Weinstadt Früherer Bürgermeister war Nazi: Wie geht Weinstadt damit um?

Die Georg-Amann-Quelle am Baacher Ortsrand. 2002 wurde der alte Holzbrunnen durch einen Sandsteinbrunnen ersetzt. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Weinstadt.
Georg Amann, von 1922 bis 1944 Bürgermeister von Schnait, war Antisemit und von 1933 an bis zu seinem Tod NSDAP-Mitglied. Das gibt die Stadt Weinstadt nun bekannt. Sie stützt sich hierbei auf die Arbeiten ihres Stadtarchivars Dr. Bernd Breyvogel, der seine Nachforschungen wiederum begann, nachdem er vom langjährigen Weinstädter SPD-Stadtrat Wolf Dieter Forster historisches Material erhielt. Wie geht die Stadt nun damit um, dass der auch während der Nazizeit regierende Schnaiter Bürgermeister nachweislich ein Judenhasser und lokaler Repräsentant des Nazi-Regimes war? Was heißt das für die nach ihm benannte Quelle bei Baach, bei der sich nicht wenige Bürger aus Weinstadt und Umgebung ihr Wasser mit Kanistern holen?

Stadt: „Lokaler Vertreter des diktatorischen NS-Regimes“

Geboren ist Georg Amann am 1. Dezember 1893. Er kam während der Weimarer Republik ins Amt des Schnaiter Bürgermeisters, als in Deutschland Demokratie herrschte. Und er blieb Bürgermeister, nachdem die Nazis 1933 an die Macht kamen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1944 war Georg Amann Rathauschef, seine Amtszeit endete also im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkriegs. In der offiziellen Pressemitteilung der Stadtverwaltung vom Freitag wird darauf verwiesen, dass Amann die Geschicke von Schnait insbesondere während der Zeit des Nationalsozialismus leitete. „Dies wirft die Frage auf, ob die Namensgebung der Georg-Amann-Quelle heute noch haltbar ist. Gleich nach der Machtergreifung Adolf Hitlers trat Amann in die NSDAP ein und fungierte fortan als lokaler Vertreter des diktatorischen NS-Regimes in Schnait“, heißt es in der Stellungnahme.

20 Jahre nach Amanns Tod benannte der Schnaiter Gemeinderat laut der Stadt die Fallenhauquelle bei Baach in Georg-Amann-Quelle um. Amann hatte die Quelle in seiner Amtszeit für die damals noch eigenständige Gemeinde Schnait angekauft. „Ist dieses ehrende Andenken angesichts der politischen Vergangenheit Amanns heute noch zu rechtfertigen?“, schreibt die Stadt und verweist auf ihre Infoveranstaltung am Dienstag, 3. März. Beginn ist um 18 Uhr im Beutelsbacher Stiftskeller (Stiftstraße 32). Kommen kann jeder, der möchte. Oberbürgermeister Michael Scharmann führt in den Abend ein – und der Weinstädter Stadtarchivar Dr. Bernd Breyvogel stellt dann Georg Amann auf der Grundlage aktueller Archivrecherchen vor. „Dabei steht Amanns Rolle im Nationalsozialismus im Mittelpunkt“, heißt es in der Stellungnahme. Auf Details geht die Stadt in ihrer offiziellen Einladung nicht ein, was der Weinstädter Pressesprecher Holger Niederberger damit begründet, dass dies die Aufgabe von Breyvogels Vortrag sein wird.

Amann soll den Verkauf der Quelle an Waiblingen verhindert haben

Dass die Quelle in Baach nach dem früheren Schnaiter Bürgermeister benannt wurde, liegt auch daran, dass Georg Amann verhindert haben soll, dass sie von der Nachbarstadt Waiblingen gekauft werden konnte. Im Buch „Schnait im Remstal“ ist nachzulesen, wie Amann einst im Gasthaus zum Lamm mit einem Otto Ellwanger saß. Dieser soll ihm kurz vor Mitternacht gesagt haben, dass seine Schwester Marie Heeß das Grundstück mit der Quelle am nächsten Tag an Waiblingen verkaufen will. Amann soll daraufhin mitten in der Nacht mit Marie Heeß und ihrem Mann verhandelt haben, bis um 2 Uhr nachts der Kaufvertrag mit Schnait unterzeichnet wurde.

