Weihnachten: Fest der Versöhnung Versöhnung oder Scheidung?

Versteht sich als Vermittlerin, nicht als Scharfmacherin: Familienanwältin Regina Hruscha. Foto: Schneider/ZVW

Schorndorf. Jede zweite Ehe wird in Deutschland geschieden, nicht selten im bitteren Streit. Gerade während der Weihnachtsfeiertage geht es in vielen Familien alles andere als besinnlich zu. Wie Versöhnung trotz getrennter Wege funktionieren kann – und warum sie um die Feiertage keine neuen Fälle annimmt, erklärt Familienanwältin Regina Hruscha im Gespräch.

Der Weihnachtsbaum ist angerichtet, die Wohnung feierlich verziert, der Braten steht auf dem Tisch – und was macht der werte Ehemann? Kommt betrunken aus der Kneipe und fällt fast über die Nordmanntanne. „Jetzt reicht’s!“, denkt sich die Frau, beginnt einen handfesten Streit (mal wieder), es wird laut, Türen knallen, die Kinder verkriechen sich in ihrem Zimmer. Von Weihnachtsstimmung keine Spur. Am nächsten Tag greift die Frau zum Hörer: Sie will die Scheidungsanwältin sprechen – und einen Schlussstrich ziehen.

So ähnlich dürfte es in den kommenden Tagen leider in vielen Familien ablaufen. Manchmal eskaliert es auch schon vor dem Fest: Weil der Mann zum Beispiel kein Geld für Geschenke rausrücken möchte und die Frau deshalb mit dem Entzug der Kinder droht. Die Feiertage sind gemeinhin eine heikle Zeit. Denn das Weihnachtsfest sorgt alle Jahre wieder für zu hohe Erwartungen und entsprechend große Enttäuschungen. Was besonders fatal ist, weil man auch noch besonders viel aufeinanderhockt. Zu dieser Zeit des Jahres wollen sich Paare deshalb häufig scheiden lassen. Regina Hruscha macht da schon seit langem nicht mehr mit. Seit 28 Jahren ist die Schorndorferin als Familienanwältin tätig. Und hat für sich vor langer Zeit den Entschluss getroffen, in der Weihnachtszeit so etwas wie eine Friedenspflicht zu wahren.

„Eine Katastrophe“: Kinder als Streitgrund und Druckmittel

Das sei auch und vor allem im Sinne der Kinder, die nicht selten im Zentrum der Streitigkeiten stünden – und allzu oft auch als Druckmittel zwischen den Paaren verwendet würden. „Für die Kinder ist das eine Katastrophe“, sagt Hruscha. Am angeblichen Familienfest Weihnachten gleich doppelt. Gerade deshalb sollten sich verstrittene Ehepaare zumindest während der Feiertage noch einmal zusammenraufen.

Wenn dennoch jemand bei der Familienanwältin anruft, dann hört sie sich die Geschichte natürlich trotzdem an. Leitet sie aber zunächst an die Familien- und Erziehungsberatungsstelle weiter. Bisweilen auch ans Jugendamt. Und wenn der Streit allzu handfest war, übermittelt sie die Kontaktdaten des Schorndorfer Frauenhauses.

Für einen vernünftigen Umgang miteinander

Ganz grundsätzlich versteht Hruscha ihre Rolle als Anwältin nicht als die einer Scharfmacherin. Dabei sei es gerade das, was viele verlangten. Wer es im Gespräch nur aufs Niedermachen des Partners anlegt, dem weist sie auch schon mal die Türe. Man dürfe sich als Anwältin da nicht missbrauchen lassen, findet die 60-Jährige. Ihr Ziel sei es vielmehr, darauf hinzuwirken, dass die Paare wieder vernünftig miteinander umgehen können – ob weiterhin als Verheiratete oder als geschiedene Leute. Im besten Falle schaffe sie es sogar, die Eheleute zu versöhnen.

