Waiblingen/Stuttgart „Noie Werte“-Musiker zu Rechtsrock-Vergangenheit befragt

Große Bühne für Oliver Hilburger: Der Ex-Rechtsrocker sagte vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Landtages aus. So licht der Plenarsaal aber auch ist mit seiner Milchglas-Decke – Erhellendes trat nicht zutage. Allenfalls Freunde bizarrer Dialoge kamen auf ihre Kosten. Hilburger selbst ist auf dem Foto übrigens nicht zu sehen. Grund: Die Geschäftsordnung des Ausschusses räumt jedem Zeugen das Recht ein, Bild- und Tonaufnahmen während der Aussage verbieten zu lassen. Alle Zeugen aus der rechten Szene machen davon Gebrauch und auch viele Polizisten. Foto: Franziska Kraufmann

Waiblingen/Stuttgart. Oliver Hilburger, 48, aus dem Rems-Murr-Kreis profiliert sich derzeit als Vordenker in der rechten Polit-Szene – am Montag konfrontierte ihn der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags mit seinem Vorleben: als Musiker der Rechtsrocker „Noie Werte“. Hilburger aber will damals von „Nigger“-Gebrüll und Hitlergrüßen nichts gehört und nichts gesehen haben. Protokoll einer bizarren Vernehmung.

Nach zwei Stunden gründlichsten Kreuzverhörs ist ihnen die Zermürbung anzusehen, der Zorn, die Frustration. Ob der Ausschuss-Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) oder die Grüne Petra Häffner – ins Gesicht ist ihnen geschrieben, wie veralbert sie sich fühlen. Mit Fragen gelöchert haben sie den Ausschuss-Zeugen; am Ende ist alles abgeprallt an dem rhetorisch beschlagenen, regelrecht geschult wirkenden Mann, der momentweise das sich ihm bietende Podium gar zu genießen schien.

Hilburger spricht in hohem Ton von "seinem Wirken"

Wenn er von dem erzählt, was er tut, spricht er in hohem Ton von „meinem Wirken“. Seit 2010 ist er freigestellter Betriebsrat im Daimler-Werk Untertürkheim als Frontmann der Gruppierung „Zentrum Automobil“, 2014 wurde er wiedergewählt und steigerte dabei seine Stimmenzahl markant. Auch Migranten hätten für ihn votiert, betont er. In jüngerer Zeit weitet er den Kreis seines „Wirkens“ aus: Im Mai sprach er bei einer Veranstaltung des rechten AfD-Flügels in Zwickau, Ende November wird er als Redner bei einem Kongress in Leipzig neben Pegida-Gründer Lutz Bachmann und Martin Sellner, Kopf der als rechtsextrem geltenden „Identitären Bewegung“, auftreten. Sein Vortragsthema: „Den Widerstand in die Betriebe tragen.“

Musiker will NSU-Trio nicht gekannt haben

Als Musiker der „Noien Werte“ soll er von 1991 bis 2008 menschenverachtende Botschaften verbreitet und junge Leute zum Rassenhass aufgestachelt haben? Er doch nicht, findet Oliver Hilburger.

Aber hat nicht der Nationalsozialistische Untergrund zwei Lieder der Noien Werte als Soundtrack für eine erste Version seines Bekennervideos verwendet? „Erklären kann ich mir das gar nicht“, sagt Hilburger. Er habe „zu keinem Zeitpunkt in meinem Leben die drei Personen gekannt“, und hätte er von deren Mordumtrieben gewusst, „hätte ich das sofort zur Anzeige gebracht“. Es sei eine „Unverschämtheit, faktenfern einen Zusammenhang zu konstruieren“ zwischen ihm und denen.

„Wert auf Qualität gelegt“, oder: „Ich war nur für die Musik zuständig“

Aber kennt er nicht persönlich Andreas Graupner und Jan Werner? Der eine war laut einer Quelle des Verfassungsschutzes möglicherweise eine Kontaktperson des Trios, der andere wird von der Bundesanwaltschaft gar als „Beschuldigter“ und potenzieller Unterstützer des NSU geführt. Hilburger antwortet: Den Werner kenne er nur als Konzert-Organisator, und zu Graupner sei „eine Freundschaft entstanden“, weil beide als Musiker „Wert auf Qualität gelegt“ hätten.

