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Waiblingen Der Chef ist die Mama

Sie sind der Meinung, dass Mütter eine der meist unterschätzten Ressourcen in der Wirtschaft sind, und wollen das mit der Mompreneurs-Community ändern, von links: Damaris Siegle, Nicola Kühn und Fereshteh Arman. Foto: Gabi Budulig

Waiblingen/Schorndorf. Moderne Frauen wollen finanziell unabhängig sein und trotzdem genügend Zeit für die Familie haben. Doch in der Arbeitswelt geraten Mütter schnell aufs Abstellgleis. Viele Frauen, die aus der Elternzeit in einen Teilzeit-Job zurückkehren, haben weniger Verantwortung und werden nicht befördert. Eine Alternative kann der Weg in die Selbstständigkeit sein, wie drei Beispiele aus dem Rems-Murr-Kreis zeigen.

Während ihrer Schwangerschaft erfährt Nicola Kühn vom Verkauf des Verlages, bei dem sie als Grafikdesignerin arbeitet. Damit ist nach der Elternzeit eine Rückkehr in ihren alten Job ausgeschlossen. „Wie alle Designerinnen wusste ich, dass die Jobchancen für eine Mutter in Teilzeit sehr begrenzt sind“, sagt die Waiblingerin, die schon immer den Wunsch hatte, selbstständig zu arbeiten.

Kühn hilft Firmen dabei, ihren Außenauftritt zu gestalten

So beschließt die studierte Kommunikationsdesignerin, die Gelegenheit beim Schopf zu packen: Als ihre Tochter 2014 zwei Jahre alt ist, gründet die junge Mutter ein Büro für Grafikdesign. Seitdem unterstützt Kühn Firmen dabei, ihren Außenauftritt zu gestalten, entwickelt Firmen-Logos, gestaltet Visitenkarten, Briefpapier, Broschüren und Internetseiten.

„Da ich bereits alles hatte, was ich zum Start benötigte, wie Rechner, Software und einen Schreibtisch, brauchte ich keine weiteren Investitionen zu tätigen“, erzählt die 37-Jährige. Sie arbeitet in ihrem Homeoffice vorwiegend vormittags, nachmittags verbringt sie Zeit mit ihrer Tochter. „In Spitzenzeiten kommt es vor, dass ich am Abend noch weiterarbeite“, sagt Kühn.

Trotzdem wäre ihre Selbstständigkeit momentan ohne das feste Einkommen ihres Mannes nicht möglich, gibt sie zu. „Ziel ist, dass mein Mann und ich langfristig zu gleichen Teilen verdienen“, so die Gründerin, die an ihrer freiberuflichen Arbeit vor allem die Flexibilität schätzt: „Es entspannt mich enorm, dass ich meine Arbeitszeit frei um meine Familie herum planen kann. Ohne einem Chef Rechenschaft ablegen zu müssen, wenn mein Kind krank ist oder vom Kindergarten abgeholt werden muss.“

Gut ein Drittel der Mitglieder aus dem Rems-Murr-Kreis

Bei der Suche nach Gleichgesinnten fand Kühn die Online-Community Mompreneurs. Der Name setzt sich zusammen aus den Wörtern Mom (Mutter) und Entrepreneur (Unternehmer). Das 2014 in Berlin gegründete Netzwerk gibt es auch offline: Kühn wird Mitglied der Regionalgruppe Stuttgart, die aus etwa 70 Müttern besteht. Gut ein Drittel davon kommt aus dem Rems-Murr-Kreis. An den monatlichen Events mit wechselnden Vorträgen nehmen jeweils rund 30 Frauen teil, um Erfahrungen und Wissen auszutauschen. Wer es nicht oder nur unregelmäßig zu den Treffen schafft, bleibt über Facebook mit der Community in Kontakt.

Geleitet wird die Regionalgruppe von Damaris Siegle. „Facebook-Frau“ nennt sich die 51-Jährige: „Ich zeige Firmen und Freiberuflern, wie sie Facebook, Twitter oder andere Plattformen als Marketing-Instrument nutzen können“, beschreibt die Schorndorferin mit einem Satz ihr Business.

Seminare zu Social-Media-Themen

Nach der Geburt ihres Sohnes und der anschließenden Familienzeit beginnt Siegle zunächst, Teilzeit zu arbeiten. Der 400-Euro-Job im Marketing lastet die ehemalige Vertriebsleiterin jedoch nicht aus. Da verantwortungsvollere Stellen in Teilzeit kaum zu finden sind, macht sich die gelernte Verlagskauffrau 2014 mit einer PR-Agentur selbstständig.

Siegles Fokus liegt auf Seminaren zu Social-Media-Themen, die sie in ihrem eigenen Seminarraum oder bei Firmen vor Ort anbietet. „An Mompreneurs schätze ich, dass Solidarität gelebt wird. Nicht nur untereinander, sondern allen Frauen gegenüber“, betont die Businessfrau und Netzwerkerin, die sich zusätzlich ehrenamtlich engagiert.

"Mit dem ersten Kind kam meine Begeisterung fürs Fotografieren“

Auch Fereshteh Arman aus Waiblingen ist Mompreneur: „Mit dem ersten Kind kam meine Begeisterung fürs Fotografieren“, sagt die gebürtige Iranerin, die bis zur Geburt ihrer Tochter 2005 unter anderem bei einem Esslinger Industrieunternehmen in der Montage beschäftigt war.

Mit dem Baby ging sie damals zu einem professionellen Fotografen. „Ich war von den Bildern total begeistert und wollte das Shooting unbedingt in einigen Monaten wiederholen“, erzählt die inzwischen zweifache Mutter. Ihr Mann hatte eine bessere Idee: Er schenkte seiner Frau eine Kamera. „Lass uns das einfach selber machen“, das war die pragmatische und kostensparende Idee dahinter.

Fotostudio in der Waiblinger Stadtmitte

Arman nimmt ihren Mann beim Wort. Fotografieren wird nicht nur ihr neues Hobby, sie will daraus einen Beruf machen. Als 31-Jährige beginnt sie an der Lazi-Akademie in Esslingen eine dreijährige Ausbildung zur Fotodesignerin. Seit vergangenem Mai gibt es ihr Fotostudio in der Waiblinger Stadtmitte. Mit einer 40-Stunden-Woche trägt die Neu-Gründerin bereits im ersten Geschäftsjahr zehn Prozent zum Haushaltseinkommen bei, Tendenz steigend: „Mein Mann unterstützt mich sehr, dafür bin ich ihm so dankbar“, sagt die Fotografin, die am liebsten Kinder und Babybäuche vor der Linse hat.

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