Rems-Murr-Kreis Streit um Englisch-Abitur geht weiter

Der größte Teil der Abiturprüfungen liegt nun hinter den Schülern. Doch wegen des Englisch-Abiturs rumort es weiter. Archivbild: Schneider Foto: Schneider / ZVW / Archiv

Waiblingen. Noch immer sitzt der Ärger tief über die aus Schülersicht viel zu schwierigen Abiprüfungen in Englisch. Die Reaktion des Kultusministeriums auf die Kritik sorgt, gelinde gesagt, für weiteren Unmut. „Die Politikverdrossenheit der jüngeren Generation ist schwer zu lösen, wenn staatliche Institutionen in solch ignoranter Weise verfahren“, heißt es in einer neuen Petition.

Innerhalb kürzester Zeit hatten mehr als 30 000 Menschen eine Schüler-Petition direkt nach dem Englisch-Abi am 20. April unterzeichnet, darunter zahlreiche Schülerinnen und Schüler aus dem Rems-Murr-Kreis. Die Kernpunkte der Kritik: Der Textausschnitt, mit dem sich die Schüler zu befassen hatten, sei uralt und gespickt mit einem Vokabular, das selbst in manchen Wörterbüchern nicht mehr zu finden sei. Früher seien in den Prüfungen Sachtexte drangekommen – diesmal ein überaus schwer zu verstehender Romantext. Ein Teil der Aufgabe sei zudem missverständlich formuliert gewesen; man habe nicht eindeutig erkennen können, auf welchen Textteil sich eine der Aufgaben bezog, kurzum: Dieses Abitur sei nicht vergleichbar mit jenen der vergangenen Jahre.

Aufgaben waren „anspruchsvoller“ als in den Jahren zuvor

Dem letzten Punkt stimmte das Kultusministerium in einer öffentlichen Reaktion sogar zu, und zwar mit Verweis auf eine Beurteilung externer Fachberater. Demnach waren die Aufgaben „anspruchsvoller“ als in den Jahren zuvor, aber „in jedem Fall machbar“. Zudem verwies das Kultusministerium darauf, dass es die Prüflinge in Mecklenburg-Vorpommern mit demselben Text zu tun hatten. Von dort kamen keine vergleichbaren Beschwerden.

Ein Abiturient aus Waiblingen schüttelt darüber nur den Kopf: „Die vergleichen Äpfel mit Birnen. Sie hatten dort viel mehr Zeit.“

Prüfungen in Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern nicht identisch

Das stimmt. 5,5 Stunden lang bissen sich die Schüler in Mecklenburg-Vorpommern durch die Englisch-Prüfung, während die Baden-Württemberger bereits nach drei Stunden abgeben mussten. Allerdings griffe der reine Zeitvergleich zu kurz: Die Prüfungen waren nicht identisch, lediglich dieselbe Textstelle galt es zu bearbeiten. In Mecklenburg-Vorpommern mussten die Schüler mehr Aufgaben abarbeiten. Sie sollten zudem in eigenen Worten den schwierigen Text zusammenfassen, was den hiesigen Schülern erspart blieb. Sie mussten stattdessen ein Ankreuzverfahren durchlaufen.

Bildungsstandards seit 2012

„Beschwerden über die Englisch-Prüfung liegen uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vor“, bestätigt ein Sprecher des Kultusministeriums in Mecklenburg-Vorpommern auf Anfrage. Das nordöstliche Bundesland hat demnach 1:1 die Prüfungsaufgabenvorschläge des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) übernommen. Baden-Württemberg hat sich dort zwar auch bedient, aber Änderungen vorgenommen.

Dieser Prüfungsaufgabenpool des IQB steht den Ländern erst seit dem Jahr 2017 zur Verfügung. Die Kultusministerkonferenz hatte bereits 2012 Bildungsstandards fürs Abi in Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch formuliert. In diesen Standards ist festgelegt, welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten Schüler erlangt haben sollen, wenn sie die Schule mit der Allgemeinen Hochschulreife verlassen. Der Abituraufgabenpool soll mithelfen, die Bildungsstandards an den Schulen mit Leben zu füllen.

Anklage in Petition richtet sich an Susanne Eisenmann

Aus Schülersicht hat das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Englisch weit daneben gegriffen. Beim Kultusministerium prallten die jungen Kritiker mit ihrem Anliegen regelrecht ab, heißt es in einer Folgepetition: Dass sich das Ministerium flugs auf die Meinung von ein paar wenigen Experten berief, statt Zehntausenden Unterstützern der Petition Glauben zu schenken, hat die Schüler tief enttäuscht. „Die Frage, ob es an den Aufgaben liegt oder die Englisch-Abiturienten ‘zu blöd’ sind, überlasse ich Ihnen selbst und verbleibe mit der Hoffnung, Sie kennen die Antwort“ – diese Anklage in der Petition richtet sich an Kultusministerin Susanne Eisenmann.

Unterdessen halten es die Verfasser der Petition „dringlichst“ an der Zeit, ein Zentralabitur einzuführen. Dann wären alle Abiturienten in ganz Deutschland mit denselben Aufgaben konfrontiert. „Das länderspezifische Abitur ist besser“, kontert eine Sprecherin des Kultusministeriums in Stuttgart. Bildung müsse „auf die örtlichen Gegebenheiten reagieren können“.


Der Text

Hier eine Passage aus dem strittigen Text, wie die Petition ihn wiedergibt. Es handelt sich um eine gleichnishafte Beschreibung der Freiheitsstatue: „And before them, rising on her high pedestal from the scaling swarmy brilliance of sunlit water to the west, Liberty: The spinning disk of the late afternoon sun slanted behind her, and to those on board who gazed, her features were charred with shadow...“

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