Waiblingen Neigetechnik-Züge auf der Remsbahn?

Waiblingen/Zürich. Die Schweizerischen Bundesbahnen haben Baden-Württemberg Neigetechnik-Züge angeboten. Die würden nicht nur die Fahrzeiten auf der Gäubahn zwischen Zürich und Stuttgart deutlich verkürzen. Die für flotte Kurven konstruierten Züge könnten zudem über die Remsbahn bis Nürnberg weiterfahren. Schöne Aussichten – würde es sich nicht um Zukunftsmusik handeln.

Video: Der ETR 610 / RABe 503 auf der Gotthard Bergstrecke.

Die Schweizer dienen ihre Neigetechnik uns Deutschen nicht ohne Hintergedanken an. Erstens benötigen sie die Züge nicht mehr selbst, weil mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels kurvige Strecken wegfallen. Und zweitens wollen die Schweizer im eigenen Interesse die Fahrtzeit von Zürich nach Stuttgart verkürzen. Das hatte die Bundesrepublik den Schweizern zwar schon 1996 im Lugano-Vertrag zugesagt.

Deutschland hängt bei Schienenverbindungen hinterher

Passiert ist auf der Gäubahn bisher von deutscher Seite genauso wenig wie im Rheintal. Während die Schweiz ihre Hausaufgaben erledigt hat, hinkt Deutschland bei den Schienenverbindungen schwer hinterher. Die Achse Stuttgart-Zürich ist Bestandteil des transeuropäischen Eisenbahnnetzes und Zukaufstrecke zur „Neuen Alpen-Transversale“, dem vor kurzem eröffneten Gotthardt-Tunnel in Richtung Italien.

Deutsche Bahn brachte Neigetechnik nie in den Griff

Die Neigetechnik ist ideal für eine kurvige Strecke wie die Gäubahn. Sie ermöglicht höhere Kurvengeschwindigkeiten. Die Deutsche Bahn hat diese Technik zwar ebenfalls schon eingesetzt, jedoch nie in den Griff gekriegt. Die Fahrtzeit mit konventionellen Zügen nach Zürich beträgt auf der einspurigen Strecke deshalb fast drei Stunden.

Nicht in Stuttgart enden lassen 

Naheliegend ist, die Neigetechnik-Züge nicht in Stuttgart enden zu lassen, sondern sie über Stuttgart hinaus über die Remsbahn nach Nürnberg zu schicken, sagt Edgar Neumann, Sprecher des baden-württembergischen Verkehrsministeriums. Voraussetzung wäre allerdings, dass zunächst die Gäubahn ertüchtigt wird.

Die Fahrtzeit nach Zürich könnte sich deutlich verkürzen

Nach dem Krieg hatten die französischen Besatzer ein Gleis der einst zweispurigen Zugstrecke abgebaut. Seither geht’s dort nur einspurig voran. Die Signale für einen Teil-Ausbau stehen inzwischen auf Grün. Endlich. Nach Gesprächen mit dem Bundesverkehrsministerium in Berlin teilte das Stuttgarter Ministerium kürzlich mit, dass der Bund 550 Millionen Euro bereitstellt. Dank sogenannter Doppelspurinseln, also zweispuriger Zwischenstrecken, verkürzt sich die Fahrtzeit mit Neigetechnik-Zügen auf zweieinhalb Stunden. Dies würde ermöglichen, im Halbstundentakt passende Anschlüsse in Zürich zu erreichen und damit die Attraktivität der Strecke im internationalen Bahnverkehr deutlich zu steigern, hieß es in einer Pressemitteilung.

Angebot der Schweizer zu forsch formuliert?

Kürzlich haben CDU-Abgeordnete aus dem Ostalbkreis die sich neu eröffneten Chancen der Neigetechnik für die Remsbahn aufgegriffen. Die grün-schwarze Landesregierung wolle die Neigetechnik-Züge auf der Strecke Zürich-Stuttgart-Nürnberg von 2015 an durchsetzen, teilten sie mit. Edgar Neumann setzt dahinter allerdings ein Fragezeichen und befürchtet, dass die Abgeordneten das Angebot der Schweizer etwas zu forsch formuliert haben.

Zunächst Remsbahn hochstufen

Denn ob der Bund auch den notwendigen Ausbau der Remsbahn ebenfalls finanziert, sei fraglich. Zunächst müsse die Remsbahn im Bundesverkehrswegeplan vom potenziellen in den vordringlichen Bedarf hochgestuft werden. Aktuell werde dies untersucht. Das Ergebnis steht noch aus.

Wer bezahlt den Ausbau?

Darüber hinaus ist die Frage, wer den Ausbau der Schieneninfrastruktur bezahlt, ein Dauerbrenner zwischen Bund und Ländern. Nicht nur bei der Remsbahn. Aus Sicht des Sprechers des Verkehrsministers wehre sich der Bund, überregional bedeutsame Strecken auszubauen. Und bei Zürich-Stuttgart-Nürnberg handele es sich um einen internationalen Korridor und somit um eine Bundesaufgabe, so Neumann. Vor Mitte des nächsten Jahrzehntes werden sich die bis zu 250 km/h schnellen ETR 610 aber nicht auf der Remsbahn blicken lassen. Infrastrukturprojekte dauern ihre Zeit.

Pro Woche fallen elf Züge auf der Remsbahn aus

So hochfliegend die Pläne für Neigetechnik-Züge auf der Remsbahn sind, so niederschmetternd ist die Realität im Regionalverkehr an Rems und Murr dar. Der Im vergangenen Jahr sind Hunderte von Zügen ausgefallen, erfuhr der SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber vom Stuttgarter Verkehrsministerium auf seine Anfrage.

2016 fielen auf der Murr-Bahn 168 Züge in Richtung Stuttgart aus, auf der Rems-Bahn 312 Züge; retour fielen auf der Murr-Bahn 152 Züge aus, auf der Rems-Bahn 278 Züge. „Das entspricht in jeder Woche sechs Ausfällen auf der Murrbahn und elf Zugausfällen auf der Remsbahn“, rechnet Gruber vor.

Laut Verkehrsminister Hermann (Grüne) hat sich die Lage im März „erfreulicherweise stabilisiert“. Trotzdem fallen aus Grubers Sicht nach wie vor zu viele Regionalzüge aus, vor allem im Berufsverkehr. „Im Januar und Februar 2017 fielen täglich ein beziehungsweise zwei Züge aus!“ Aufgrund der Ausfälle sei die Bahn im Rems-Murr-Kreis 40 000 km nicht gefahren. Das Verkehrsministerium rechnet mit Rückzahlungen in Höhe eines einstelligen Millionenbetrages.

Gruber respektiert die bisherigen Anstrengungen des Bahn-Konzerns, sieht aber nach wie vor dringenden Handlungsbedarf. Er selbst will die Situation auf der Murr- und der Rems-Bahn weiter systematisch beobachten.

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