Stuttgart 21 Die Besserwisser hatten Recht

Das knurrige Quartett (von links): Klaus Riedel, Waiblingen, Hanspeter Ruff und Eberhard Kögel, Kernen, Ernst Delle, Schorndorf. Foto: Alexandra Palmizi

Waiblingen.
„Man hat einen Mercedes bestellt, einen Rolls Royce bezahlt und kriegt einen Fiat 500“: So lässt sich Stuttgart 21 zusammenfassen, finden die Tiefbahnhofsgegner Klaus Riedel, Eberhard Kögel, Ernst Delle und Hanspeter Ruff. Ein schwarzhumoriges Gespräch mit dem knurrigen Quartett vor der 400. Montagsdemo kommende Woche.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, Stuttgart 21 wird 2,8 Milliarden Euro kosten, „eine Kostenexplosion schließe ich zu 99 Prozent aus“: Dies sagte Landesverkehrsminister Stefan Mappus, CDU, im September 2004.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, die Gegner von Stuttgart 21 liegen „mit ihrer Kostenschätzung ganz offensichtlich falsch, es sind keine Überraschungen mehr zu befürchten“: Dies sagte Wolfgang Drexler, SPD, im August 2008 (wobei er da bereits von 4,5 Milliarden ausging).

Liebe Bürgerinnen und Bürger, die 4,5 Milliarden reichen, und „wer was anderes behauptet, lügt“: Dies sagte Nicole Razavi, verkehrspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, im September 2011.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, „wir können gut schlafen und werden mit dem Geld mehr als auskommen“: Dies sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, CSU, im November 2011.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, „haben die alle gelogen“ oder echt allen Ernstes „geglaubt“, was sie da an Blauem vom Himmel in die Baugrube runterfabulierten? Dies fragt Eberhard Kögel im Januar 2018.

Kögel verwettet sein Eigenheim – wer setzt sein Häusle dagegen?

Die aktuelle Schätzung liegt bei 7,6 Milliarden – und Kögel macht ein Angebot: „Ich verwette mein Eigenheim, dass es nicht dabei bleibt.“ Wer setzt sein Häusle dagegen? S-21-Befürworter, bitte melden: „Paal? Klopfer? Hesky? Haußmann?“ Oder Tiefbahnhofs-Architekt Christoph Ingenhoven? Ach nein, der nicht – er hat ja selber erst neulich im „Spiegel“-Interview eingeräumt, er rechne mit zehn Milliarden.

Nun gut, ließe sich einwenden, das ist ja längst nichts Neues mehr. Und dass die Buddelbahn nicht 2020 fertig wird, wie es noch vor fünf Jahren in den Weissagungen der Nostradamus-Abteilung bei der Bahn hieß, sondern nun angeblich Ende 2024 (was Kögel ebenfalls unter Einsatz seines Obdachs anzuzweifeln bereit ist) – Schwamm drüber. Es gibt daneben aber noch ein drittes großes Versprechen, das wichtigste von allen: Dank Stuttgart 21 wird der Zugverkehr viel besser! 100 Fernzüge pro Tag werden in einem Affenzahn zum Flughafen hochsausen, super! „Durchbindungen“ wird es geben, das heißt, man kann dann zum Beispiel ohne Umstieg von Waiblingen nach Tübingen flitzen, genial!

Fahrplantechnisch werden die Durchbindungen problematisch

Allein, dieser Tage mehren sich die Hinweise aus dem Bahn-Umfeld: Das mit den Durchbindungen werde fahrplantechnisch womöglich doch ein bisschen arg schwierig werden, und statt hundert Fernzügen zum Flughafen planen wir mit ... gib mir ein S, gib mir ein E, gib mir ein C, gib mir ein H, gib mir ein S, und das macht: sechs.

