Von China bis Ruanda Leutenbacherin hütet Kinder und Häuser in der ganzen Welt

Petra Leichsenring ist interessiert an Neuem und hat einen Weg gefunden, ihr Fernweh mit Nützlichem zu verbinden. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Leutenbach. In China, Südafrika, Australien, Malaysia, Griechenland, Ruanda und Texas ist Petra Leichsenring bisher als „Granny on Tour“ gewesen, eine Alternative zu jungen Au-pairs. Die Weilermerin nutzt die Gelegenheit, Nützliches mit Schönem zu verbinden, nämlich die Länder, in die sie durch den Job auf Zeit kommt, auch zu bereisen, genauer kennenzulernen.

Sie ist aber nicht nur Kindermädchen. Für eine amerikanische Familie hütete sie während deren Europa-Reise Haus und Hunde. In Kapstadt war sie in einem Altenheim, betreute deutschsprachige Bewohner, las Bettlägerigen vor, schob Rollstuhlfahrer durch die Gegend, machte Brettspiele mit denen, die noch keine Pflegefälle waren.

„Das war für die eine Abwechslung und für mich mal was ganz anderes.“ Voraussetzung fürs Mitmachen bei sozialen Projekten seien aber gute Fremdsprachenkenntnisse, „die ich leider nicht habe, bei mir gilt eher das Motto ,Learning by doing’, meint Petra Leichsenring lächelnd, „,das Wichtigste im Kontakt mit den Familien ist aber ohnehin, sehr offen zu sein“.

Oft stammt jemand aus der Gastgeberfamilie aus Deutschland

Sie kommt meist bei Eltern unter, wo zumindest eine(r) Deutsche(r) ist oder die Familie von daher stammt, also Deutsch kann oder wo beide oder einer in Deutschland studiert oder gearbeitet haben und von daher mehr oder weniger Deutsch sprechen. Von Ruanda ist sie begeistert, dort gehe es mittlerweile ruhig, friedlich zu. Die Leute dort seien fleißig, sauber, gepflegt, es herrsche mittlerweile ein absolutes Plastiktütenverbot. Wenn man in ein Land mehrmals komme, könne man die Entwicklung beobachten. In Asien verändere sich, anders als Afrika, binnen zwei Jahren sehr viel.

In Australien war sie in einer Familie, wo die Eltern null Deutsch konnten, die Kinder aber in einem Schweizer Internat gewesen waren. „Die haben also eine deutsche Granny gesucht, damit die Kinder ihr Deutsch nicht verlernen, sondern verbessern.“ Das sei aber bei „ihren“ Familien oft so, dass die Kinder in einen deutschen Kindergarten oder eine deutsche Schule gehen oder vorher gegangen sind.

Einen Bezug zu Deutschland gebe es eigentlich immer

In Shanghai gebe es viele Chinesen, die einen deutschen Pass haben aus ihrer Zeit als Studenten oder einer früheren Arbeit. „Die sagen, wenn ihre Kinder mal so alt sind, dass sie studieren, so wie sie oder die Großeltern, geht die ganze Familie wieder zurück nach Deutschland. Natürlich spielt aber auch eine Rolle, dass Studieren hier nichts kostet.“

Einen Bezug zu Deutschland gebe es dort, wo sie als Granny arbeitet, also eigentlich immer. In Ruanda war sie bei einer Familie, wo die Frau, eine Stuttgarterin, die mit einem Ghanaer verheiratet ist, in der Botschaft arbeitet und wo der sechsjährige Sohn natürlich auch Deutsch spricht. „Der ist sehr pflegeleicht, weil er gewohnt ist, mit Grannys umzugehen. Aber auch weil die immer wieder umziehen, weil die Mutter Diplomatin ist.“ Mit der Familie kam sie so gut aus, dass sie unbedingt noch mal dorthin will. Den Kontakt bis dahin pflegt sie über Whatsapp und Skype. „Da entstehen eben auch Freundschaften, die über meinen Einsatz vor Ort hinaus halten.“

„Klassische“ Au-pair-Tätigkeiten gehören zum Job

Natürlich gehören zu ihrem Job die „klassischen“ Au-pair-Tätigkeiten. Zur Nachfrage nach Problemen meint Petra Leichsenring: „Wenn es die gäbe, würde ich von mir aus vorher abreisen.“ Es werde kein Vertrag abgeschlossen. In der Regel habe sie es mit Eltern zu tun, die beide berufstätig sind und die in der Zeit ihre Kinder gut versorgt, betreut wissen wollen, oft sei auch noch ein Hausmädchen da. „Das sind Leute, die etwas begütert sind, Geld haben, in großen Wohnungen oder Häusern leben. Die Männer dort sind meistens Workaholics“.

