Vorranggebiete im Rems-Murr-Kreis Das große Windrad-Schrumpfprogramm

Symbolbild. Foto: Schneider / ZVW

Die Energiewende als Planungsdesaster: Das wäre auch eine passende Überschrift für diesen Artikel. Ein „klares Bekenntnis“ zur Zukunft, „beispielgebend“: Derlei war zu hören, als die Region Stuttgart im Sommer 2012 einen ehrgeizigen Planentwurf vorlegte – um die Windkraft in der Region voranzubringen, sollten 96 sogenannte Vorranggebiete ausgewiesen werden, Zonen, die für die Nutzung von Windenergie im dicht besiedelten Raum infrage kommen. Sechsundneunzig! Ein großer Wurf.

Klar, hieß es damals, man müsse das Ganze jetzt noch in der Regionalversammlung im Detail verhandeln, öffentliche Anregungen und Bedenken einholen, Landschaftsschutzbelange abklopfen, klar, bis zur Rechtskraft des regionalen Windkraftplans werde wohl schon das eine oder andere Jahr vergehen, klar, nicht alle 96 Gebiete werden den Prüflauf erfolgreich überstehen – aber trotzdem: Das wird was!

Wurf wird Würfchen

Tja. Sechs Jahre später ist der Planentwurf immer noch ein Entwurf und kein Plan. Das große Projekt: eine ewige Baustelle. Woran liegt’s? An den Landratsämtern, die sich so lange Zeit fürs Erörtern von Landschaftsschutzfragen ließen? Am Land, das unklare Verwaltungsvorgaben machte? An den regionalen Parlamentariern, die alles zerredeten? An den regionalen Planern, denen alles aus dem Ruder lief? Womöglich an allen zusammen. Sechs Jahre.

Aus dem großen Wurf aber ist in dieser Zeit ein Würfchen geworden, als wollte Niko Kappel bei den Paralympics Gold holen und ließe sich dann die Stoßkugel auf die Zehen plumpsen. Herausgekommen nämlich ist nach zweitausend Tagen Rumgefeile bislang nichts als dies: Von den 96 angepeilten Gebieten sind nur noch 33 im Rennen. Zwei Drittel sind weggebröselt, davongeschmolzen, hinfortgeschrumpft.


Und auch damit ist die ganze Malaise mitnichten erschöpfend beschrieben: Denn selbst das Häuflein der 33 harrt einer höchst ungewissen Zukunft.

Neuer Windatlas Ende Feburar 2019

Als die Ursprungsliste der 96 Vorranggebiete 2012 vorgelegt wurde, stützte sich die Auswahl auf den sogenannten Windatlas, den das Land 2011 erstellt hatte. Dieses Werk kartografierte Gegenden, für die Experten eine lohnende Windstärke voraussagten. So. Nun ist es aber nicht gelungen, auf der Basis der 2011er-Erkenntnisse einen fertigen Plan zu stricken – und Ende Februar 2019 legt das Land einen neuen Windatlas vor! Mit neuen Prognosen zum Windertrag, erstellt auf der Basis neuer Messmethoden. Und den „Windenergie-Erlass“ wird das Land 2019 wohl ebenfalls überarbeiten: Womöglich werden dann auch noch neue Mindestabstände zwischen Windrädern und Wohnbebauung definiert.

Die Voraussetzungen, von denen die Region bislang ausging, wären dann Makulatur. Der Regionalplaner Thomas Kiwitt sagt: Wenn’s gut läuft, muss man 2019 den bislang erreichten Planungsstand in Sachen Vorranggebiete nur überarbeiten. Wenn’s dumm läuft, „fangen wir von vorne an“.

Dann eben Fracking?

Wie all das politisch zu werten ist, darüber scheiden sich die Geister. Im Planungsausschuss der Region sah Jürgen Lenz, CDU, diese Woche keinen Grund zum Hadern: „Wir sind für Windkraft ...“, sagte er und ergänzte, als Hohngelächter aus den Reihen der Grünen aufbrandete: „ ... aber nicht gegen den Bürger!“ Christoph Ozasek, Die Linke, frustelte dagegen: „Fracking-Gas aus Trumps Amerika“, Erdgas aus der „lupenreinen Demokratie“ Putins, „Tausende von Jahren strahlende“ Atomkraft – soll das unsere Zukunft sein?

Bert Brecht hatte recht. Er dichtete einst: „Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, und mach dann noch ’nen zweiten Plan – geh'n tun sie beide nicht.“

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