Aber spielten die Noien Werte nicht – via Video dokumentiert – 2003 und 2006 bei Auftritten im Elsass und in Italien ein Lied über Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, und reckten sich da nicht erkennbar die Arme vor der Bühne strammdeutsch diagonal empor? Ach, sagt Hilburger, als Musiker „kriegen Sie vom Publikum gar nichts mit“, die Scheinwerfer blenden so. „Wenn es sichtbar gewesen wäre, dass die – was sollen die gemacht haben? – den Hitlergruß zeigten, hätten wir das unterbunden.“

"Ich wusste nie, wer Verantalter war"

Aber haben die Noien Werte nicht einst in einem Interview mit einem rechten Szene-Heft erklärt, warum sie ihren Schlagzeuger rauswarfen? Der Kerl, so heißt es in dem Gesprächsprotokoll, habe sich mit einer Frau, die nicht „aus unserem Kulturkreis“ stammte, eingelassen und damit gegen die „streng völkischen Ansichten“ der Gruppe verstoßen. Moment, sagt Hilburger, er habe „dieses Interview nicht zu verantworten“. Er glaube, es sei auch gar nicht so gewesen.

Aber stimmt es etwa nicht, dass das mittlerweile verbotene Neonazi-Netzwerk Blood & Honour Konzerte mit den Noien Werten veranstaltete? „Wir sind zu sehr vielen Konzerten eingeladen worden, ich wusste nie konkret, wer Veranstalter war.“

Nummer später nicht mehr gespielt

Aber hat er etwa nicht 1993 in Waiblingen als Bassist den Blood&Honour-Gründer Ian Stuart begleitet, der auf der Bühne „Fuck the Niggers“ und „Fuck the Jews“ brüllte? „Das ist nicht meine Sprache“, sagt Hilburger, er habe derlei auch nicht wahrgenommen. Der musikalische Lärm bei solchen Konzerten sei manchmal so undifferenziert gewesen, „dass ich noch nicht mal meine eigene Gitarre gehört habe“.

Aber halt, es ist doch belegt, dass auch die Noien Werte selber „Deutschland den Deutschen“ sangen, „lass keinen Fremden rein“, „in unsere Blocks kommt kein Gesocks“! Das Lied, antwortet Hilburger, sei 1991 aufgenommen worden, da sei er noch neu in der Band gewesen, am Text habe er nicht mitgearbeitet; später hätten sie die Nummer auch nicht mehr gespielt.

Nichts gesehen, nichts gehört

Nichts gesehen, nichts gehört: So geht und geht das Stunde um Stunde. Nun gut, räumt Hilburger ein, eine „Botschaft“ hätten sie schon gehabt: Sie hätten „aufklären“ wollen über gesellschaftliche Missstände. Aber im Grunde „war ich nur für die Musik zuständig“.

Dass ihm in diesem Ausschuss vermutlich so gut wie niemand mehr als drei zusammenhängende Worte glaubt: geschenkt. Hilburger selbst sieht sich mit seinem „Wirken“ auf dem besten Weg: „Ich bin eine streitbare Person mit wachem Geist und dem Willen, alles zum Guten zu wenden.“


Und schuld ist der Verfassungsschutz?

Hinter manchen der bösartigsten Umtriebe von Neonazis steckte womöglich der Verfassungsschutz – diese Verschwörungstheorie deutete Oliver Hilburger in seiner Aussage an.

Tatsächlich wimmelte es in der rechten Szene (auch beim „Thüringer Heimatschutz“, aus dem der NSU hervorging) von „V-Leuten“: Neonazis, die vom Verfassungsschutz Geld bekamen und dafür Informationen liefern sollten. Hilburger folgerte daraus: Manche rechten Musikgruppen hätten „ohne die Mithilfe des Verfassungsschutzes gar nicht existieren können“, die Dienste hätten Bands mit Texten „brutalster Art“ regelrecht „hochgezüchtet“. Warum? „Es gibt ein Interesse, im Kampf gegen rechts Bilder zu produzieren, die man instrumentalisieren kann.“ Vielleicht seien auch diejenigen, die bei Konzerten den Hitlergruß zeigten, „vom Geheimdienst instruierte Leute“.

Rückfrage aus dem Untersuchungsausschuss: Glaube er, dass die Dienste versucht hätten, die Szene zu radikalisieren? „Davon bin ich fest überzeugt.

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