Waiblingen. Sie verhalten sich unauffällig, geben ihren Vereinen unpolitische Namen und betreiben auch mal einen unscheinbaren Dönerstand beim Altstadtfest. Was kaum ein Einheimischer weiß: Im Mäntelchen der Traditionspflege verbergen sich „Graue Wölfe“, Anhänger der türkischen Ultranationalisten.

45 Vereine der Grauen Wölfe zählt die Landesregierung in Baden-Württemberg, drei davon im Rems-Murr-Kreis: den Murrhardter Türkischen Kultur- und Jugendverein, den Türkischen Arbeiter-, Kultur- und Sportverein Backnang sowie den Türkischen Kultur- und Sportverein Waiblingen. Sie werden der rechtsextremistischen „Föderation der Demokratischen Türkischen Idealistenvereine“ (ADÜTDF, Türk Federasyon) zugerechnet, laut Innenminister Reinhold Gall ein „Sammelbecken extrem nationalistischer Personen mit türkischem Migrationshintergrund“. Politisch orientiert sie sich an der „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP) in der Türkei.

Gut sichtbar in der Ludwigsburger Straße hat der Waiblinger Verein sein Domizil. Am Eingang prangt rechts neben dem deutschen Vereinsnamen das Logo des ADÜTDF-Dachverbandes mit den zwei Minaretten und dem türkischen Halbmond. Auf einem weiteren Logo: drei Halbmonde und der Schriftzug „Ülkü Ocagi“ (Idealistenverein). Beim Altstadtfest 2012 betrieben die Mitglieder in der Langen Straße einen Stand mit Döner, Grillhähnchen, Wassermelonen und Ayran. Ansonsten tritt die Organisation im öffentlichen Leben kaum in Erscheinung, auch seitens der Stadt Waiblingen besteht sonst kaum Kontakt.

„Wir machen nur Kultur und Sport“

Der Vorsitzende Muamber Nebioglugil äußert sich am Telefon freundlich und in gutem Deutsch. Vor einem Gespräch mit der Zeitung erbittet er etwas Zeit zur Rücksprache, will darüber nicht allein entscheiden. Nach einigen Tagen der nächste Versuch – und die Absage: Gespräch nicht erwünscht. Die „Verwaltung“ habe mit den Medien schlechte Erfahrungen gemacht. Auf Nachfragen, wen er mit „Verwaltung“ denn genau meint, wiegelt Nebioglugil ab. Die ADÜTDF? Das Logo am Eingang stehe nur als Zeichen für die Moschee. Und das Wort „Ülkü“, die Idealisten-Bewegung? „Damit haben wir nichts zu tun. Wir machen nur Kultur und Sport.“ Ganz unpolitisch denkt man im Waiblinger Verein aber wohl nicht, denn im Innern des Treffs prangt an der Wand das Banner der Nationalistenpartei MHP.

Der Verfassungsschutz ordnet die Waiblinger Gruppe klar zu und erwähnt sie in seinem Bericht von 2008: Damals schlugen Unbekannte am 21. Oktober mit einem Hammer und anderen Werkzeugen Fenster des Vereinsheims ein. Spekuliert wurde über einen Zusammenhang mit Misshandlungen des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan, die wenige Tage zuvor publik gemacht wurden. Öcalan und die Kurden stellen für die Ülkücü-Bewegung das Feindbild schlechthin dar. Ein PKK-bezogener Hintergrund konnte jedoch nicht bestätigt werden.

Die drei Idealistenvereine im Rems-Murr-Kreis werden von Polizeisprecherin Birgit Stozek als „unauffällig“ beschrieben. Die Namen der Vorsitzenden seien der Polizei zwar bekannt, nicht jedoch die Mitgliederzahlen. Für den Türkischen Kultur- und Sportverein Waiblingen gibt Muamber Nebioglugil 35 zahlende Mitglieder an, mit Sympathisanten und Angehörigen seien es etwa 60.

Landesweit veranstaltet die Türk Federasyon Konzertabende, zum Beispiel im Februar 2011 in Göppingen und im April 2012 mit über 500 Besuchern in Stuttgart, wo der Vorsitzende und weitere hochrangige Funktionäre der Organisation aus Frankfurt teilnahmen. Aktuell wird ein Konzert am 19. Januar in Ebersbach/Fils mit Plakaten beworben.

