Waiblinger Bestsellerautor Renz-Polster Interview: Die traurige Kindheit der Rechten

Kinderarzt und Psychiater Dr. Herbert Renz-Polster. Foto: Marco Kost

Waiblingen. Der in Waiblingen aufgewachsene Kinderarzt und Psychiater Herbert Renz-Polster gehört zu den meistgelesenen Elternratgebern der vergangenen Jahre. Nun mischt sich der 59-Jährige in die Debatte um AfD und Rechtspopulismus ein. Seine These: Autoritäre Erziehung begünstigt Fremdenfeindlichkeit im Erwachsenenalter.

Sie sind bekannt für Ihre Erziehungsratgeber, in denen Sie Eltern das Verhalten von Kindern aus der Evolution erklären. Was hat Sie bewegt, ein Buch über Rechtspopulismus zu schreiben? Zur Zeit kursiert ja schon eine Vielzahl an Deutungen dieses globalen Phänomens.

Das Buch ist entstanden, weil die bestehenden Deutungen nicht ausreichen. Dass Menschen sich dieser Ideologie unterwerfen, nur weil sie abgehängt, ungebildet oder kulturell entfremdet sind, das ist mir zu plump. Viele von denen, auf die all das zutrifft, können der Verlockung von rechts ja problemlos widerstehen. Umgekehrt gibt es bei den Rechtspopulisten genügend Menschen, denen es eigentlich an nichts fehlt. Auch sehe ich keinen Grund, warum jemand, der sich abgehängt fühlt, deshalb Muslime schlecht finden, Homosexuelle ablehnen oder den Klimawandel leugnen soll. Oder sich gar Führern an die Brust werfen soll, die ganz offensichtlich einen an der Waffel haben. Nein, da muss etwas Tieferes dazukommen, damit sich jemand in der Not ausgerechnet an diese Ideologie klammert.

Und Sie wollen die Deutungslücke schließen, indem Sie die Erziehung in den Blick nehmen. Wo ist der Zusammenhang?

Schauen wir uns die tiefere Agenda des Rechtspopulismus einmal an. Da geht es doch um die immer gleichen Grundmotive - um Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit: Make America great again! Take back control! Mauern bauen! Endlich eine Stimme haben! Heimat schützen! Stolz, ein Deutscher zu sein! Betrachten wir nun die Kindheit, so begegnen uns die gleichen Grundmotive: Bin ich sicher? Bin ich anerkannt? Gehöre ich dazu? Diese Fragen stellen unsere Kinder im ganz normalen, alltäglichen Miteinander: Schützt ihr mich, wenn ich in Not bin? Kann ich mitgestalten oder muss ich immer tun, was andere mir vorgeben? Bin ich okay? Das sind die Fragen der Kinder. Bekommen sie darauf gute Antworten, so werden sie selbstsicher und innerlich gefestigt. Wenn nicht, bleibt ein Vakuum. Und das macht sie dann später verletzlich gegenüber allem, was vielleicht einen Ersatz bietet. Die politischen Verlockungen von rechtsaußen gehören dazu.

„Politische Landkarten sind Landschaften kindlicher Not“, heißt es in Ihrem Buch. Wie erklären Sie die Unterschiede im Zuspruch, den die AfD in Ost und West genießt? Inwiefern hat die Erziehung das Wahlverhalten in Sachsen oder Thüringen begünstigt?

In den östlichen Bundesländern ist viel zusammengekommen. Die BRD war während der Wende im Griff des neoliberalen Dogmas. Das hat den Menschen in den neuen Bundesländern gleich den Boden unter den Füßen weggezogen. Nicht konkurrenzfähig und deshalb wertlos, hieß die Diagnose. Viele jüngere, mobilere, weltoffenere Bürger wanderten ab. Dazu kam auch ein Paradoxon, das schon beim Mauerfall bestand. Untersuchungen von damals zeigen nämlich, dass autoritäre Haltungen und Fremdenfeindlichkeit unter den Jugendlichen in der DDR deutlich stärker ausgeprägt waren als in der BRD. Das führe ich vor allem auf die durch und durch autoritäre Erziehung in den frühkindlichen Einrichtungen zurück. Kinder mussten sich dort ja größtenteils von klein auf unterordnen, den ganzen Tag. Die meiste Zeit haben sie in Positionen ohne Widerrede verbracht. Sie sollten im Kollektiv funktionieren, auf die individuellen Bedürfnisse wurde wenig Rücksicht genommen. Der Personalschlüssel war unterirdisch, so eng, dass anders als durch ein striktes Regiment der Tag nicht zu schaffen war. Das prägt fürs Leben.

Sie sagen auch, hinter der Furcht vor „Überfremdung“ der Heimat stehe der innerlich heimatlose Mensch. Könnten Sie das bitte näher erläutern?