Die Frage bleibt, wie die Bürger und der Gemeinderat mit der nun öffentlich gewordenen Erkenntnis umgehen, dass Georg Amann ein überzeugter lokaler Vertreter der NSDAP und Antisemit war. Schon die Debatte um die mehr als einmal gescheiterte Umbenennung der Hindenburgstraße zeigt, wie groß der Widerstand sein kann. 1985 fand ein SPD-Antrag keine Mehrheit, 2012 ebenfalls nicht. Auch die Grüne Offene Liste und der frühere CDU-Fraktionschef Bruno Deißler setzten sich vergeblich für eine Umbenennung ein. Hindenburg war als letzter Präsident der Weimarer Republik Hitlers Steigbügelhalter auf dem Weg zur Macht – und zudem ein Militarist sowie Verächter der Demokratie. 1936 wurde in Strümpfelbach der hintere Teil der Hauptstraße in Hindenburgstraße umbenannt, der vordere Teil in Adolf-Hitler-Straße. Während nach dem Zweiten Weltkrieg Hitlers Name wieder vom Straßenschild verschwand, blieb der Name Hindenburgstraße erhalten. 2012 ergab eine von der Stadt Weinstadt initiierte Befragung von Anwohnern, dass 85 Prozent derjenigen, die abgestimmt haben (101 von 163 Bürgern), am alten Straßennamen festhalten wollen. Die Leute begründeten dies mit möglichen Kosten und dem Aufwand der Ummeldung.

Im Zusammenhang mit der möglichen Umbenennung der Georg-Amann-Quelle stellt sich zudem die Frage, ob auch für die Umbenennung der Hindenburgstraße ein neuer Anlauf unternommen wird. Selbiges gilt für eine mögliche Umbenennung der Ernst-Heinkel-Straße im Beutelsbacher Gewerbegebiet. Der Grunbacher Ernst Heinkel war Inhaber des Heinkel-Flugzeugwerks Oranienburg, einer der wichtigsten Firmen der deutschen Luftfahrtindustrie während der Nazizeit. Er setzte aktiv KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte ein, wenn er sich davon einen wirtschaftlichen Vorteil für sein Unternehmen versprach.

Wie Remshalden und Waiblingen mit ähnlichen Fällen umgingen

In der Weinstädter Nachbarkommune Remshalden stimmte der Gemeinderat 2014 der Umbenennung der Ernst-Heinkel-Realschule zu. Beibehalten wurden dagegen auf einstimmigen Beschluss die Ernst-Heinkel-Straße sowie die Tafeln am Standort des ehemaligen Geburtshauses und an einem Brunnen in Grunbach. In Weinstadt war eine Umbenennung der Heinkelstraße bislang kein großes Thema, trotz der Debatte im Nachbarort. Das könnte sich jetzt im Zuge der beginnenden Diskussion um den früheren Schnaiter Bürgermeister ändern. Dass solche Auseinandersetzungen um das Wirken in der NS-Zeit auch heftige Gegenreaktionen auslösen, zeigte sich in der Nachbarstadt beim Waiblinger Gymnasiallehrer und Dichter Otto Heuschele, der nach Recherchen des Waiblinger Stadthistorikers Hans Schultheiß in den 30er Jahren Dichterkollegen als „fremdrassig oder rasselos“ bezeichnet hat. Dass Schultheiß dies aufdeckte, kam nicht bei jedem gut an.

Wie es nach Breyvogels Vortrag in Weinstadt im Umgang mit Georg Amann weitergeht, wird sich zeigen. Klar ist: Die Debatte um den Umgang mit dem früheren Schnaiter Bürgermeister wird damit nicht beendet sein – sie fängt gerade erst an.


Neuer Name ist nötig

Ein Kommentar von Redakteur Bernd Klopfer

Die Naziherrschaft war das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Sechs Millionen Juden wurden in den Konzentrationslagern ermordet, Millionen von Menschen starben in dem von Nazi-Deutschland verursachten Zweiten Weltkrieg. Wenn nun herauskommt, dass ein langjähriger Schnaiter Bürgermeister, der während der Nazizeit im Amt war, nachweislich ein Antisemit und seit 1933 NSDAP-Mitglied war, dann darf das Demokraten nicht kaltlassen. Wolf Dieter Forster und Stadtarchivar Bernd Breyvogel verdienen Anerkennung für ihre Aufklärungsarbeit.

Mit einem öffentlichen Vortrag zu Georg Amann allein ist es aber nicht getan. Der Weinstädter Gemeinderat sollte noch in diesem Jahr öffentlich darüber debattieren, wie er mit Georg Amann künftig umgehen will. Und er muss entscheiden, was mit der nach dem Schnaiter Bürgermeister benannten Quelle bei Baach passieren soll. Klar ist: Wenn eine Quelle, ein Brunnen, ein Haus oder eine Straße nach einer Person benannt sind, ist damit eine Ehrung verbunden. Wie aber kann eine Stadt einen Menschen ehren, für den die Menschenwürde nicht unantastbar war?

Wer Antisemit ist, der tritt die Menschenwürde mit Füßen. Es gibt in Weinstadt genug Persönlichkeiten, die es verdient haben, dass ihr Andenken geehrt wird und dass zum Beispiel eine Quelle nach ihnen benannt wird. Georg Amann gehört nicht mehr dazu.

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