Windpark bei Winterbach Wie lebt es sich mit den Windrädern am Goldboden?

Von links: Rainer Bäßler, Karl Gohl und Dieter Seibold. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Winterbach. Seit Anfang 2018 drehen sich die drei Windräder der EnBW am Goldboden bei Winterbach. Ziemlich nah dran liegt Manolzweiler. Ein Ortstermin zeigt: Die Wahrnehmungen dazu gehen weit auseinander. Die einen sagen: Mir gefallen die Dinger sogar. Andere fühlen sich massiv gestört – und manche klagen sogar über gesundheitliche Belastungen.

An der gleichen Stelle, an der einst bei einem Besuch des Petitionsausschusses des Landtags heiß über die Windkraft am Goldboden diskutiert wurde, geraten fast drei Jahre später wieder zwei Männer in ein lautstarkes Streitgespräch. Hier am Ortsrand von Manolzweiler hat man freien Blick auf die drei Windrad-Riesen, die sich etwa eineinhalb Kilometer entfernt hoch über die Bäume des Schurwalds in den Himmel recken. Rainer Bäßler, Karl Gohl und Dieter Seibold sind auf Einladung unserer Zeitung gekommen, um über ihre Erfahrung mit den Windrädern zu sprechen. Und es dauert nicht lange, da brechen zwischen Rainer Bäßler und Dieter Seibold die Diskussions-Fronten wieder auf, die in der Genehmigungsphase der Anlagen die Region spalteten.

Gegensätzliche Einschätzungen

Rainer Bäßler saß damals für die BWV im Winterbacher Gemeinderat. Er positionierte sich klar für die Windräder, wofür er sich aus seinem Wohnort Manolzweiler von den Windrad-Gegnern einiges anhören musste. „Die Emotionen sind schon hochgekocht“, sagt er. Aber es sei nie so gewesen, dass man sich danach nicht mehr auf der Straße angeschaut habe. „Es hat sich nie jemand zerstritten“, sagt auch Dieter Seibold. Er trat im Bürgermeisterwahlkampf 2016 an und bezog klar Position gegen die Windräder.

Beide, Bäßler und Seibold, sind bei ihrer Meinung geblieben, die sie vor dem Bau der Windkraftanlagen hatten. Gegensätzlicher können die Einschätzungen kaum sein. Bäßler sagt: „Ich sehe sie sogar als Bereicherung. Es ist ein Stück weit ein Wahrzeichen.“ Und: „Ich behaupte: Die Horrorszenarien sind nicht eingetreten. Seibold dagegen schimpft: „Das Landschaftsbild ist zerstört. Das und nachts die Beleuchtung – das ist eine Katastrophe.“

Hörbar: von „gar nicht“ bis krankmachend

Mitten in der sich hochschaukelnden Debatte am Ortsrand von Manolzweiler zwischen Rainer Bäßler und Dieter Seibold gesellt sich plötzlich noch eine Frau dazu und mischt sich nach einer Weile mit ihrer persönlichen Geschichte ein. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, aber es ist ihr ein Anliegen, denen Gehör zu verschaffen, die, wie sie es beschreibt, unter den Windrädern leiden – zu denen sie auch selbst gehört. Wenn es besonders schlimm sei, könne sie nicht schlafen. Bei Ostwind, wenn sich „die Dinger“ drehen, und das seien im Winter oft zehn Tage am Stück, „ist es wirklich brutal“. „Das ist ein Rauschen, wie ein Flugzeug, vielleicht etwas leiser, aber das kracht richtig“, beschreibt sie das Geräusch. Aber das Flugzeug fliege weiter, das Windrad-Rauschen sei dauerhaft.

Doch auch beim Thema Lärm gehen die Wahrnehmungen weit, weit auseinander. „Ich habe von einigen aus dem Ort gehört, die sagen: Man hört sie gar nicht“, erzählt Rainer Bäßler. Er selbst meint: „Keine Frage, man hört sie.“ Aber nur selten und nur, wenn es sonst sehr leise sei. „Man tut sich schwer, die zu hören“, sagt Karl Gohl. Wenn er frühmorgens zur Arbeit aufbreche und alles still sei, dann ja, wenn der Wind richtig stehe. Dieter Seibold sagt, er höre die Windräder bei starkem Ostwind in seiner Wohnung durchs geschlossene Fenster.

