Waiblingen Mutmaßliche Mafiosi aus dem Rems-Murr-Kreis festgesetzt

Kriminellen Geschäften folgt in Mafia-Kreisen Geldwäsche. Foto: Habermann / ZVW

Waiblingen. Elf mutmaßliche Mafiosi hat die Polizei am frühen Dienstagmorgen in vier Bundesländern festgenommen. Zwei von ihnen wurden im Rems-Murr-Kreis festgesetzt. Einen bekannten Wirt, der im Rems-Murr-Kreis eine Lokalität betreibt, setzte die Polizei in Italien fest. Laut Bundeskriminalamt stehen die Verhafteten im Verdacht, „als Mitglieder einer kriminellen Vereinigung schwere Straftaten wie Erpressung und Geldwäsche begangen zu haben.“

Für Aufregung bis in Politikkreise dürfte die Verhaftung des beschuldigten Wirtes in Italien sorgen. Der frühere Ministerpräsident Günther Oettinger war vor Jahren Stammggast und Duzfreund des Pizzabäckers, der auch im Rems-Murr-Kreis ein Lokal betreibt. Der jetzt Verhaftete pflegte Medienberichten zufolge allerbeste Kontakte zur CDU, war in Stuttgart und nicht nur dort bekannt wie ein bunter Hund – und sah sich bereits in den 90ern dem Verdacht ausgesetzt, in kriminelle Machenschaften der ‘Ndrangheta verwickelt zu sein. Mangels Beweisen wurden die Vorwürfe seinerzeit fallen gelassen.

„In der Beobachterrolle“

Landrat Dr. Richard Sigel sagte am Dienstagabend mit Blick auf die Bekanntheit des Wirtes gegenüber ZVW: „„Es ist erfreulich, wenn den Kollegen der Strafermittlungsbehörden ein Schlag gegen die organisierte Kriminalität gelingt. Wir als Landratsamt sind allerdings in der Beobachterrolle und verfolgen die Ermittlungen ebenso interessiert wie die Öffentlichkeit.“

Es gab weitere Festnahmen: Ein 36 und ein 40 Jahre alter Mann sind im Rems-Murr-Kreis festgenommen worden. Es handelt sich um italienische Staatsangehörige, wie zu hören ist. Sie sollen ebenfalls der italienischen kriminellen Vereinigung „’Ndrangheta“ angehören. Die kalabrische Mafia-Organisation ‘Ndrangheta wird als überaus mächtig, finanzstark und skrupellos beschrieben. Alle in Deutschland Verhafteten sollen nun nach Italien ausgeliefert werden. Dort sind am Dienstag in Kalabrien und anderen Regionen mehr als 160 Personen festgenommen worden.

Mit Blick auf die Maßnahmen der Polizei in Baden-Württemberg sticht der Rems-Murr-Kreis mit vergleichsweise vielen Durchsuchungen heraus: Am Dienstag sind in Waiblingen zwei Wohnungen durchsucht worden, außerdem eine Wohnung in Fellbach, ein gastronomischer Betrieb in Winnenden und eine weitere Gaststätte in Fellbach. Sechs Objekte durchsuchte die Polizei insgesamt im Rems-Murr-Kreis.

Drogenhandel, Erpressung

Früheren Angaben des Landeskriminalamts zufolge besetzt die Mafia auch im Rems-Murr-Kreis typische Geschäftsfelder und Grauzonen. Rauschgifthandel, Waffengeschäfte, Kriminalität im Rotlicht-Milieu – hier wird das Geld verdient. Schmutziges Geld fließt in Wirtschaftsbetriebe, in die Gastronomie, in die Bauwirtschaft – eben Geldwäsche.
Mafia – das Wort geht leicht über die Lippen. Der Begriff wird fast schon als Synonym gebraucht für kriminelles Netzwerk – so wie Tempo für Papiertaschentuch. Niemand dürfte einen Überblick haben über die Mafia und ihre Machenschaften. Zu kompliziert, zu verschachtelt, zu verzweigt, zu geheim. Gelingt der Polizei ein Zugriff und wird ein Mafiaboss in Handschellen medienwirksam abgeführt – wächst aus dem abgeschlagenen Kopf ein Doppelkopf nach. Ulrich Heffner, Sprecher des Landeskriminalamts Stuttgart: „Man braucht einen ganz, ganz langen Atem im Bereich der organisierten Kriminalität.“
In Italien existieren weitere Verbrecherorganisationen wie die neapolitanische Camorra. Berühmt-berüchtigt ist die russische Mafia. Weniger bekannt dürfte der Begriff Yakuza (japanische Mafia) sein, ganz zu schweigen von den Triaden (China).


Ruheraum

Das Bundeskriminalamt schreibt: „Deutschland wird von Angehörigen beziehungsweise Unterstützern der italienischen organisierten Kriminalität als Aktionsraum hauptsächlich in den Bereichen der Rauschgift-, Fälschungs-, Eigentums- und Wirtschaftskriminalität genutzt, dient aber darüber hinaus auch als Flucht-, Ruhe-, Rückzugs- und Investitionsraum. Die einzelnen Gruppierungen der italienischen organisierten Kriminalität weisen einen hohen Organisations- und Professionalisierungsgrad auf.“


Unsere weitere Berichterstattung zum Thema:

09.01.2018: Schlag gegen Mafia in Deutschland und Italien

11.01.2018: Mafia: Die Rems-Murr-Variante

12.01.2018: Nach Mafia-Razzia: Wirt in Haft, Verein in Nöten


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