Deutscher Reporterpreis: Beste Lokalreportage Der Verlorene

„Wenn der Alex nicht gestorben wäre, wäre ich auch nicht mehr da“: Andreas in seiner Wohnung. Foto: Schwarz / ZVW

Weinstadt. Im November 1997, neunzehn Jahre ist das nun her, verhungerte in Beutelsbach das Pflegekind Alexander, er wurde nur fünf Jahre alt. Sein Leidensgenosse Andreas überlebte mit knapper Not das Martyrium in der Familie, der er anvertraut war. Heute ist er 27, und seine Katastrophe dauert an.

Unser Reporter Peter Schwarz hat mit dieser Reportage den Deutschen Reporterpreis 2017 für die beste deutsche Lokalreportage gewonnen und wurde dafür am Montag (11.12) in Berlin ausgezeichnet.

Flashback - Bilder aus der Vergangenheit

Die Vergangenheit ist ein Tyrann, dauernd regiert sie dazwischen, mischt sich ein, meldet sich herrisch zu Wort. Nachts schreckt Andreas schweißnass hoch, Szenen von damals haben sich ihm in den Traum gedrängt, auch tags suchen sie ihn heim, sie kommen als „Flashbacks“: Eine Falltür tut sich auf im Boden der Gegenwart, Andreas stürzt durch das Loch hinab ins Gestern, vor ihm baut sich seine Pflegemutter auf, er sieht, wie sie ausholt, ihn zu schlagen.

„Acht Jahre meines Lebens fehlen mir. Die sind einfach weg. Ich kann mich nicht erinnern.“ Es ist, als habe ein fürsorgliches Computerprogramm versucht, ihm alle Gedächtnisreste aus seinen frühen Jahren von der Festplatte zu tilgen – aber der Löschlauf hat nicht vollständig funktioniert: Die ganz „krassen Dinger“ sind ihm geblieben, die Vergangenheitsblitze, die ihn durchzucken; wie er unter den laufenden Wasserhahn gedrückt wird und meint zu ertrinken; wie er in den Magen getreten wird.

Psychologen haben ihm erklärt, er sei „vom Kopf her nicht so reif wie manch anderer. Es sind die Jahre, die fehlen.“ Die Leute sagen zu ihm: „Du bist ein herzensguter Mensch, aber irgendwo fehlt dir was.“

Damals ist sein Leben von der Schiene gesprungen und hat sich seither nicht wieder sauber aufs Gleis setzen lassen, der Zug quält sich ächzend und schlingernd voran, ein Rad knirscht durchs Kiesbett, das andere rumpelt über die Schwellen.

Verhungert - Ein Drama auf dem Lande

Ein trinkender Mann, eine trinkende Frau, er schlug ihr im Streit eine Flasche auf den Kopf: Das Jugendamt im bayrischen Hof gab den 18 Monate alten Buben, der in solchem Elend hauste, an eine Pflegefamilie. 1993 zog Andreas mit seinen neuen Lebensmenschen, die für ihn da sein sollten, um nach Beutelsbach. Das Paar – sie Kindergärtnerin, er angehender Waldorflehrer – hatte drei eigene Kinder und beherbergte drei fremde, neben Andreas Alexander und dessen Bruder Alois. Alles wirkte vorbildlich: Patente Leute, hieß es im Flecken, bewundernswert, wie die das schaffen.

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn die Zuständigkeit geklärt worden wäre. Das Jugendamt Hof wollte sie abtreten, das Jugendamt Rems-Murr wollte sie nicht übernehmen. Bis 1997 reisten noch ab und zu bayrische Beamte ins Remstal, schon das war ein unguter Zustand. Ab April aber war offiziell Waiblingen verantwortlich – und bis November setzte sich nie jemand ins Auto, um nach Beutelsbach zu fahren, die Kinder zu besuchen, sie waren runter vom behördlichen Radar, niemand blickte hinter die Fassade. Man habe die Buben nicht mit neuen Gesichtern unnötig belasten wollen, lautete später die amtliche Begründung.

Flashback: In jener Novembernacht 1997 hört Andreas, wie im Bett neben ihm Alexander „so komisch röchelt“. Die Pflegemutter kommt rein und „klatscht ihm eine“, aber Alexander reagiert nicht, seine Augen sind verdreht. Blaulicht tanzt an der Decke: Sanitäter, von der Familie herbeigerufen, starten Wiederbelebungsversuche, vergeblich. Der Junge ist verhungert.

