Winnenden/Waiblingen Kein Orgasmus: Freier verklagt Prostituierte

Symbolbild. Foto: pixabay (CC0 Creative Commons)

Winnenden/Waiblingen.
Ein Mann hat in einem Winnender Hotel eine Prostituierte im Zimmer gehabt, hat sie bezahlt, hat auch ein paar Streicheleinheiten bekommen, aber nicht das, was er wollte und wofür er bezahlt hatte. Nach seinen Angaben kam es nicht zu einem Orgasmus. War es so? Ist das dann strafbarer Betrug? Dies war die Frage, die Richterin Figen Basoglu-Waselzada vor wenigen Tagen im Waiblinger Amtsgericht zur Entscheidung vorgelegt worden war. Die Antwort darauf zu finden, war indes nicht einfach, denn außer der Angeklagten und ihrem Kunden befanden sich am 20. März des vergangenen Jahres in dem Zimmer keine weiteren Personen, die über das Geschehen sachdienliche Angaben hätten machen können.

Seit 2019 im Sexgewerbe

Die Angeklagte wurde 1996 in Böblingen geboren. Nachdem sie ihre Ausbildung zur Hotelkauffrau abgeschlossen hatte, lebte sie mit ihrem damaligen Ehemann ein Jahr in den USA, um dann in Hotels in Stuttgart und Hamburg zu arbeiten. Nachdem sie 2018 arbeitslos geworden war, nahm sie 2019 ihre Tätigkeit als Prostituierte auf; mittlerweile arbeitet sie in Stuttgart als Kellnerin. Sie und ihr 36-jähriger Kunde hatten ihre Geschäftsbeziehung über eine einschlägige Internetplattform angebahnt und sich dann per Whatsapp im Winnender Hotel verabredet. Die Nummer des Zimmers, das er aufsuchen sollte, habe ihm „Selim“, so der Aliasname der Dame, übermittelt. Miteinander ausgemacht worden sei das Erbringen von „normalem“ geschützten Geschlechtsverkehr zum Preis von 150 Euro, so der angeblich Geschädigte.

Missverständnis um „Extras?

Seine Darstellung widersprach allerdings den Aussagen der Angeklagten: Sie beschrieb den Umfang der vereinbarten Dienstleistung mit Zungenkuss, Petting und eine Stunde Kuscheln. Die dafür vereinbarten 150 Euro stellten nach ihren Angaben den „üblichen Tarif“ dar. Den habe der Kunde im Voraus bezahlt, aber dann habe er Extras gewollt, habe Oralverkehr ohne Kondom haben wollen, so ihre Darstellung. Dies hätte bei einer Stunde Zusammensein einen Aufpreis von 100 Euro gekostet. Sie habe dann die vereinbarte Stunde auf zwanzig Minuten reduziert und ihm dafür die Extras ohne Aufpreis gewährt. Die Leistungen seien sämtlich wie vereinbart erbracht worden, der Kunde habe nach zwanzig Minuten auf ihre Aufforderung hin das Hotelzimmer verlassen, sie habe von ihm nichts mehr gehört, bis zum Eintreffen eines Strafbefehls, der ihr Betrug gemäß Paragraf 263 des Strafgesetzbuchs vorwarf, so die Angeklagte. Gegen ihn habe sie Rechtsmittel eingelegt, da er auf falschen Angaben beruhe.

Plötzlich Schluss

Der Kunde beschrieb das Schäferstündchen und die Vereinbarungen anders: Gemeinsam sei man zügig zur Sache gekommen, nachdem er den vereinbarten Preis bezahlt hatte: Es sei zum geschützten Geschlechtsverkehr gekommen. Doch kaum dass der begonnen habe, habe ihr Handy geklingelt, worauf sie aufgesprungen und zum Telefonieren ins Bad gerannt sei. Es habe sich um einen Abbruch gehandelt, er sei nicht zum Höhepunkt gelangt. Als sie zurückkam, habe sie ihm erklärt, ihre Schwester komme jetzt überraschend zu Besuch, er müsse sich sofort anziehen und das Zimmer verlassen. Als er sein Geld zurückforderte, erklärte sie ihm, sie würde sich bei ihm wegen eines Ersatztermins melden.

Nachdem er den Raum verlassen hatte, sei ihm im Flur eine junge dunkelhaarige Frau aufgefallen, die er bereits beim Betreten des Hotels bemerkt hatte, da sie ihn eindringlich von Kopf bis Fuß gemustert hatte. Diese Frau klopfte nun rhythmisch an die Tür des Hotelzimmers, das er gerade verlassen hatte. Als er sie fragte, was sie da mache, habe er zur Antwort bekommen, er solle sich hier nicht einmischen, sondern sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern und gehen. Dies habe er dann auch getan, allerdings ging er schnurstracks zur Polizei, wo er Anzeige erstattete.

Tathergang präzise beschrieben

Richterin Basoglu-Waselzada führte souverän durch die Verhandlung. Sie erklärte, sie halte den Zeugen und seine Darstellung für glaubwürdig. Allein schon die Tatsache spreche für ihn, dass er sich der Befragung durch die Polizei und dieser Gerichtsverhandlung aussetze. Zudem habe er mit einfachen Worten und präzise beschrieben, wie er die Situation erlebt haben wollte. Staatsanwältin Schmidt schlug vor, das Verfahren gegen Zahlung von 500 Euro innerhalb von drei Monaten an „Brustkrebs e.V.“ einzustellen. Ein Angebot, das die Angeklagte nach Rücksprache mit ihrer Anwältin akzeptierte, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass dies keine Verurteilung darstelle, und dass damit auch kein Schuldeingeständnis verbunden sei.

  • Bewertung
    42
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!