Rems-Murr-Kreis E-Zigarette: Alles andere als harmlos

Der Tabakkonzern Philip Morris will mit dem Tabak-Verdampfer IQOS den Markt erobern. Gesund ist auch das nicht. Foto: Habermann/ZVW

Waiblingen. Jetzt im Sommer sind sie besonders häufig zu sehen: große, weiße Wolken, die E-Zigarettenraucher aus dem geöffneten Fahrerfenster schnauben. Sind die elektrischen Glimmstängel die schonende Alternative zum Tabakrauch? „Klares Nein“, sagt Dr. Katrin Schaller vom Krebsforschungszentrum.

Immer mehr Konsumenten steigen vom blauen Rauch auf den Lungenzug aus dem Verdampfer um. Die weißen Wölkchen duften süßlich nach Wassermelone, Apfelkuchen, Kirsche, Schokolade oder abstrusen Geschmacksrichtungen wie „Einhornpipi“ oder „Hähnchen“. „Die Zahl der Hersteller, Produzenten und Großhändler wächst, in den letzten eineinhalb Jahren sogar rasant“, ist der Eindruck von Dirk Großmann, Mitarbeiter im Dolce Fumo in Waiblingen. Er bejaht den Trend zur zunehmenden Dampfergemeinde, betont aber: „Ich sehe es nicht als Trend, sondern als bessere Alternative zur herkömmlichen Zigarette.“

Der Unterschied zwischen Liquid und Tabak

Mit Verweis auf britische Studien unterscheidet er zwischen der E-Zigarette, in der Flüssigkeit verdampft wird, und einer Zigarette, in der Tabak verbrannt wird. „Es entsteht weniger Hitze, dadurch werden weniger Schadstoffe freigesetzt. Der einzige Schadstoff in einem Liquid ist das Nikotin“, so Großmann über die E-Schmauchware. Ansonsten bestehe das Liquid aus Propylenglycol, einer Art Alkohol, und aus „pflanzlichem Glyzerin“, das Großmann zufolge auch in Nebelmaschinen in Diskotheken zum Einsatz kommt. „Es gibt noch keine Langzeitstudien, das wissen wir“, so Großmann. Doch die Studien, die er gelesen hat, decken sich mit seiner Erfahrung: Er habe sich „definitiv besser“ gefühlt, nachdem er vom Tabakraucher zum elektrischen Dampfer wurde. „Ich habe innerhalb von ein, zwei Wochen gemerkt, dass das Lungenvolumen größer wird und ich fitter und aktiver sein kann als mit der Zigarette.“ Richtig sei aber auch: „Das Gesündeste wäre natürlich, nicht zu rauchen.“

Beim E-Rauchen wird eine aromatisierte Flüssigkeit („Liquid“) inhaliert, die bei einer bestimmten Temperatur verdampft. Nicht rauchen, sondern dampfen ist angesagt beim E-Glimmstängel. „Befürworter der neuen elektrischen Inhalationsprodukte warnen davor, E-Zigaretten pauschal zu verurteilen, und verweisen auf ihr Potenzial als Hilfsmittel zur Tabakentwöhnung und als Alternative zu herkömmlichen Nikotinersatztherapien“, schreibt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen in ihrem Jahrbuch Sucht 2018. Ebenso ist dort zu lesen, dass Kritiker vor einem „leichtfertigen Umgang mit E-Zigaretten“ warnen.

"Zigaretten sind Giftbomben, verglichen damit ist fast alles weniger schädlich"

Zu einem vorsichtigen Umgang rät auch Dr. Katrin Schaller, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum. E-Rauchen sei im Vergleich zu Tabak „weniger schädlich“, doch das sei nicht verwunderlich, erklärt die Wissenschaftlerin. „Zigaretten sind Giftbomben, verglichen damit ist fast alles weniger schädlich.“ Die E-Zigarette sei aber keineswegs ein harmloses Lifestyle-Produkt. Beim Verbrennen von Tabak entstehen viele Giftstoffe, doch auch E-Zigaretten produzieren mehr als nur harmlosen Wasserdampf. „Das E-Zigaretten-Aerosol enthält Schadstoffe, wenn auch in geringerer Menge als in Tabakrauch“, so Schaller. „Durch die erhitzte Flüssigkeit gelangen Schadstoffe in die Raumluft, wenn auch in anderer Menge.“ Doch für Menschen mit Herz-Kreislauf-Beschwerden, für Kinder, Allergiker und Kranke könne das E-Zigaretten-Aerosol eine Risikoerhöhung bedeuten.