Alternative zu jungen Au-pairs

Petra Leichsenring ging Ende 2013 in den Vorruhestand, mit 64. Sie war früher mit ihrem damaligen Mann viel gereist, privat. Später, alleine, habe sie sich das nicht mehr getraut, auch weil ihr Englisch nicht so gut gewesen sei. Dann machte sie einige organisierte Reisen. „Das war aber nicht so mein Ding.“ Eine Freundin hatte ihr 2011 erzählt, es gebe eine Möglichkeit, Länder auf andere Art kennenzulernen als als Tourist, tiefer einzutauchen. Sie machte sie auf die Agentur in Hamburg aufmerksam. Diese vermittelt weltweit Familien, die Grannys suchen, bringt beide zusammen, eine Alternative zu Au-pairs.

Sie meldete sich auf der Internetplattform an, stellte ihr Profil ein, konnte dort sehen, wer wo für wann eine Granny sucht. Sie kann die betreffende Familie, bei der es passt, kontaktieren und muss abwarten, ob die sie annimmt. „Das funktioniert ein bisschen wie die Singlebörsen im Internet“, meint Petra Leichsenring schmunzelnd.

Die Aufenthalte dauern bei ihr bis zu einem halben Jahr, die Regel ist ein Vierteljahr, es gibt aber auch Familien, die Unterstützung für ein ganzes Jahr suchen. Sie versuche, zwei Jobs pro Jahr anzunehmen. Der erste Kontakt läuft über Skypen, Telefon, Mailen. Verhandelt wird die Höhe des Taschengelds und ob und wie sich die Familie eventuell an den Flugkosten beteiligt.

Natürlich hat auch sie Feierabend oder ein freies Wochenende, kann für sich losziehen. Flexibilität sei verlangt, bereit sein, eigene Ansprüche zurückzustecken. „Aber man arbeitet nicht sieben Tage in der Woche, das ist eben Verhandlungssache.“ In China war zwischendurch ein einwöchiger Besuch in Tibet für sie möglich, eine Trekkingtour ins Basiscamp des Mount Everest. „Ich helfe den Leuten, will aber auch was von der Welt sehen. Wenn ich nur helfen wollte, könnte ich gleich in Deutschland bleiben.“ Politisieren, diskutieren mit den Eltern tue sie nicht. „Ich bin für die Kinder da, muss die ,bespielen’. Da werden also nicht so viele Fragen gestellt. Wenn die Eltern abends heimkommen, wollen die Zeit für sich haben.“

Südamerika ist noch ein Ziel

Nachholen will Petra Leichsenring Moskau. Aus einem Job dort, in einer deutsch-russischen Familie mit zwei Kindern, ist 2018, nichts geworden, vorerst. Südamerika ist noch ein Ziel als Granny. Privat war sie schon in Ecuador, Chile und Peru. Noch reichen ihre Spanisch-Kenntnisse nicht. Aber sie weiß von einem sozialen Projekt eines deutschsprachigen Kindergartens in Bolivien.

Sie ist weiterhin auch privat viel unterwegs, war im vergangenen Jahr im Iran, „ein ganz tolles Land“. Hat sie keine Angst, alleine zu reisen? Also, ein paar Mal sei sie beklaut worden, aber das könne auch hier jederzeit passieren wie in Berlin, als beim Einsteigen in den Fernbus der Geldbeutel aus dem Rucksack abhandenkam. Noch eine Erfahrung: Die meisten Deutschen, die sie in diesen Ländern kennengelernt hat, wollten nicht zurück: „Wenn die einmal die Freiheit kennengelernt haben ...“

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