"Was mir Angst macht, ist der Infraschall"

Die Frau mit den Schlafproblemen sagt, der hörbare Lärm sei noch gar nicht das Schlimmste. „Was mir Angst macht, ist der Infraschall. Das höre ich nicht und sehe ich nicht.“ Aber: „Da reagiert mein Körper drauf.“ Sie habe es „auf dem Herz“, ihr werde es „durmelig“. Ihr Hausarzt könne ihr nicht helfen, er sage, das mit dem Infraschall, das sei zu wenig erforscht. Eine ältere Dame, die mit ihrem Rollator gerade an der Gruppe vorbeikommt, erzählt ebenfalls von Problemen: Ja, sie könne nicht mehr schlafen, „seid die da draußen sind“. Und meint: Das sei der Infraschall (Mehr dazu siehe "Infraschall").

„Das Thema ist schwer zu greifen“, sagt Dieter Seibold. Spürt er Auswirkungen des Infraschalls? Nein, sagt er. Er habe zwar mal angefangen, eine Strichliste zu machen, wenn er nachts schlaflos gewesen sei oder sich nicht wohlgefühlt habe, um einen Bezug zu den Windrädern zu prüfen. Aber er hörte schnell wieder damit auf. „Ich will das nicht in Bezug bringen“, sagt er. „Wenn Sie das im Unterbewusstsein haben: Das Windrad läuft, also geht es mir schlecht - dann wird das noch schlimmer.“

„Das Blinken braucht keiner“

Eine Sekunde an, 0,5 Sekunden aus, eine Sekunde an, 1,5 Sekunden aus – das ist der Rhythmus der Nacht am Goldboden, in diesen fest programmierten Intervallen leuchten die roten Warnleuchten auf dem Maschinenhaus der drei Windräder in mehr als 164 Metern Höhe.

Und da sind sich ausnahmsweise auch alle mal einig: „Die Blinkerei ist blöd“, sagt Rainer Bäßler, der ansonsten die Windräder gerne anschaut. Er fragt sich, warum das Blinken überhaupt nötig ist oder warum nicht wenigstens alle drei Windräder synchron blinken können.

Die Lichter sind zur Flugsicherung vorgeschrieben, erklärt die EnBW. Eine Verwaltungsverordnung regelt sehr genau, wie die Nachtkennzeichnung aussehen muss. EnBW-Pressesprecherin Dagmar Jordan widerspricht der Wahrnehmung der Anwohner: „Die Lichter auf den drei Anlagen sind synchron eingestellt.“. Zumindest müsse man davon ausgehen: Ein Modul im Maschinenhaus der Windräder steuere den Gleichklang der Leucht-Rhythmen und da liege keine Fehlermeldung vor. Sollte es doch anders sein, sollten sich die Leute bei der EnBW melden. Der Eindruck, dass die Lichtsignale nicht den gleichen Rhythmus haben, könne aber auch entstehen, wenn die Windradflügel in der Nacht unsichtbar vor dem Licht vorbeistreichen und es dabei jeweils kurz abdecken.

Schattig?

Eine unangenehme Begleiterscheinung für Anwohner von Windrädern kann der Schattenwurf der riesigen Anlagen sein, wenn die Sonne darauf trifft. Unangenehm ist dabei vor allen, dass sich dieser Schatten bewegt und der Eindruck eines Flackerns entstehen kann, wenn sich die Windräder drehen. Das sollte im Genehmigungsverfahren für den Windpark Goldboden eigentlich ausgeschlossen worden sein. Ein Gutachten kam zu dem Schluss, dass höchstens das Forsthaus bei Manolzweiler bei einem bestimmten Stand der Sonne vom Schattenwurf beeinträchtigt sein könnte, nicht aber bewohnter Häuser des Orts.

In der Genehmigung hat das Landratsamt verfügt, dass ab einer Beschattungsdauer von insgesamt acht Stunden bei Tag oder 30 Minuten an einem einzigen Tag, die Windräder abgeschaltet werden müssen. Sie haben eine eingebaute Automatik, die den Schattenwurf registriert und die Abschaltung regelt.

Dieter Seibold hat für sein Haus in Manolzweiler jedoch entgegen der Prognose, nur das Forsthaus sei betroffen, die Erfahrung gemacht, dass es bei sehr tief stehender Sonne in einem kurzen Zeitraum zwischen Januar und Februar sein kann, dass Schattenwurf da ist.