Erst jetzt offenbarte sich: Die Pflegeeltern hatten ihre leiblichen Kinder gut behandelt und die aufgenommenen bei Wasser und Brot gehalten.

„Wenn der Alex nicht gestorben wäre, wäre ich auch nicht mehr da. Ich wäre seit 19 Jahren tot. Der Alex hat mir den Arsch gerettet.“ Das stimmt. Als die Rettungskräfte Andreas bargen, wog er 11,8 Kilo und war 104 Zentimeter groß: ein Achtjähriger mit den Maßen eines Drei-, Vierjährigen. Er war dem Hungertod gerade so entronnen. Ein Arzt sagte, er habe „in der Bundesrepublik solche Kinder noch nicht gesehen“, nur auf Fotos aus Biafra.

Eine Gerichtsverhandlung endete mit lebenslangen Haftstrafen für die Pflegeeltern. Vieles blieb verstörend unklar: Was trieb diese tödlichen Kinderhelfer an? Warum hatte niemand etwas gemerkt, kein Lehrer, kein Nachbar? Immerhin, es war vorbei. Nur: Es gibt Katastrophen, die nicht enden. Sie schwelen still weiter, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit versickert.

Die sollen blechen - Ein Mensch fühlt sich allein gelassen

Irgendwo im Fränkischen, eine Hinterhofbude unter der Dachschräge: Waschmaschine, Bügelbrett, Kochzeile, Jesus-Bild, Marienstatue, eine Vase mit Tannenzweig. Hier haust Andreas. Rührend bewirtet er den Gast mit Marzipan, fragt wieder und wieder, ob der Kaffee auch warm genug sei.

Manchmal kreiseln ihm die Worte auf der Stelle, verfangen sich in Wiederholungen, wenn ihn ein Gedanke nicht mehr loslässt. Erzählt er von seinen Flashbacks, verselbstständigt sich der Fuß und wippt heftig, die Aufwühlung schüttelt den Körper mit solcher Wucht, dass man nicht weiter zu fragen wagt. Die Gefühle durchzucken schutzlos die Mimik, als gäbe es keine Haut über den Nervenbahnen. Jede Regung – Hoffnung, Sorge, Wut, Not – schreibt sich schmerzhaft deutlich ins Gesicht.

Er würde gerne arbeiten, irgendwas, egal, „ob ich Klo schrubben muss oder Kabel verlegen“. Aber „das Arbeitsamt hat gesagt, ich bin unvermittelbar. Die haben mir tatsächlich gesagt, ich soll doch Rente beantragen. So haben die mich abgespeist. Rente.“ Mit 27. Er lacht ratlos.

Vor Jahren half ihm ein Anwalt und verklagte den Rems-Murr-Kreis wegen Verletzung der Amtspflicht. Der Fall ging durch alle Instanzen. Am Ende sprach der Bundesgerichtshof Andreas 25 000 Euro Schmerzensgeld zu. Danach wollten sie ihm im Fränkischen keine Arbeitslosenhilfe mehr zahlen, „weil ich ja jetzt vermögend war“. Wieder musste ein Gericht entscheiden, es verfügte: Die 25 000 Euro sind Entschädigung für Erlittenes und nichts, das Andreas abgeben muss, damit bei irgendeinem Arbeitsamt die Kasse stimmt.

Dennoch, „das Geld ist weg. Ist weg. Kannst du nichts mehr machen. Das ist futsch.“ Andreas hat einen Betreuer, der ihm in Alltagsfragen hilft, „den durfte ich selber bezahlen“ phasenweise, der Rest verschwand in den Taschen falscher Freunde.

Der Rems-Murr-Kreis müsse, so entschied der Bundesgerichtshof, auch für künftige Schäden aufkommen, unter denen Andreas wegen seines frühkindlichen Martyriums zu leiden habe. Er habe mal in Waiblingen angerufen, sagt Andreas. „Man speist dich ab, und das war’s dann. Ich hab mir das nicht aussuchen dürfen: Ja, ich möcht in diese Familie und lass mich gern misshandeln! Die sollen verdammt noch mal dafür blechen“, sollen „mir ne Trauma-Therapie finanzieren“, sollen „dafür sorgen, dass ich nicht jede Nacht Albträume haben muss!“ Wobei, er weiß ja selber: Therapien hat er schon oft gemacht, die Flashbacks sind geblieben. „Bei mir ist alles zerschlagen worden in der Seele irgendwie, das lässt sich nicht mit Geld reparieren.“ (Das Landratsamt beschreibt den Vorgang teilweise anders – siehe dazu „Die Stellungnahme des Landkreises“.)