Wie das Jahrbuch Sucht 2018 informiert, können die Inhaltsstoffe bereits bei kurzzeitigem Gebrauch zu Atemwegsreizungen und allergischen Reaktionen führen. Auch Schaller geht auf Distanz zum Argument, wonach die Aromen und die Grundsubstanzen der Liquids unbedenklich seien, weil sie für Lebensmittel zugelassen sind. „Sie sind darauf getestet, vom Magen- und Darmtrakt aufgenommen zu werden, wir wissen aber nicht, wie sie bei inhalativer Aufnahme wirken.“ Die Aromen gelangen in die Lunge. „Was dort passiert: großes Fragezeichen“, so Schaller, die dafür plädiert, auf lange Sicht jedem Glimmstängel abzuschwören – auch den E-Ziggis, die wie die Tabakkippe Nikotin und gewisse Mengen verschiedener Schadstoffe enthalten und damit ein eigenes Schadenspotenzial mit sich bringen.

Dr. Schaller: E-Raucher unter Nichtrauchergesetz stellen

Liquids werden in verschiedenen Nikotinstärken angeboten, informiert Großmann vom E-Zigaretten-Shop in Waiblingen. Er habe auch nikotinfreie Liquids im Sortiment, doch der Großteil der Kundschaft wählt die nikotinhaltigen Liquids, die aufgrund des Hauptwirkstoffs süchtig machen wie herkömmliche Zigaretten.

Aus Gründen des präventiven Gesundheitsschutzes sollte E-Rauchen nach Ansicht von Dr. Schaller unter das Nichtraucherschutzgesetz gestellt werden. Für Raucher, die aufhören möchten, aber nicht für gängige Entwöhnungshilfen oder -kurse zu gewinnen seien, kann es eine Alternative sein – allerdings sollte das Ziel immer die dauerhafte Abstinenz sein.


Ungewissheit

Die Studie „Deutsche Befragung zum Rauchverhalten (DEBRA)“ ermittelte im Zeitraum von Mitte 2016 bis März 2017 den Gebrauch von E-Zigaretten bei mehr als 10 000 Personen ab 14 Jahren.

Der Anteil der Befragten, die schon einmal E-Zigaretten konsumiert haben, lag der DEBRA-Studie zufolge bei 9,8 Prozent.

1,9 Prozent der Befragten gaben an, E-Zigaretten zu nutzen.

Der Anteil der aktuellen und Jemalskonsumenten war unter den jungen Erwachsenen am höchsten. Die überwiegende Mehrheit der aktuellen Nutzer (71 Prozent) gab dabei an, ausschließlich oder überwiegend Liquids mit Nikotin zu verwenden. Liquids sind aromatisierte Flüssigkeiten. E-Zigarettenraucher inhalieren diese.

Einer im Mai 2016 durchgeführten Befragung zufolge hat jeder achte Deutsche ab 14 Jahren schon einmal E-Zigaretten probiert. Bei Männern lag der entsprechende Anteil mit rund 15 Prozent gegenüber neun Prozent deutlich höher als bei Frauen (Quelle: Jahrbuch Sucht 2018 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen).

Das Jahrbuch Sucht 2018 schließt mit dem Fazit: „Einig sind sich alle Akteure, dass die aktuelle Studienlage noch nicht ausreichend ist, um die langfristigen Chancen und Risiken, die mit dem Aufkommen elektronischer Inhalationsprodukte verbunden sind, abzuschätzen.“

Umgangssprachlich meint E-Zigarette das komplette Gerät, bestehend aus Liquid, Verdampfer und Akkuträger.

Unter Liquid ist das fertige Konsumprodukt aus den Bestandteilen Propylenglycol, pflanzlichem Glyczerin und natürlichen Aromastoffen zu verstehen. Es ist wahlweise mit und ohne Nikotin erhältlich, die nikotinhaltigen Produkte in unterschiedlichen Stärken.

Der Verdampfer ist das Herzstück der E-Zigarette. Der sogenannte „Tank“, in den das Liquid eingefüllt wird. Innen ist ein Coil verbaut, bestehend aus Watte und einer Heizspule. Die Watte transportiert die Flüssigkeit zur Heizspule, die sie verdampft.

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