Waiblingen Was passiert mit dem Bellini?

An Gästemangel lag es nicht: Inhaber Pietro Sapia vor seiner leer geräumten Trattoria. Foto: Ralph Steinemann (Pressefoto)

Waiblingen.
Beste Lage, gutes Essen und ein sympathischer Chef: In 20 Jahren hat sich das „Bellini“ in der Langen Straße zu einem der beliebtesten Lokale der Stadt entwickelt. Viele Fans italienischer Küche sind jetzt traurig, denn zum Jahreswechsel hat die stets gut besuchte Trattoria geschlossen. Wer sommers draußen zwischen Kübelpalmen unter der Markise saß und seinen Espresso schlürfte, konnte südländisches Flair in der Altstadt atmen. Doch schon jetzt erinnert außer dem Schild am Eingang nichts mehr an das ebenso gemütliche wie stilvolle Restaurant. Früher konnte man den Gästen von der Straße aus zuwinken, heute versteckt sich der Gastraum hinter einem Bauzaun. Tische und Stühle sind weg, die komplette Einrichtung ist bereits ausgebaut.

Vor zwei Jahrzehnten eröffnete Pietro Sapia das Lokal als Espressobar. Mit der Gastronomie ist der Italiener aufgewachsen, seit seinem 14. Lebensjahr half er in den Betrieben seiner Eltern in Stuttgart und in Bad Cannstatt mit. Nach einigen Jahren in Waiblingen holte er Mutter und Vater sowie weitere Verwandte mit nach Waiblingen - und das Bellini wurde ein florierendes Restaurant. Von Mama Filomena und von der Tante hausgemachte Pasta, aber auch Ausgefalleneres wie Rinderleber auf venezianische Art gehörten zu den Spezialitäten. Außerdem gab’s Pizza, Antipasti und Salate - die ganze, große Bandbreite der italienischen Küche. Oft wechselte die Speisekarte mit der Saison - etwa mit „asparago“ zur Spargelzeit.

Kleiner, aber feiner Italiener mit familiärem Charme

Im Bellini wurde nicht nur gegessen, sondern auch gefeiert und gelacht. Manchmal hatte Pietro Sapia Reservierungen für 30 Personen. Der Laden lief nach Worten des Chefs „bombe“, war mittags wie abends gut besucht. Von der Nachfrage her, sagt er, hätte er gut und gerne noch zwei Räume öffnen können. „Kleiner, aber feiner authentischer Italiener“ heißt es in Online-Bewertungen. Oder: „Der Patrone und seine Familie sorgen für eine sehr persönliche und authentische Atmosphäre.“ Aber es mischen sich auch Kommentare darunter wie „Leider hat es nachgelassen“.

Es ist wie so oft, wenn beliebte Restaurants schließen. Wirtschaftliche Gründe für das Aus gibt es nicht – aber die Arbeit ist kaum zu schaffen. Für den 45-jährigen Pietro Sapia ist die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Sieben Tage die Woche, täglich 13 Stunden im Einsatz. Das schlaucht nicht nur, das zehrt. Dazu kommt, dass die Familienmitglieder das Alter für ihren wohlverdienten Ruhestand erreicht haben: Vater Luigi ist 70, Mutter Filomena 63. „Sie waren immer die Stützen des Bellinis“, sagt der Sohn dankbar. Die Tante arbeitete zuletzt sogar mit 75 noch mit. Auf der anderen Seite wurde es in den vergangenen Jahren immer schwieriger, zuverlässiges und freundliches Personal zu finden. Auch das ein Problem, mit dem nicht nur das Bellini kämpfte. Bis März hat Pietro Sapia noch mit der Schließung des Bellinis zu tun. Danach will er sich erst einmal eine Auszeit nehmen, zur Ruhe kommen und sich etwas Neues überlegen. Ein Restaurant mit warmer Küche und zehn Angestellten wird er ziemlich sicher nicht mehr eröffnen.

Aus der ehemaligen Trattoria wird eine Eisdiele

Vergeblich hat der Inhaber versucht, jemanden zu finden, der in der Langen Straße 62 wieder ein Restaurant betreibt – aber vergeblich. Während des Frühjahrs soll umgebaut werden, damit im April oder Mai die Nachfolger starten können: Aus der ehemaligen Trattoria wird eine Eisdiele. Die Neuen, so versichert Pietro Sapia, dem das Haus gehört, seien zwei Profis, die viel Erfahrung mitbringen und schon zwei Eisdielen haben - nicht in Waiblingen.

So sehr sich Pietro Sapia verständlicherweise auf die Auszeit freut, verleugnet er nicht: „Das Aufhören fällt schwer.“ Das Bellini war nicht nur ein Teil von ihm, auch für Waiblingen als Stadt gehe damit „ein Stück Kultur“ verloren. Wie zum Beweis für seine Worte halten während des Gesprächs mit dem Reporter quasi im Minutentakt Passanten an, erkundigen sich, wenden noch einmal ihre Italienisch-Kenntnisse an und äußern ihr Bedauern: „Das Bellini wird fehlen.“

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