Gott hört zu - Auf der Suche nach Zuwendung

Nachdem Alexander gestorben war, kam Andreas in ein Heim, und dann ins nächste. In wie vielen wurde er mit den Jahren herumgereicht? Er sinnt nach. „Eins, zwei, drei, vier . . . dürften so an die fünf sein. Fünfe, sechse. Nur mal so hochgerechnet.“ In der Psychiatrie war er auch, „aber ich kann gar nicht mehr abzählen, wie oft.“

Er nahm Drogen, um „irgendwie zu vergessen. Ganz vergessen kannst du’s nicht. Aber ein bisschen ausblenden. Für den Moment. Teilweise.“ Er versuchte, sich das Leben zu nehmen, „Gott sei Dank hat’s nicht geklappt.“ Er suchte die Nähe zu seiner leiblichen Mutter, ein Filmemacher hat ihn mal dabei begleitet, die Aufnahmen sind erschütternd: Sie schleppte ihn mit in die Kneipe, geborgen saß er zwischen den Saufkumpanen – bis es beim „Mensch ärgere dich nicht“ zum Streit kam. Die Mutter nannte ihn „Missgeburt: Von mir aus kannst du verrecken, Andreas.“

Die Beine sind ihm krumm gewachsen, Spätfolgen der Unterernährung. Er neigt dazu, H-Milch zu horten, die Tetrapacks reihen sich auf in Reih und Glied wie eine Armee, die gegen den Hunger beschützt. „Ich kann fressen, fressen, fressen, fressen, fressen, ein halbes Kilo Nudeln und acht Eier, ohne Probleme“, und danach ist er immer noch nicht satt. „Das hat sich in mein Gehirn gebrannt: immer genug essen!“ Es ist, als misstraue sein Körper bis heute dem Frieden und glaube noch immer nicht daran, dass die Todesgefahr vorbei sei.

Immerhin, es gibt Schwester Natalia, „eine examinierte Nonne“. Ohne sie „wäre ich bestimmt nicht mehr hier“. Vor elf Jahren lernten sie einander kennen, „sie hat ein ganz starkes Herz“. Er kann sich „hundertprozentig“ auf sie verlassen, nein, „tausendprozentig. Das kannst du nicht mit Geld bezahlen. Das kannst du mit Geld einfach nicht bezahlen! Das ist unbezahlbar, sowas“: Ein Mensch, der einen wahrnimmt und sich sorgt!

Mit Schwester Natalia hat er dieser Tage Kirchenfenster bemalt: Krippenszenen, die Heiligen Drei Könige. Andreas stellt sich vor, wie schön das ist, wenn Kinder daran vorbeigehen und sich beim Anblick auf Weihnachten freuen. Er selber habe früher Weihnachten „ja nie erlebt“. Ein Tannenbaum, „wo man sich an Heiligabend druntersetzt“, alle beschenken einander und „singen ein paar schöne Lieder – so ist Weihnachten eigentlich gedacht: dass die Familie zusammenkommt.“

Er glaubt an Gott, „natürlich. Klar. Selbstverständlich.“ Es ist doch nicht Gott, der all das „verbockt“ hat, es sind die Menschen! Mindestens einmal die Woche – „aber ich schau, dass ich zwei-, dreimal reinkomm’“ – geht er in die Kirche. Hier findet er Ruhe. „Ich fahr runter. Dann bete ich.“ Gott empfiehlt nicht, Rente zu beantragen, Gott speist einen nicht ab mit 25 000 Euro, Gott „gibt keine Scheiß-Antworten“, Gott „hört einfach zu“: immer geduldig, immer schweigend.

In den Bergen - Ein Traum vom guten Leben

„Das wär so ein Wunsch von mir“: Einem „Chef“ in Waiblingen, jemandem vom Jugendamt, „persönlich in die Augen blicken. Um ihm meine Lebenssituation zu erklären. Oder dass ich mal tauschen könnt’ mit ihm, und er dürfte mal für zwei Wochen mein Leben führen. Dass er auch mal die Flashbacks hat, das würd ich mir wünschen, nur dass er weiß, dass ich ihm keinen Mist erzähle.“ Er hält inne. „Ich wünsche niemand, zu erleben, was ich erlebt habe. Nur dass sie es mal nachfühlen können. Sich mal da reinversetzen können.“

