Wegen Mottenfund Hegnacher Mühle ruft Mehl zurück

Ulrich Stietz und sein Schwiegersohn Janik Scholz bei der Kontrolle von Mehltüten. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Waiblingen-Hegnach. Die Hegnacher Mühle muss Mehl und Schrot, die vor dem 13. Juli produziert wurden, zurückrufen. Nach einer Beschwerde über Motten drohte der Müllerfamilie zeitweilig sogar ein Rückruf viel größeren Ausmaßes. Er hätte wahrscheinlich das wirtschaftliche Aus bedeutet. Am Montag aber überwog die Erleichterung – alles halb so wild.

Wichtig ist: „Die Produkte sind nicht gesundheitsschädlich, könnten aber den Ekel der Verbraucher erregen.“ Das teilt auf Anfrage das Landratsamt Rems-Murr mit. Für viele Kunden sind die Produkte der Hegnacher Mühle der Inbegriff gesunder und ökologisch verantwortungsvoll erzeugter Lebensmittel aus der Region. Dafür steht Müllermeister Ulrich Stietz mit seiner ganzen Person. Umso härter trafen ihn und seine Familie die Ereignisse der vergangenen Tage. Nachdem sich offenbar eine Kundin über Motten in zwei Mehltüten beschwert hatte, kamen die Kontrolleure des Landratsamts – und wurden fündig. Sie registrierten Mottenbefall und auch Mäuse im alten Mühlengebäude.

Als Konsequenz, das stand zunächst im Raum, sollten die Betreiber sämtliche Ware zurückrufen. Auch die nach dem 13. Juli ausgelieferten gewaltigen Mengen für Bäckereien und Pizzerien, die den weitaus größten Teil des Geschäfts ausmachen. Der Schaden hätte auf jeden Fall eine sechsstellige Summe erreicht. Ein Rückruf dieses Ausmaßes, das wäre für den Vorzeigebetrieb, der von Landwirten der Umgebung mit Getreide beliefert wird, schlicht ein Alptraum gewesen. Der Rückruf betrifft nun vor allem die (Super-) Märkte, in denen Mehl- und Schrotprodukte aus Hegnach verkauft werden. Sie werden diesen Dienstag informiert.

Ulrich Stietz: „Totgespritztes Mehl will auch keiner“

Aus den älteren Vorräten, die noch in der Mühle lagern, müssen nun viereinhalb Tonnen Mehl entsorgt werden und wandern in die Biogasanlage. „Einwandfreie Ware“, wie Ulrich Stietz versichert. Aber: Sie wurde vor der letzten Mottensäuberungsaktion vor vier Wochen gemahlen. Zur Bekämpfung der Schädlinge wird ein Gasgemisch in die Rohre geblasen. Allerdings, so wollen es nach Überzeugung des Müllermeisters die Kunden, in relativ geringer Dosierung. „Totgespritzte Ware will keiner.“ Nach diesem Schock werde er in Zukunft aber mehr Chemie einsetzen.

Eine gewisse Population an Motten lasse sich in einem traditionell arbeitenden Kleinbetrieb, besonders während der heißen Sommerzeit, niemals vollständig unterbinden, schließlich handelt es sich um ein Naturprodukt. Selbst bei der Begasung kann es sein, dass in toten Winkeln der Anlage, die sich über mehrere Stockwerke erstreckt, einige Motten überleben. Der Grat zwischen Lebensmittelreinheit und Verbraucherschutz auf der einen Seite sowie regionaler Produktion im Kleinbetrieb statt im undurchsichtigen, anonymen Konzern auf der anderen – er ist schmal.

Wegen der Mäuse steht Stietz immer wieder in Kontakt mit dem Kammerjäger. Zuletzt hatte die bewährte Ködermethode nicht mehr so gut funktioniert wie in den Jahren zuvor. Dass ein historisches Mühlengebäude am Fluss vollständig mäusefrei sein könnte – eine naive Vorstellung. Das bestätigt auch das Landratsamt: „Ein gewisser Schädlingsbefall in Mühlenbetrieben ist – sofern kein Massenbefall festgestellt wird – leider normal und zu tolerieren.“ Hinzu komme, dass die Hegnacher Mühle ein Gebäude mit alter Bausubstanz und älteren Maschinen ist, was die Schädlingsbekämpfung erschwere und eine Tötung aller Schädlinge unmöglich mache.

Mühle und Mühlenladen noch am Dienstag geschlossen

Die Nachricht, dass in der Hegnacher Mühle etwas nicht stimmt, hat in der Kundschaft die Runde gemacht. „Aufgrund eines technischen Problems und der daraus resultierenden Wartungsarbeiten“ seien momentan keine Bestell- und Liefervorgänge möglich, heißt es auf der Internetseite. Der Mühlenladen ist Donnerstag geschlossen und bleibt es wohl noch bis Dienstag. Einen Hinweis auf die Hegnacher Mühle lasen auch Kunden der Bäckerei Maurer.

Bei der Beurteilung, ob ein Massenbefall oder ein erhöhter Befall mit Schädlingen vorliegt, haben die Experten des Landratsamts einen Ermessensspielraum. Einen gesetzlichen Schwellenwert gibt es nicht. Und auch die Schwelle, von der an ein Konsument Ekel empfindet, ist nicht eindeutig. Viele sehen eine gewisse Belastung als unvermeidlich, andere sind sensibler.


Mehl und Schrot

Die Mühle ruft Mehl- und Schrotprodukte zurück, die vor dem 13. Juli 2019 produziert wurden. Da sich der Schädlingsbefall auf den ganzen Betrieb erstreckt hatte, werden alle vor diesem Datum produzierten Produkte zurückgerufen. Das heißt, alle Mehl- und Schrot-Produkte mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum bis einschließlich 13. Juli 2020 können theoretisch betroffen sein.

Die Lebensmittelkontrolleure des Landkreises stehen im engen Austausch mit dem Betreiber und unterstützen die Aufarbeitung.

1874 wurde die Hegnacher Mühle erbaut. 1970 übernahm Hermann Stietz, der Vater des heutigen Müllermeisters, die Mühle. 1973 wurde die Vermahlung automatisiert. Seit 1985 gibt es den eigenen Mühlenladen.

Ein beliebtes Ziel ist der Betrieb im historischen Gebäude auch bei Mühlentagen, wenn die Familie durch die Produktion führt.

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