Waiblingen Obenaus: Das Ende einer 70-jährigen Unternehmensgeschichte

Stolz auf eine erfolgreiche Unternehmensgeschichte: Ralf Obenaus (links) und Frank Obenaus in der Hauptfiliale in Waiblingen. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen.
Ihr Großvater kam wie so viele nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten in den Süden Deutschlands, damals mit leeren Taschen. Anfang der 1950er Jahre versorgte er die amerikanischen Truppen auf einem elektrisierten Dreirad mit Coca-Cola. So begann die Geschichte des Getränkehändlers Obenaus, zu dem heute sieben Filialen zwischen Schorndorf und Plochingen, auch die Filiale in Waiblingen und Waiblingen-Neustadt, gehören. Sie nannten den Großvater damals „Coke Man“.

Das erzählt der 60-jährige Geschäftsführer und Gesellschafter des Getränkehandels Obenaus, Frank Obenaus, beim Gespräch im Büro des Hauptsitzes in der Düsseldorfer Straße in Waiblingen. Er ist der Enkel des „Coke Mans“ und Chef eines Filialnetzes von sieben Getränkeeinzelhandelsfilialen, unter anderem in Waiblingen, Neustadt, Weinstadt-Endersbach, Bad Cannstatt, Plochingen und Schorndorf.

Jetzt haben er und sein Bruder Ralf Obenaus, Mitgesellschafter und ebenfalls Geschäftsführer, ihre Gesellschaftsanteile an Benz-Getränkemärkte verkauft, die zur Orterer-Gruppe aus Unterschleißheim bei München gehören. Das ebenfalls inhabergeführte Familienunternehmen Orterer unterhält ein Netz von 165 Filialen in Süddeutschland, vor allem in Bayern.

Für die Mitarbeiter würde sich nichts ändern, so die Obenaus-Brüder. Sie behielten ihre Arbeitsverträge und würden voll übernommen. Auch sei die Übernahme direkt nach Abschluss des Kaufes im Oktober dieses Jahres direkt an alle Filialleiter kommuniziert worden. Immerhin 70 Mitarbeiter sind es insgesamt, die für die Obenaus GmbH arbeiten. Auch für die Kunden ändert sich vorerst nichts: Sie werden weiterhin in einem der sieben Getränkemärkte ihr Bier, Mineralwasser oder Wein kaufen können.

Frank Obenaus erinnert sich an die frühen 1960er Jahre, als der Großvater den ersten Getränkeladen in Untertürkheim aufbaute. „Zu der Zeit gab es noch keine richtigen Getränkeabholmärkte. Da ging es im Einzelhandel erst richtig los mit Selbstbedienungsläden. Damals war das noch Tante Emma“, erzählt Obenaus. Das eigentliche Geschäft war der Heimdienst. „Wir haben damals Privathaushalte beliefert“, wirft sein Bruder Ralf Obenaus ein.

Das Ende der Belieferung der Gastronomie

„Mein Vater hat das dann tatsächlich mit der ersten Ölkrise (Anmerkung der Redaktion: Herbst 1973 bis Frühjahr 1974) beendet, als es zum ersten Mal autofreie Sonntage gab. Er dachte dann: Das wird gefährlich auf Dauer, und hat dann angefangen, Gastronomie und Großhandel zu beliefern“. so Ralf Obenaus.

Anfang der 1990er Jahre begannen Frank und Ralf Obenaus den Betrieb umzustrukturieren. Dazu gehörte laut den Brüdern auch, sich von „unrentablen und sehr kostenintensiven Unternehmensbereichen“ zu trennen. Zu dieser Zeit wurden 300 Gastronomiebetriebe von den Obenaus-Brüdern beliefert, wie die Rockfabrik in Ludwigsburg, das ehemalige Café Einstein in Waiblingen und der Hamburger Fischmarkt. Diesen Gastronomiebereich hätten sie dann komplett an die Firma Lachenmaier in Urbach verkauft, die ein großer Coca-Cola-Konzessionär war.