Träume: Arbeit haben, nützlich sein. Er helfe gerne „alten Damen über die Straße. Die sagen: Mensch, danke!“ Oder Rettungssanitäter werden; die sorgen dafür, „dass Menschen nichts passiert“. Oder Schäfer, „das ist ein schöner Beruf! Die Tiere sind dir dankbar. Wenn die Lämmer zur Welt kommen, das ist am allerschönsten. Die wollen fressen, trinken, Streicheleinheiten. Schafe sind auch Lebewesen, die haben genauso das verdient, was ich so möchte.“

Oder Vater werden, Kinder haben, am liebsten zwei: „Ein großer Bruder, der auf die kleine Schwester aufpasst“, das wäre ideal. Und wenn noch ein drittes käme, „auch gut. Jedes Kind soll die Chance haben, groß zu werden. Ich möchte, dass meine Kinder mal mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Sterbebett liegen“, nicht röchelnd und mit aufgeblähtem Bauch.

An der Wand hängt ein Idyll, Andreas hat es in geduldiger Arbeit zusammengefügt – eine Puzzle-Fotografie: eine Kirche mit Zwiebelturm, das Panorama der Berge, eine Wiese, Obstbäume. Hier zu leben, „das wäre mein Traum“: auf dem Lande, wo alles klein und überschaubar ist und „die Menschen aufeinander achtgeben“. Jeder kennt jeden, alle kümmern sich um alle, und keiner geht verloren.


Die Stellungnahme des Landkreises

Die Pressestelle des Landratsamtes hat uns zu diesem Fall mitgeteilt:

„In Folge des Aufenthalts von Herrn H. in der Pflegefamilie R. in Weinstadt wurde der Rems-Murr-Kreis durch das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 21. Oktober 2004 verurteilt, an Herrn H. insgesamt ein Schmerzensgeld von 25 000 Euro zu zahlen. Neben der Zahlung des Schmerzensgeldes wurde der Rems-Murr-Kreis verurteilt, Herrn H. sämtliche materiellen Schäden, die durch den Aufenthalt bei den Pflegeeltern R. entstanden sind und noch entstehen werden, sowie zukünftige immaterielle Schäden zu ersetzen, soweit diese Ansprüche nicht auf Dritte übergegangen sind. Bisher hat Herr H. keinerlei materielle Schäden geltend gemacht bzw. beansprucht.“

Das Schmerzensgeld „wurde am 19. Januar 2005 von der Versicherung überwiesen und bis zum vollendeten 21. Lebensjahr von Herrn H. entsprechend dem Urteil verwaltet und verzinst. Inklusive Zinsen wurden Herrn H. am 19. Mai 2010 insgesamt 29 394,54 Euro überwiesen.“

„Für Herrn H. wurde durch Beschluss des Amtsgerichts Hof vom 31. Mai 2007 Betreuung angeordnet. Der Betreuer erhielt jährlich einen Bericht über die Zinsentwicklung, letztmalig am 2. Juli 2010. Mit Vollendung des 21. Lebensjahres von Herrn H. war die Verwaltung des Schmerzensgeldes (inklusive der Zinsen) beendet. Damit endete auch die Berichtspflicht gegenüber dem Betreuer von Herrn H.“

„Am 8. November 2012 hat sich Herr H. telefonisch beim Kreisjugendamt gemeldet und mitgeteilt, dass er einen Anwalt einschalten und das Kreisjugendamt verklagen werde, um weitere Zahlungen zu bekommen. Herr H. wurde vom zuständigen Fachbereichsleiter ausführlich über den Inhalt des Urteils informiert“ und auch darüber, „dass er sich jederzeit melden und Ansprüche anmelden kann. Das Kreisjugendamt würde diese dann an die Versicherung zur Prüfung weiterleiten.“

„Da Herr H. zum damaligen Zeitpunkt nach eigenen Angaben immer noch unter Betreuung stand, wurde ihm empfohlen, sich mit seinem Betreuer in Verbindung zu setzen. Der Betreuer hat sich noch am selben Tag telefonisch gemeldet. Er wurde gebeten, sämtliche Aufwendungen des Herrn H., die unter die Entscheidung des Gerichts fallen könnten, zusammenzustellen und mit entsprechenden Nachweisen beim Kreisjugendamt vorzulegen. Dem Betreuer wurde zugesagt, die Zusammenstellung der Aufwendungen von Herrn H. an die Versicherung des Landkreises weiterzuleiten. Bis heute ist dem Kreisjugendamt allerdings keine Aufstellung über finanzielle Forderungen des Herrn H. zugegangen.“

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