Kleine Mädchen zeigen begeistert den Wolfsgruß

Besucht werden solche Veranstaltungen laut Ilker Vidinlioglu, Pressesprecher des Landesamts für Verfassungsschutz, nicht nur von Erwachsenen und Jugendlichen, sondern auch von Kindern, so dass bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt auch eine ideologische Beeinflussung möglich werde. Fotos auf der Internetseite der Türk Federasyon zeigen kleine Mädchen, die begeistert die Hände zum „Wolfsgruß“ heben, bei dem die Finger einen Wolfskopf imitieren. Besonders für Kinder und Jugendliche werden zudem Sportveranstaltungen angeboten. So vor drei Jahren ein Fußball-Turnier des Murrhardter Vereins, an dem sich Mannschaften aus Stuttgart, Göppingen, Reutlingen und Ludwigsburg beteiligten. Ergänzt werden solche Angebote durch Jugendversammlungen, die sich mit der aktuellen Lage in der Türkei beschäftigen.

Gerade die Jugendlichen seien inzwischen verstärkt in sozialen Netzwerken aktiv, in denen sie sich unabhängig vom Dachverband bewegten und ideologisch formierten. Während sich die ADÜTDF offiziell mit extremistischen Äußerungen zurückhält, wird auf zahlreichen Wölfe-Seiten im Internet heftig gegen Andersdenkende gehetzt. Zu den Feindbildern zählen laut Verfassungsschutz Griechen, Armenier und vor allem Kurden.

Wölfe-Symbolik in der Mode und in der Rapmusik

Der Verfassungsschutz beobachtet derzeit einen Trend zu erhöhter Gewaltbereitschaft unter nationalistisch gesinnten Jugendlichen, die organisatorisch nicht gebunden sind, sich aber der Ülkücü-Bewegung nahe fühlen. Zuletzt kam es im September in Bruchsal zu Ausschreitungen zwischen Anhängern einer PKK-Jugendorganisation und türkischen Nationalisten. Über das Internet wurde für die Auseinandersetzungen mit Verunglimpfungen und Drohungen mobilisiert. Populär sind unter Anhängern der Grauen Wölfe (Bozkurt) auch deutsch-türkische Rapsongs: „Bozkurt und ich halten die türkische Fahne hoch. Du willst mein Land beleidigen und ich geb’ dir den Gnadenstoß.“

Aus dem Rems-Murr-Kreis sind solche Vorkommnisse nicht bekannt, dennoch beschäftigen die Grauen Wölfe auch die Mitarbeiter in den Jugendhäusern. Zwei Workshops zum Thema, welche die Stabsstelle Rechtsextremismus der Landeszentrale für Politische Bildung für Sozialarbeiter und -pädagogen abhielt, waren ausgebucht. Dort fallen immer wieder Jugendliche durch Anstecker mit Ülkücü-Symbolen und durch das Handzeichen des „Wolfsgrußes“ auf oder bekennen sich verbal zur ultranationalistischen Bewegung. Zu den Erkennungszeichen gehört des Weiteren das Kürzel „CCC“ für die drei Halbmonde, welche die Herrschaft der islamischen Türken auf den drei Kontinenten Asien, Afrika und Europa symbolisieren.

ls fraglich gilt unter Sozialpädagogen, inwieweit bei diesen meist männlichen Jugendlichen, die sich zu den Wölfen bekennen, politische Überzeugungen dahinterstehen. Oder ob es sich vielmehr um eine Art Kompensation handelt, bei der junge Leute, die sich von der deutschen Gesellschaft nicht anerkannt fühlen und die im Berufsleben schlechte Chancen haben, ihr Selbstwertgefühl durch die Zugehörigkeit zu einer überpersönlichen Nationalidee zu erhöhen versuchen. Bei ihnen fällt die von der Türk Federasyon propagierte Botschaft auf fruchtbaren Boden, in der „Fremde“ die türkisch-islamische Kultur verteidigen zu müssen. Wobei damit freilich nur das eigene Verständnis dieser Kultur gemeint ist, nicht ihre reale Vielfalt.

Wie Emre Arslan, Soziologe an der Universität Bielefeld und Autor des Buchs „Der Mythos der Nation im transnationalen Raum“ darlegt, befördert die Diskriminierung junger Türken in Deutschland die Entstehung ultranationalistischer Gruppierungen. Kein Zufall, dass die ADÜTDF, die schon fast im Verschwinden war, nach den Anschlägen von Mölln und Solingen in den 90er Jahren sich wieder über Zulauf freute. Angesichts der Minderheitenposition der rechten Türken in Deutschland gehe es ihnen nicht um politische Macht, sondern um „kulturelle und moralische Macht innerhalb der türkischen Gemeinschaft in Deutschland“. Der Verfassungsschutz bescheinigt den Ülkücü-Vereinen Intoleranz, Demokratiefeindlichkeit und eine „stark integrationshemmende Wirkung“.