Grund dafür war laut den Brüdern, dass die Zahlungsmoral einiger Kunden schlecht gewesen sei und die Umsätze zurückgingen. Kollegen seien damals sauer gewesen, dass sie auf diese Weise indirekt an Coca-Cola verkauft hätten, nicht aber an sie. „Das hat damals in der Branche kaum jemand verstanden“, sagt Frank Obenaus. „Die meisten Kollegen konnten so etwas einfach nicht begreifen, wie man so etwas machen kann.“

Der Verkauf der Flotte als mutige Strategieentscheidung

In dieser Zeit haben die beiden Firmeninhaber auch ihre komplette Fahrzeugflotte verkauft. Bis heute gibt es laut den beiden Brüdern kein einziges Fahrzeug. Einmal in der Woche fährt eine Spedition, die Spirituosen und Weine anliefert. Alle anderen Getränke werden von Lieferunternehmen zu den Filialen gebracht. Durch den Wegfall der Flotte fielen nicht nur Kosten für die Fahrzeuge und deren Instandhaltung sowie Unterhalt weg, sondern auch Personalkosten, so Frank Obenaus: „Wir hatten damals großes Bauchweh bei der Entscheidung, die Logistik aufzugeben.“ Die mutige Entscheidung scheint sich gelohnt zu haben.

Zum ersten Januar erfolgt die Übernahme

Das Grundstück in Waiblingen, auf dem die Filiale steht, haben die beiden Brüder Mitte der 1990er Jahre gekauft. Damals gab es noch keinen Aldi, keinen Burger King und keinen Rems-Park. Der Großteil der sechs anderen Filialen sei ihnen zugetragen worden. Mit ihren Kindern haben die Brüder laut eigenem Bekunden gesprochen, ob sie das Geschäft übernehmen möchten. Zwei Söhne, die erfolgreich als Unternehmensberater tätig seien, hätten dankend abgelehnt. Auch wenn sie es nicht so früh vorhatten, Rolf Obenaus ist 55 und Frank Obenaus 60 Jahre alt, haben sie das Angebot von der Orterer-Gruppe angenommen. Trotz des Verkaufs bleiben die Obenaus-Brüder Eigentümer der Gebäude und Grundstücke, welche im Zuge der Übernahme an die Orterer-Gruppe vermietet werden. Im Oktober wurde der Kauf abgeschlossen, zum ersten Januar 2020 erfolgt die Übernahme.

„Der Markt ist leergefegt“: Preise sind hoch, gute Grundstücke knapp

Organisch zu wachsen sei in der heutigen Zeit extrem schwer, denn man bekomme keine Standorte und wenn dann zu „exorbitant hohen Preisen“, so Frank Obenaus: „Der Markt ist leergefegt.“

Der Käufer, die Orterer-Unternehmensgruppe, ist auf Expansionskurs. Am Freitag war dort vor Redaktionsschluss niemand mehr für eine Reaktion zu erreichen, doch auf der Website des Unternehmens heißt es: „Für neue Märkte suchen wir weitere attraktive Standorte in hochfrequentierten Lagen im Großraum München, Stuttgart, Augsburg, Nürnberg und Karlsruhe! Hierbei suchen wir laufend Objekte zur Miete und/oder zum Kauf.“ Infrage kämen Städte und Orte mit einem Einzugsgebiet ab rund 10 000 Einwohnern.

An die Zeit nach dem Ausstieg könne er noch gar nicht denken, so Frank Obenaus. Er wolle aber einfach mal wissen, wie es sich anfühle, den Morgen zu verbringen, ohne dass dauernd das Telefon klingeln würde. Außerdem kann sich der Unternehmenslenker gut vorstellen, sein Handicap im Golfen zu verbessern.

Die vielen Bierkrüge in der Vitrine im Büro, die über die vielen Jahre den Brüdern von Geschäftspartnern und Zulieferern geschenkt wurden, sollen im Familienbesitz bleiben. Unter ihnen sind einige Raritäten von Brauereien, die jetzt nicht mehr existieren, oder ungewöhnliche Größen wie der 0,8-Liter-Krug. Sie sind Zeugen einer bewegten und mutigen Unternehmensgeschichte, die hier vorerst zu Ende geht.

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