Viele nennen Stuttgart 21 mittlerweile in einem Atemzug mit der Elbphilharmonie – der Vergleich hinkt gewaltig, widersprechen Riedel & Co. Sicher, der Hamburger Bau dauerte auch länger und kostete mehr, aber „die Menschen haben was von dem Ding. Sie gehen in Konzerte, freuen sich am Anblick.“ In Stuttgart werde was gebohrt, „das nur Probleme schafft. Man hat einen Mercedes bestellt, einen Rolls Royce bezahlt und kriegt einen Fiat 500 mit Heckspoiler – das sind die Kelchspitzen“, die architektonisch tatsächlich recht hübschen Tragekonstruktionen fürs Kellerdach.

Das Gegenkonzept heißt "Umstieg 21"

Jahr um Jahr wurden alle Warner „ignoriert, diffamiert, lächerlich gemacht“ als Schwarzmaler, Apokalyptiker, Wutbürger, Schwätzer, Besserwisser; und als „ewige Neinsager“ – was Riedel besonders erbost. Längst nämlich hat sich die Anti-S-21-Bewegung ein enormes Expertenwissen draufgeschafft, Ingenieure, Juristen, Verkehrsplaner wirken in der Szene mit, sie haben ein detailliertes Gegenkonzept namens „Umstieg 21“ vorgelegt, das rund um einen modifizierten Kopfbahnhof zu deutlich verbesserten Zugverbindungen führen soll. „Das würde auch Jahre dauern und viel Geld kosten“, aber „es wäre nach wie vor billiger, umzusteigen, als weiterzumachen“.

Jeder muss sich selbst Rechenschaft geben

Jetzt „muss jeder politisch Verantwortliche sich selber Rechenschaft geben über das, was er früher gesagt hat“: Wer von all denen, die dieses Projekt einst als bestgeplantes zwischen Paris und Bratislava heiliggesprochen haben, wer von all den Drexlers und Ramsauers „sagt als Erster, es war ein Fehler“, wer von all den Klopfers und Heskys räumt als Erster ein, ich war naiv, hab mich geirrt, mich blenden und hinters Licht führen lassen, wer fordert als Erster, „wir brauchen ein Moratorium, wir müssen neu nachdenken“? Kögel ahnt die Antwort: „Es getraut sich kein Einziger.“

Der Widerstand macht weiter

Sicher ist nur: „Der Widerstand macht weiter, fröhlich und heiter.“ Und wenn die Leute fragen, wie man all die bereits gebohrten Tunnel wirklich sinnvoll nutzen könnte, antwortet Hanspeter Ruff: „Eine Champignonzucht würde reinpassen“; und da Joachim Pfeiffer ja bekanntlich „für die Freigabe von Cannabis“ ist, „kriegt er da unten auch einen Kilometer zum Anbau“.

Liebe Bürgerinnen und Bürger, „das Projekt war von Anfang an nicht lebensfähig. Abgesehen von den kaum überwindbaren Bauschwierigkeiten wären die einzelnen Teile der Bahnhofsanlage unzureichend geworden.“ Dies sagte Baurat Prof. Kübler im Oktober 1905, als die Idee eines Durchgangsbahnhofes in Stuttgart erstmals machtvoll propagiert und schließlich doch noch verworfen worden war. Geplant waren damals elf Gleise. Stuttgart 21 hat acht.

Die Demo

„Sie lügen, wir demonstrieren – gegen S 21, den unsäglichen Klotz am Bein des Zugverkehrs“: Unter diesem Motto steht die 400. Montagsdemo am 15. Januar um 18 Uhr am Hauptbahnhof. Redner: der Regisseur Volker Lösch, der Wortkünstler Timo Brunke, der Autor Winfried Wolf und die Kabarettistin Christine Prayon. Moderation: Angelika Linckh. Musik: Chain of Fools.

Die erste Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 fand am 26. Oktober 2009 statt, seitdem treffen sich die Tiefbahnhofsgegner an beinahe jedem Montagabend (Ausnahme: Feiertage, die auf einen Montag fallen). Beim ersten Mal waren vier Teilnehmer dabei, später waren es phasenweise Tausende, zuletzt regelmäßig Hunderte. Wikipedia schreibt: „Die Ausdauer und Intensität des Protests gilt als einzigartig in Deutschland.“

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