Weinstadt Spielen wie die Ritter im Mittelalter

Schachfiguren und das Buch der Spiele: Im „Codex Alfonso“ sind in lateinischer Sprache die Regeln mittelalterlicher Spiele festgehalten. Foto: Büttner / ZVW

Weinstadt-Beutelsbach. Schachbretter aus Ton, Kinderspielzeug aus Knochen, unzählige Variationen des Mühle-Spiels: Wer das Obergeschoss des Württemberg-Hauses betritt, taucht ein in eine andere, sehr alte Welt. Doch auf den zweiten Blick stellt der Besucher fest, so weit weg von unserem Alltag sind die Exponate gar nicht. Die Darstellergruppe „Familia Swevia“ hat die Sonderausstellung „Sachkulturgeschichten“ organisiert und am Sonntag, 13. Januar, auch noch eine letzte Vorführaktion gegeben.

König Alfons X. von Kastilien war für seine vielseitigen, intellektuellen Interessen bekannt – nicht zu Unrecht ging der Herrscher des 13. Jahrhunderts auch als „Alfons der Weise“ in die Geschichte ein. Bekannt ist er vor allem für seine Rolle als Vermittler zwischen Kulturen, jedoch hat er der Nachwelt noch etwas ganz anderes hinterlassen: das „Libro de los juegos“, das „Buch der Spiele“, auch als „Codex Alfonso“ bekannt. Dabei handelt es sich um eine großformatige Prachthandschrift aus Pergament, versehen mit bunten und mit Blattgold besetzten Zeichnungen. Ein Format, wie es zu jener Zeit eigentlich nur klerikalen Schriften und berühmter Literatur zustand.

Das große Buch der mittelalterlichen Spiele

Diese Bögen sind allerdings Zeugen höfischer Spielkultur. In lateinischer Sprache beschrieben und detailliert am Bild erklärt, sind hier nicht nur 101 Schachprobleme verzeichnet, auch unzählige andere Spiele sind hier in Bild und Wort festgehalten. Sogar einige Herstellungsverfahren von Figuren und Spielbrettern werden beschrieben. Ein Werk, das in dieser Form wohl einzigartig ist. Während der echte Kodex in einem spanischen Kloster aufbewahrt wird, liegt ein möglichst original getreues Faksimile jetzt auf einer Glasvitrine im Beutelsbacher Württemberg-Haus. Torsten und Jens Nägele von der „Familia Swevia“ präsentieren dort mittelalterliche Spiele, welche die Gruppe anhand des „Codex Alfonso“ nachgebaut hat.

Der absolute Renner im Mittelalter: das Mühle-Spiel. Verschiedene Varianten sind überliefert, darunter die heute noch übliche Spielweise, aber auch das kleine Mühle, das mehr nach dem Tic-Tac-Toe-Prinzip funktioniert. „Mühle wurde seit der Antike immer und überall gespielt, man hat zum Beispiel auf der Marmorplatte des Throns in Aachen ein Spielbrett gefunden. Die makaberste Stelle für einen Mühle-Brett-Fund war auf einem Sarg“, erzählt Torsten Nägele. Das Problem mit dem handlichen kleinen Mühle-Spiel: „Es gewinnt eigentlich immer der, der den ersten Stein setzt“, verrät Jens Nägele.

Kinderspielzeug aus Schafsknochen

Eine Handvoll kleiner Knochen liegt neben den Mühle-Brettern auf einem Tisch. Es sind Sprunggelenke vom Schaf, im 13. Jahrhundert ein beliebtes Kinderspielzeug. Jens Nägele zeigt einem Jungen, wie er die Steine auf dem Handrücken balancieren kann und dann durch schnelles Hochwerfen und das Umdrehen der Hand versuchen kann, alle Knochen wieder aufzufangen. „Der Rekord liegt bei 15 Knochen auf einmal“, erinnert sich Nägele an einen Besucher. „Der muss aber große Hände gehabt haben“, staunt der Junge und versucht sich erst mal an nur drei Knochen – schwierig genug immerhin. Die Mutter hat im Gemeindeblättle von der Ausstellung gelesen und Mann und Sohn kurzerhand mitgenommen. „Mal weg vom Handy“, erklärt sie mit einem Seitenblick auf ihren Sohn. Dieser scheint ganz gut unterhalten. Ob die Ausstellung besser ist als erwartet? „Ja“, gibt er zu und wird dabei sogar ein bisschen rot.

Die Organisatoren

Die „Familia Swevia“ ist eine lose Gemeinschaft aus dem Umkreis von Waiblingen, die sich besonders mit der Zeit von 1200 bis 1210 nach Christus hier in der Region auseinandersetzt. „Wir versuchen, so gut wie möglich regional zu bleiben“, so Torsten Nägele.

Jedes der Mitglieder hat dabei sein eigenes Steckenpferd, so zum Beispiel Sachkunde, Waffenkunde oder Schriftkunde. Die möglichst originalgetreuen Nachbildungen der einzelnen Gegenstände stellt dabei jeder selbst her.

Unter den im Raum ausgestellten Artefakten sind neben den Spielen auch Waffen und Haushaltsgegenstände. Auch darunter: Nachbildungen der Buocher Feinware, während des 13. Jahrhunderts über die Landesgrenzen hinaus beliebt. Sogar im aus schweizerischem Gebiet stammenden Codex Manesse ist auf einem Bild eine solche Töpferware mit dem markanten roten Muster abgebildet.

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