht Treibhausgase sparen, indem wir alle vegan äßen?

Wenn man nur auf die Treibhausgase schaut, kann man sagen, dass die vegane Ernährung schon mit einem deutlich geringeren CO2-Ausstoß belegt ist als die derzeit gängige Ernährung. Etwa 38 Prozent an Treibhausgasen könnte eine rein pflanzliche Ernährung einsparen, allerdings ließen sich auch durch eine Reduktion unseres Fleisch- und Wurstkonsums von derzeit 1,1 Kilogramm auf 600 Gramm pro Kopf und Woche die Emissionen bereits um neun Prozent verringern. Wobei man hier sagen muss, dass der Fleischkonsum ungleich über die Bevölkerungsschichten verteilt ist. So essen vor allem Männer sehr viel Fleisch. Und diese Berechnung ist bezogen auf die derzeitigen Haltungsformen - würde man hier noch zusätzlich etwas verändern, wären weitere Einsparungen möglich.

Wie sieht es mit dem Argument aus, dass Veganer etwas gegen den Welthunger tun - geht diese Rechnung auf? Könnten wir tatsächlich genügend pflanzliche Nahrungsmittel für die ganze Menschheit anbauen?

Ich kann diese Argumentation durchaus nachvollziehen. Wenn alle Menschen in Industrieländern aufhören würden, Fleisch zu essen, würde sich das zunächst durchaus positiv auswirken. Flächen in aller Welt könnten für den Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln genutzt werden, weniger Wälder würden für den Anbau von Futtermitteln abgeholzt. Die Getreidepreise würden fallen und auch die Ärmsten könnten sich mehr Nahrung leisten. Allerdings könnten wir auch derzeit schon genügend für alle produzieren - auch wenn in der Welt weiterhin Fleisch gegessen wird. Das Problem des Welthungers ist vor allem eine Verteilungsfrage, da sind Marktmechanismen am Werk, Missmanagement und eine ineffiziente Ressourcennutzung in vielen Ländern. Der hohe Fleischkonsum hierzulande trägt zwar zu diesen Mechanismen bei, ist aber nicht alleine dafür verantwortlich. Außerdem ist Fleisch bei uns, aber vor allem in vielen Entwicklungsländern elementar, um eine vollwertige Ernährung zu sichern. Gerade an Orten, wo die Menschen keinen Zugang zu Kühlsystemen haben und nicht im Supermarkt aus einer Vielzahl an Produkten wählen können. Zudem sind viele Flächen gar nicht für den Ackerbau nutzbar, Nutztiere hingegen können Gras verdauen und so Nahrung für den Menschen produzieren.

Wäre es denn überhaupt möglich, unsere Lebensmittelproduktion in Deutschland auf rein pflanzlich umzustellen?

Unser landwirtschaftliches System war schon immer ein Zusammenspiel von Ackerbau und Viehzucht. Und das ist auch gut so: Etwa ein Drittel der landwirtschaftlich genutzten Flächen hierzulande sind Weideflächen. Würden alle Menschen plötzlich Veganer, lägen diese - sofern keine andere Nutzung dafür gefunden würde - brach und würden in der Folge wohl wieder zu Wald. Gerade dieses Grünland ist aber wichtig für unsere Biodiversität - viele Pflanzen- und Tierarten haben sich dort angesiedelt. Zudem ist Viehdung sehr wertvoll: Durch die Produktion von Nahrungsmitteln entnehmen wir dem Boden Nährstoffe, die wir ihm über Gülle und Mist wieder zuführen. So wird auch der organische Kohlenstoff im Boden gehalten, der andernfalls als CO2 in die Atmosphäre entweichen würde.

Wenn der Veganismus aus Ihrer Sicht nicht die Lösung ist - welche Möglichkeiten hinsichtlich Tierschutz, Klima und Welternährung sehen Sie?

Zunächst einmal ist ganz klar: Wir sollten weniger Fleisch essen. Das würde den Nutzungsdruck von landwirtschaftlichen Flächen nehmen, gewisse Gebiete, deren Nutzung einen hohen Klimaeffekt hat, wie beispielsweise Moore, könnten dann ungenutzt bleiben oder weniger intensiv genutzt werden. Die Intensivtierhaltung ist historisch ein Produkt der Nachkriegszeit: Damals war man bestrebt, möglichst effizient und unter guten Hygienestandards zu produzieren. Das ist auch gelungen, nur haben wir in der Zwischenzeit bei einigen Produkten eine Überproduktion und somit einen Preisverfall, was wiederum zum Höfesterben beiträgt. Vielen Landwirten gelingt es nicht einmal, kostendeckend zu produzieren.

Wir sprechen hier von Marktversagen: Die Intensivtierhaltung ist oft nicht wirtschaftlich, wenn man alle aus ihr resultierenden Kosten, also auch die für die entstehenden Umweltschäden, einkalkuliert. Wir sollten gemäß den Belastungsgrenzen der Standorte produzieren und bessere Preise erzielen - dann ließen sich auch die Haltungsbedingungen verbessern. Wenn alle Tiere auf der Weide gehalten würden, bräuchten wir zudem weniger Futtermittelimporte und weniger Regenwald müsste abgeholzt werden.

Diese Kritik ist auch in den Bauernverbänden angekommen und wird dort ernst genommen. Allerdings: Solange Fleisch als Schnäppchenware angeboten und gekauft wird, haben wir ein Problem. Denn das Ganze hat natürlich auch mit der Zahlungsbereitschaft der Verbraucher zu tun, jeder ist hier selbst verantwortlich: Wir entscheiden dreimal am Tag, wie wir uns ernähren wollen.

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