In den fast drei Jahrzehnten habe sie viel Sprachlosigkeit zwischen Eheleuten erlebt. Hruscha möchte deshalb wissen, worüber die beiden überhaupt sprechen. Ob sie wissen, was der Partner denkt und will. „Reden, reden, reden – das ist das Allerwichtigste“, so ihre Erfahrung. Wenn man hier noch ansetzen könne, bestünden Chancen auf Versöhnung. „Die Paare müssen nach Gemeinsamkeiten suchen, das Positive im anderen wieder sehen.“ Ein Perspektivwechsel sei dabei hilfreich, um zu verstehen: Wie sieht der andere eigentlich mich? Wenn es da nichts mehr gebe und die Positionen längst völlig verhärtet seien, dann bleibe kein anderer Weg mehr als die Scheidung. In fünf von sechs Fällen gebe es leider kein versöhnliches Ende als Paar.

Mit versöhnlichen Tönen wird grundsätzlich mehr erreicht

Doch auch dann sollte möglichst keine schmutzige Wäsche gewaschen werden, findet Hruscha. Denn mit versöhnlichen Tönen werde grundsätzlich viel mehr erreicht. Die Familienanwältin sieht ihre Rolle deshalb als Vermittlerin, zumal wenn Kinder involviert sind. Bei Sorgerechtsangelegenheiten seien auch Amtsgericht und Jugendamt daran interessiert, Eskalationen zu vermeiden. Noch bevor es zu einer Verhandlung kommt, soll möglichst ein Konsens zwischen den Parteien hergestellt werden. Das Wohl der Kinder stehe dabei im Mittelpunkt.

Nur bei einer Sache kann die 60-Jährige deshalb höchst unversöhnlich reagieren, ja regelrecht fies werden: Wenn jemand keinen Unterhalt für seine Kinder zahlt. Denn „egal wie es mit dem Partner läuft – um die Kinder muss man sich kümmern.“

Statistisches und Beratungsangebote

Im Jahr 2016 sind laut Statistischem Bundesamt gut 162 000 Ehen geschieden worden, das sind knapp 1000 weniger als im Vorjahr. In den meisten Fällen (82,6 Prozent) hatten die Geschiedenen zuvor bereits ein Trennungsjahr. Im gleichen Jahr haben sich rund 410 000 Paare trauen lassen. Die Scheidungsquote betrug demnach knapp 40 Prozent, auf eine Eheschließung kamen rechnerisch also etwa 0,4 Ehescheidungen

Das Klischee von dem Ehemann, der seine Frau für eine andere verlässt, trifft dabei nur noch zum Teil zu. Das bestätigt auch Regina Hruscha: „Frauen sind heute selbstständiger, im Schnitt nicht mehr so abhängig von ihren Männern und lassen sich deshalb auch nicht mehr so viel gefallen.“ 51,3 Prozent der Scheidungsanträge wurden, die Ehemänner in 40,9 Prozent der Fälle. Die übrigen Anträge haben beide Partner gemeinsam gestellt.

Gut die Hälfte der geschiedenen Ehepaare (50,5 Prozent) hatte laut Statistischem Bundesamt gemeinsame minderjährige Kinder. Insgesamt waren vergangenes Jahr knapp 132 000 Kinder unter 18 Jahren betroffen.

Sie suchen Hilfe bei Eheproblemen? Die Schorndorfer Beratungsstelle für Familien und Jugendliche ist in der Silcherstraße 39 und telefonisch unter 07181/93889-50 39 zu erreichen.

Die Offene Sprechstunde des Kreisjugendamts findet jeden Mittwoch von 11-13 Uhr im Familienzentrum Schorndorf, Karlstraße 19, Büro 4 statt (allerdings nicht in den Ferien). Es ist keine Voranmeldung notwendig.

Zu empfehlen sind auch die zahlreichen Hilfs- und Beratungsangebote des Familienzentrums. Weitere Informationen zum Programm finden Sie online unter www.familienzentrum-schorndorf.de.

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