Waiblingen/Kernen Vodafone beklagt Widerstände gegen Mobilfunk-Ausbau

Die einst hoch umstrittene Mobilfunkantenne am Standort Steingrube. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Waiblingen/Kernen. Während das Gerangel um den schnellen Mobilfunkstandard 5G schon läuft, ist die aktuelle LTE-Technik in Waiblingen noch längst nicht flächendeckend verfügbar. Betreiber Vodafone etwa beklagt beim Netzausbau Widerstände durch Bürgerinitiativen und nennt konkret Waiblingen und Kernen als Beispiele. Was steckt dahinter?

Smartphone-Nutzer ärgern sich über Funklöcher, Politiker fordern den raschen Ausbau der Netze – doch in vielen Fällen stockt er. Die Deutsche Telekom verlautbarte bei der Vorstellung ihrer Quartalszahlen, langwierige Antrags- und Genehmigungsverfahren bremsten den Netzausbau. Und kürzlich klagte Netzbetreiber Vodafone in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Bürgerinitiativen erschwerten den Bau von Stationen in Stuttgart, Mannheim, Schorndorf, Waiblingen, Ludwigsburg und Kernen. Der Südwesten scheint demzufolge so etwas wie ein Hotspot des Mobilfunk-Widerstands zu sein.

In Wirklichkeit ist es um die Bürgerinitiativen in Waiblingen und den Ortschaften, die Anfang der Nullerjahre ihren Protest gegen Antennen in Mahnwachen und Fackelzügen äußerten, in den vergangenen Jahren ziemlich still geworden, auch wenn die meisten von ihnen formal noch existieren.

Absage der Stadt für LTE-Nachrüstung am Galgenberg

Auf Nachfrage nennt Vodafone Beispiele: Am Standort Endersbacher Straße in Beinstein will der Netzbetreiber den Nutzungsumfang auf LTE erweitern. Der Eigentümer des Gebäudes dulde aber nur den Weiterbetrieb mit dem bestehenden Nutzungsumfang. In Beinstein war der Widerstand vor mehr als 15 Jahren besonders heftig. Bei der geplanten LTE-Erweiterung des Vodafone-Funkmastes „Steingrube“ auf städtischem Grundstück am Galgenberg erhielt Vodafone eine Absage durch die Stadtverwaltung. Sie stehe im Wort bei den Anwohnern, dass nicht mehr als sechs Funkantennen installiert und betrieben werden sollen.

Vodafone: "Die Widerstände können wir nicht nachvollziehen"

In Kernen sei der Mietvertrag für eine kommunale Liegenschaft nicht verlängert worden. Hier müsse Vodafone seine Mobilfunkantennen abbauen und neue Investitionen tätigen, um einen Ersatzstandort in Betrieb zu nehmen. Dieser sei für den Ortsrand geplant. „Die Widerstände können wir nicht nachvollziehen“, teilt der Netzbetreiber mit, „denn Mobilfunk ist nach aktuellem Stand der Wissenschaft eine sichere Sache.“

Städtisches Mobilfunkkonzept: Minimierung der Strahlenbelastung

Keine „außergewöhnlichen Widerstände“ von Bürgerinitiativen beobachtet derzeit der städtische Umweltbeauftragte Klaus Läpple. Woran sich die Netzbetreiber stoßen, das ist offenbar das städtische Mobilfunkkonzept, das darauf abzielt, im Einvernehmen mit Anbietern und Anwohnern die Strahlenbelastung zu minimieren. Rechtswirksamkeit hat der Plan nicht, obwohl die Betreiber technische Veränderungen melden müssen. Doch bei städtischen Grundstücken wie in der Steingrube kann die Kommune tatsächlich ihr Veto einlegen.– auf die Gefahr hin, dass sich der Betreiber einen anderen Vermieter sucht.

Nach langer Pause: Treffen am Runden Tisch

Auf Grundlage des Mobilfunkkonzepts und des Runden Tischs mit Netzbetreibern und Bürgerinitiativen war es vor gut zehn Jahren gelungen, den emotional hoch aufgeladenen Konflikt zu befrieden. Hinsichtlich der Risiko-Einschätzung habe sich seitdem aus wissenschaftlicher Sicht nichts geändert, sagt Klaus Läpple. Nach längerer Pause steht für kommende Woche wieder ein Runder Tisch an. Im Mittelpunkt stehen die Bestandsaufnahme und das strittige Thema LTE-Netzausbau.


Bürgerinitiative: „Es gibt uns noch“

Zwar ist es ruhig geworden um die Waiblinger Mobilfunk-Bürgerinitiativen, aber mit Ausnahme des Bittenfelder Ablegers bestehen sie weiter. „Ja, es gibt uns noch“, sagt etwa Heidrun Rilling-Mayer, Sprecherin des Neustadter Vereins Löwenzahn, der sich vor Jahren aus Protest gegen Mobilfunkantennen in der Hauptstraße gründete. Am Runden Tisch mit Stadtverwaltung und Netzbetreibern wird die Initiative teilnehmen, um sich über aktuelle Entwicklungen und Ausbaupläne zu informieren.

Die Chancen, am allgemeinen Trend zu immer intensiverer Nutzung und zur technischen Aufrüstung etwas zu ändern, schätzt Heidrun Rilling-Mayer realistisch als äußerst gering ein. Wohl oder übel gelte es, die „normative Kraft des Faktischen“ zu akzeptieren. Die Mehrheit bevorzuge, die Segnungen des Mobilfunks zu nutzen, und stelle etwaige Bedenken hintan. Die Netzversorgung gelte heute als Standortfaktor. Besonders dort, wo der Breitbandausbau stockt. Vielen Firmen bleibe da gar nichts anderes übrig, als aufs Mobilfunknetz zuzugreifen. „Der Freilandversuch am Menschen läuft“, sagt die Mobilfunk-Skeptikerin resigniert. Mögliche Langzeitfolgen könnten sich erst noch zeigen. Mit baulichen Abschirmmaßnahmen wie Gittervorrichtungen versucht sie, sich vor Antennen-Strahlung zu schützen.

Bei aller Einsicht ins ökonomisch Unvermeidliche hat der Neustadter Bürgerinitiative eine Entwicklung der vergangenen Jahre ausdrücklich missfallen: die Einführung der freien WLAN-Netze in den Innenstädten, auch in Waiblingen. „Das wäre vermeidbar gewesen.“

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