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Waiblingen Hebammenmangel: Glücklich, wer noch eine findet

Nicht als Familienhebamme, sondern in ihrem originären Job als „ganz normale“ Hebamme untersucht Birgit Bauder die kleine Tilda in Kleinheppach. Mutter Frederike Mayerle und Schwester Greta schauen zu. Foto: Alexandra Palmizi

Waiblingen. Noch immer ist für viele junge Frauen Hebamme der Traumberuf. Doch angesichts von Überlastung und schlechter Bezahlung hängen viele ihren Job nach einigen Jahren wieder an den Nagel. Besonders solche Familien, in deren Leben ohnehin wenig glatt läuft und Hilfe am nötigsten brauchen, finden keine Hebamme mehr.

In der wohlhabenden Region Stuttgart mangelt es an Hebammen. Wer sich nicht rechtzeitig meldet, muss nach der Entlassung aus der Klinik ohne Rat und Unterstützung auskommen. Werdende Eltern können praktisch nicht zu früh mit der Suche beginnen. Oranna Keller-Mannschreck, Leiterin von Pro Familia in Waiblingen, nennt den besten Zeitpunkt: „Sobald der Schwangerschaftstest positiv ausfällt.“ Als Rettungsanker für immer mehr Familien, die leer ausgegangen oder mit der neuen Lebensituation überfordert sind, fungieren die in den Familienzentren ansässigen Familienhebammen. Als Pilotprojekt im Waiblinger „Karo“ vor drei Jahren gestartet, entwickelt sich das Angebot ihrer offenen Sprechstunden zum Erfolgsmodell und hat sich inzwischen auch an den Standorten Schorndorf und Murrhardt etabliert. Zwischen fünf und acht Gesprächen führt etwa Birgit Bauder bei jedem ihrer Termine in Waiblingen.

Familienhebammen als Rettungsanker

Die Sprechstunden machen freilich nur einen kleinen Teil der Tätigkeit aus. Pro Jahr betreuen die Hebammen mit Zusatzausbildung 81 Familien. Das bedeutet etwa 300 Besuche, denn die Haushalte werden – je nach Bedarf und anders als im Regelfall üblich – bis zum ersten Geburtstag des Kindes begleitet. Pro Familie können es 30 Einsatzstunden sein. Sie unterstützen Familien bei Krankheit und psychischer Überlastung, bei prekären wirtschaftlichen Verhältnissen und Wohnsituationen, bei Bindungsschwierigkeiten, Burn-Outs oder Formen von Sucht. Ein Beispiel: Eine Familie lebt mit Kleinkind und Baby in einer Ein-Zimmer-Wohnung, der Vater hat kürzlich den Job verloren, der Säugling entwickelt sich nicht zuletzt aufgrund dieser Lage zum Schreibaby – ohne Rückzugsmöglichkeit, ein irrer Belastungstest für alle. Oder ein ganz anderer Fall: Ein solides Mittelstands-Paar hat sich seit Jahren nichts sehnlicher gewünscht als ein Baby – lange vergeblich. Nun ist es doch da - und mit dem Kind zieht die große Verunsicherung ein, ja nichts falsch zu machen.

Häufig sind es junge Eltern, die Unterstützung benötigen

Anders als im letzten Fall sind es besonders oft junge Eltern, die nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Gründe sieht Oranna Keller-Mannschreck in der Auflösung von Familienstrukturen und allgemein der sozialen Netzwerke – wohlgemerkt der realen, nicht der virtuellen. „Die Leute haben oft unglaublich lange Whatsapp-Kontaktlisten“, meint die Pro-Familia-Chefin, „aber darunter ist niemand, der praktisch helfen könnte“. Großeltern sind berufstätig oder wohnen weit entfernt, Zugezogene haben (noch) keinen Anschluss, leben isoliert. Dazu kommt: Überall spüren die Hebammen eine wachsende Verunsicherung im Umgang mit Kindern. Oft haben junge Eltern nie das Heranwachsen eines Babys in der Verwandtschaft miterlebt. „Mutter-Kind-Gruppen können zur Entlastung beitragen“, sagt Monika Mayer, Familienhebamme aus Murrhardt. Wenn die Vermittlung in solche Angebote gelingt, können neue, hilfreiche Kontakte entstehen.

Was in den Hebammen-Sprechstunden gesagt wird, unterliegt der Anonymität und Schweigepflicht. Sonst hätte sich vielleicht das erst 15-jährige Mädchen ans Karo gewandt, das sich noch nicht getraut hatte, den Eltern von seiner Schwangerschaft zu erzählen.

Kreislauf aus schlechter Bezahlung und schlechter Besetzung

Für den Hebammenmangel macht Hebamme Margit Diemer aus Remshalden den Kreislauf aus schlechter Bezahlung und schlechter Personalbesetzung an den Krankenhäusern verantwortlich. Als Konsequenz tun sich Geburtskliniken schwer, überhaupt Hebammen zu finden. Das Klinikum Stuttgart musste deshalb in nur einem Jahr 300 Schwangere abweisen – jetzt sollen wieder mehr Hebammen ausgebildet werden. Machen sie sich selbstständig, wird ihnen das Leben auch nicht gerade leicht gemacht. Die im Voraus zu leistenden Beiträge für Versicherungen steigen weiter, die Anforderungen der Krankenkasse ans Qualitätsmanagement ebenso. Zertifikate werden verlangt – die Qualifizierung hat die Hebamme selbst zu zahlen. Was sich nicht wesentlich ändert, ist die Entlohnung. Teilzeit-Hebamme zu sein, wäre für viele Frauen attraktiv, lohnt sich aber nicht, wie Bettina Wittkowski aus Erfahrung weiß: „Man darf nicht zu 50, man muss zu 150 Prozent arbeiten.“

 

Hebammenmangel

  • Die von Pro Familia koordinierten Familien-Hebammen halten wöchentlich (außer während der Schulferien) Sprechstunde. In Waiblingen mittwochs von 15 bis 17 Uhr im Familienzentrum Karo, und zwar im Rahmen des offenen Treffs „Cafchen“ für werdende Eltern und Familien mit Babys und Kleinkindern.
  • In Schorndorf dienstags von 9,30 bis 11.30 Uhr im Familienzentrum und in Murrhardt freitags zwischen 11 und 12 Uhr.
     
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