Dagmar Jordan, die Pressesprecherin des Energiekonzerns, bittet von Schattenwurf betroffene Anwohner, sich zu melden. „Man kann das gerne im Einzelfall prüfen.“ Das gelte auch für andere Dinge, in denen es Klärungsbedarf gebe. „Die Kollegen sind gerne bereit, den Fehler zu suchen oder zu klären, was Sache ist.“

Zweifel am Sinn für Energiewende

Was den Schattenwurf angeht, sagt Dieter Seibold: „Das kann ich aushalten.“ Und scherzt: „Diese paar Kilowattstunden gönne ich der EnBW.“ Insgesamt werden er und alle, die etwas gegen die Windräder haben, sich durch Gesprächsangebote der EnBW kaum umstimmen lassen. Dafür ist zum Beispiel Seibolds Ablehnung der Windkraft am Goldboden zu grundsätzlich. Der EnBW wolle er dabei gar keine Vorwürfe machen, diese sei „ein vorbildliches Unternehmen“. Aber für die politisch gewollte Energiewende und zum CO²-Sparen, so seine Kritik, würden die Anlagen rein gar nichts bringen. Dafür braucht es seiner Meinung nach ein größer angelegtes, durchdachteres Konzept. Die Natur- und Landschaftszerstörung sei so nicht zu rechtfertigen. „Mir geht es ums Prinzip“, sagt Dieter Seibold. „Ich baue sowas nicht in eine Kulturlandschaft rein.“

Rainer Bäßler sieht es ganz anders und bleibt dabei. „Das ist eine Diskussion wie damals“, sagt er. „Da kommen wir nie zusammen.“


Infraschall

Als Infraschall bezeichnet man Schall, dessen Frequenzen unterhalb der menschlichen Hörschwelle liegen. Er kann technische oder natürliche Quellen haben, so zum Beispiel durch Meeresbrandung oder Wind verursacht sein.

Ob der Infraschall, wie er zum Beispiel von Windkraftanlagen ausgeht, eine Auswirkung auf den menschlichen Organismus hat und sogar krank machen kann, ist ähnlich umstritten wie das Thema Mobilfunkstrahlung. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, sagen die einen. Ja, weil es noch nicht genügend untersucht wurde, sagen die anderen.

Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) hat von 2013 bis 2015 dem Infraschall in der Umgebung von Windrädern nachgespürt und gemessen. 2016 veröffentlichte die LUBW die Ergebnisse und kam zu dem Schluss: Die von Windkraftanlagen „erzeugten Infraschallpegel liegen deutlich unterhalb der Wahrnehmungsgrenzen des Menschen, und das bereits im Nahbereich von 150 bis 300 Metern Entfernung zu den Anlagen“. Der in 700 Metern Entfernung von einer Windkraftanlage gemessene Infraschallpegel habe sich beim Einschalten dieser, „nicht mehr nennenswert“ erhöht. Das belegt der Studie der LUBW zufolge, „dass der Infraschall dann im Wesentlichen vom Wind selbst erzeugt wird und nicht vom Betrieb der Anlage herrührt“.

Schall-Messung ist beauftragt

Das Gutachten mit Schall-Prognose, das der Genehmigung der drei Windräder am Goldboden zugrunde liegt, soll in nächster Zeit mit einer Messung überprüft werden. „Das ist obligatorisch“, sagt EnBW-Pressesprecherin Dagmar Jordan.

Man habe die Messung auch schon beauftragt. Der Prüfer warte aber auf die richtigen Bedingungen, es gebe vorgeschriebene Prüfkriterien. So müsse das richtige Wetter vorherrschen, die Windrichtung stimmen (in Richtung der Messinstrumente) und eine anhaltende, „ordentliche“ Windgeschwindigkeit vorhanden sein. „Diese Bedingungen gibt es am ehesten im Herbst“, sagt Jordan.


Die Windräder

Die EnBW hat den Windpark Goldboden im Dezember 2017 in Betrieb genommen. Es stehen dort drei Windräder mit einer Nabenhöhe von rund 164 Metern und einem Rotordurchmesser von 130 Metern.

Vorangegangen ist ein langer Diskussions- und Genehmigungsprozess. Vieles davon ist unter www.zvw.de/goldboden nachzulesen.

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