Waiblingen Vom Sanierungsfall zum Energieeffizienz-Haus

Waiblingen. Wer mit dem Auto die Marktgarage verlässt, kann die Veränderung der Oberen Sackgasse kaum übersehen. Zoltán Bagaméry und Harald Lorleberg schaffen unmittelbar an der historischen Stadtmauer ein Ensemble mit Büros und Wohnungen, das die Garagen und die teils vom Verfall bedrohte Bausubstanz ablöst.

Für die beiden Waiblinger Unternehmer ist das Sanierungsprojekt eine Herzensangelegenheit. Zoltán Bagaméry, Geschäftsführer der Immobilienfirma Wohnwert, hat als junger Hüpfer einst selbst in der Oberen Sackgasse gewohnt. Und Harald Lorleberg, mit seiner EDV-Firma L-EDV in der Zwerchgasse ansässig, bekennt sich als „Altstadt-Freak“. Beide sind dicke Kumpels, verbrachten jüngst mit ihren Jungs einen gemeinsamen Aktivurlaub und besuchten in ihrer eigenen Jugend beide das Staufer-Gymnasium. Sie teilen die Überzeugung, dass es sich in einem charaktervollen Altstadt-Ensemble schöner arbeiten lässt, als in einem „sterilen Zweckgebäude irgendwo im Gewerbegebiet“. Und genau das haben sie vor: Wohnwert-Immobilien wird von der Querspange umziehen, L-EDV gibt die eng gewordenen Räume in der Zwerchgasse auf. Der IT-Dienstleister wird 2018 das neue Büro beziehen. Zoltán Bagaméry, der im Ensemble auch wohnen wird, hofft 2019 fertig zu sein.

Alte Linde soll bleiben

„Eigentlich hätten wir die Gebäude auch abreißen können“, betont Harald Lorleberg – die Lösung mit Abbruch und Neubau wäre die deutlich günstigere gewesen. Doch die komplizierte Kombination von Denkmalsanierung, „normalem“ Sanierungsfall und Neubau erhielt den Vorzug. Die Genehmigungszeit beim Bauamt belief sich auf rund zwei Jahre. Unter Denkmalschutz stehen nicht die Gebäude, aber die Stadtmauer, die in Sandstein-Optik ertüchtigt und integriert wird.

Der Schellenturm an der Weingärtner Vorstadt bleibt ebenso erhalten wie die alte, die Umgebung prägende Linde. Ein Baumexperte hat sie bereits inspiziert und pflegerische Maßnahmen ergriffen. Der Innenraum des Turms soll als heimeliges Plätzchen zum Verweilen einladen. „Urbane, moderne Architektur soll sich homogen mit der historischen Bausubstanz verbinden und ein attraktives Spannungsverhältnis ergeben, in dem man sich gerne aufhält“, sagen die Unternehmer.

Lichtschacht als Atrium mit Blick auf historisches Gemäuer

Ein Nachteil der Altstadt mögen für den heutigen Geschmack die zumeist kleinen Fenster sein. Damit mehr Licht nach Innen dringt und die Mitarbeiter nicht im Dunkeln sitzen, verfielen die Bauherren auf die Idee eines Lichtschachtes, der den Blick auf historisches Gemäuer frei hält und wie in einem Atrium Licht von oben in die Räume dringen lässt.

Gerettet wird außerdem die baufällig wirkende, überwucherte Scheune, deren Balkenkonstruktion noch besser trägt, als es scheint. Ganz verschwunden sind nur die Garagen auf der Altstadt-Seite. Hier soll ein Neubau entstehen. Die Gebäude bleiben nach Fertigstellung komplett im Besitz der Wohnwert Stadtbau GmbH und Co. KG. Teil des Ensembles, das von vier Giebeln überragt wird, sind die Hausnummern 9, 11, 13 und 15 – am Ende werden es freilich nur noch zwei Hauseingänge sein. Neben den Büroräumen der Firmen und dem im Keller einzurichtenden Lager von L-EDV werden vier Wohneinheiten errichtet, drei davon zur Vermietung.

Vom Sanierungsfall zum Energieeffizienz-Haus

Eine Garage im Erdgeschoss soll Platz für vier Elektrosmarts bieten, die zum Carsharing zur Verfügung stehen. Ambitioniert gehen die Bauherren das Thema Energieeffizienz an. Das Ziel lautet „KfW 55“, das heißt, das Gebäude soll, gemessen an den Vorschriften der Energieeinspar–Verordnung, nur 55 Prozent der Energie verbrauchen. Auf bestehende Balken werden neue aufgesetzt, in die Zwischenräume kommt eine 20 Zentimeter dicke Dämmschicht. Die Klimaanlage wird in die Dämmung integriert, die Räume werden per Fußbodenheizung erwärmt.


Obere Sackgasse

  • Seit 1898 heißt das Sträßchen „Obere Sackgasse“, davor einfach „Im Sack“. Seither gibt es die obere, mittlere und untere Sackgasse. Der kleine Stadtteil war nur über die drei Gassen erschlossen und hatte keinen Zugang durch die Stadtmauer – mit Ausnahme des schmalen Tränktörles, durch das sich die Menschen beim Stadtbrand in Panik zu retten versuchten. In seiner Abgeschlossenheit wurde dieser Bereich der Altstadt „Sack“ genannt.
  • Ein spannendes Sanierungsprojekt der letzten Jahre war die Huchlerscheuer in der unteren Sackgasse.
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