Ich sehe die Kindheit als eine Zeit, in der wir Menschen tatsächlich so etwas wie eine „innere Heimat“ aufbauen - oder eben nicht. Ich meine damit das Gefühl von: Hier ist es gut, hier bin ich geschützt, hier bin ich jemand. Wenn Kinder dagegen in Furcht und Stress aufwachsen, wenn sie beständig überfordert sind und sich wertlos fühlen, dann bildet sich kein Gefühl von Heimat. Vielmehr speichern die Kinder ab: Die Welt ist feindlich gesinnt, sie ist ein Kampfplatz, ich kann mich auf die Menschen nicht verlassen. Ich muss mich hier beständig schützen und verteidigen - gegen Eindringlinge, Flüchtlinge, gegen Kriminelle, gegen „Frühsexualisierung“, gegen „Überfremdung“, gegen Gender-Wahn oder was auch immer. Neuerdings auch gegen Wölfe. Im Grunde ist der Rechtspopulismus doch eine Ideologie der Angst. Nicht falsch verstehen: Angst haben, ist normal. Aber ein Weltbild der Angst ist eine Bürde. Sie führt dazu, irrationale Entscheidungen zu treffen.

Was bringen Migranten aus Nahost und Nordafrika für Erziehungsmuster mit und was bedeuten diese für unsere Gesellschaft?

Das ist wieder so ein Paradoxon. Sie bringen - nicht jeder, aber nicht wenige von ihnen - genau das mit, das viele ihrer größten Feinde hierzulande auch in sattem Ausmaß besitzen: Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus und Homophobie. Und autoritäre Erziehungsvorstellungen. Eigentlich sollten sich die Rechtsnationalen und die Flüchtlinge in die Arme fallen, sie teilen das Einmaleins des geschlossenen Denkens: Meine Gruppe ist überlegen, die anderen schließe ich aus, die sind schlecht und nichts wert. Das überrascht nicht, denn diese Gegenden gehören weltweit zu den Hotspots belasteter Kindheiten. Ein großer Teil der Kinder dort wächst in emotionaler Not, Unsicherheit und oft unter Gewalterfahrungen auf. Bis dieses Gepäck abgelegt wird, das dauert. Und das kann nur durch gute Erfahrungen im Ankunftsland glücken, durch erfahrene Sicherheit, Anerkennung und Zugehörigkeit. Das ist ein Generationenprojekt. Dass wir Flüchtlinge aufnehmen gehört zu einer menschlichen Gesellschaft, aber sie zu integrieren, da dürfen wir keinen Aufwand scheuen, sonst geht das schief.

Was muss in der Erziehung geschehen, damit Demokratie und Toleranz wieder Land gewinnen?

Wir können unsere Gesellschaft umso besser gestalten, je mehr Menschen selbstsicher und beziehungsfähig sind. Nur so kann ein Leben in Freiheit klappen. Diese Ressourcen entstehen im Alltag, und die Kindheit legt dafür einen wichtigen Grund. Kinder wachsen in den tagtäglichen Beziehungen und Erfahrungen, die sie machen: Ich habe Schutz gefunden, wo ich in Not war. Ich bedeute den mir wichtigen Menschen etwas - nämlich die ganze Welt. Sie nehmen mich ernst, sie setzen sich deshalb nicht über meine Bedürfnisse hinweg. Ich kann mich einbringen und die Welt erkunden. In einem solchen Rahmen werden Kinder stark und beziehungsfähig. Demokratie beginnt im Grunde auf dem Wickeltisch. Oder mit einem Wiegenlied. Oder mit einer guten Kita, in der die Kinder nicht nur funktionieren müssen.

Zum Schluss aber doch noch eine Frage an den Eltern-Ratgeber. Sie drängt sich in diesem Kontext auf, wenn wir von autoritärer Erziehung reden: Inwiefern brauchen Kinder Autorität und wann schadet sie? Wo liegt die Grenze?

Kinder brauchen starke Eltern. Aber das sind nicht einfach Eltern, die den Boss geben. Sondern Eltern, die in der Lage sind, ihren Kindern das zu geben, was sie für eine gute Entwicklung brauchen: Geborgenheit, Anerkennung, ein Gefühl von „Heimat“. Das heißt nicht, dass Eltern nicht Nein sagen dürfen, das dürfen sie, denn sie sind in manchem klüger als die Kinder und haben das große Ganze der Familie im Blick. Aber ohne dass unsere Beziehungen funktionieren, ist Autorität nur eine Hülse, gefüllt mit Überlegenheit. Die aber trägt nicht weit und sie hat eine überraschend kurze Halbwertszeit. Deshalb kann in der Familie Stärke allein nicht wirken - sie braucht immer Partner, nämlich, dass wir klug sind, und dass wir uns auf unsere Kinder einlassen können.


Der Autor

Herbert Renz-Polster, Jahrgang 1960, lebt bei Ravensburg, ist in Beinstein aufgewachsen und machte 1979 am Staufer-Gymnasium Abi. Gemeinsam mit Zwillingsbruder Ulrich Renz, ebenfalls Buchautor, feierte er in jungen Jahren als Leichtathlet beim VfL Waiblingen Erfolge.

In Büchern wie „Menschenkinder – Plädoyer für eine artgerechte Erziehung“ und „Kinder verstehen“ erklärt Herbert Renz-Polster seinen Lesern, wie die Kleinen ticken und warum sie sich vor Monstern unter dem Bett fürchten.

Sein aktuelles Buch heißt „Erziehung prägt Gesinnung“ und ist im Kösel-Verlag erschienen.

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