Winnenden Warum auf dem Rathausdach bald Bienen wohnen

Symbolbild. Foto: pixabay.com (CC0 Public Domain)

Winnenden. Summ, summ, summ ... im März schwirren Hunderte von Bienchen auf dem Rathausdach herum. Dr. Astrid Loff aus Nellmersbach hat die Bienen zurzeit bei sich im Garten und wird sie im Frühjahr auf dem Flachdach des Rathauses aufstellen, damit die Stadt im Heimattagejahr Stadthonig bekommt.

Man will’s schier nicht glauben, aber Honig aus der Stadt kommt gerade in Mode. Er gilt als gering belastet mit Pestiziden, denn die Bienen sammeln ihren Nektar von Stadtbäumen, im Schlosspark und an den Ufern der beiden Winnender Bäche und hoffentlich nicht auf den großen Agrarflächen und Rebhängen, wo Umweltschützer die meisten Chemierückstände in den Blüten vermuten. Die Stadt Stuttgart, zum Beispiel, habe eine große und erfolgreiche Stadt-Imkerei und verkaufe den Honig sogar. „Die arbeiten nach Demeter-Kriterien“, sagt Astrid Loff, und die seien in der Stadt eher zu erfüllen aus auf dem Land.

Über den Honigwein zur Imkerei gefunden

Loff gelangte auf ganz pragmatischem Weg zur Imkerei. Als ihre beiden Jungs, heute 15 und 18 Jahre alt, noch jünger waren, machten sie gerne bei Mittelalterspielen mit, und dort trank man Met. Sie besorgte sich Honig und machte Honigwein daraus, merkte aber: „Honig ist teuer. Wir brauchen Bienen.“ Einen Imkerkurs machte sie in Backnang, kaufte Bienenvölker und Bienenstöcke und fing an, den Met aus eigenem Honig zu machen.

Zusammen mit dem Bezirksimkerverein wollte sie Met auf dem Winnender Herbstmarkt verkaufen, ging zu Timm Hettich im Rathaus und beantragte eine Standgenehmigung. Der erzählte ihr, dass OB Holzwarth sich schon länger Bienen auf dem Rathausdach wünscht und dass sie doch mit Umweltreferent Kromer sprechen solle. Sie ging hin. Sprach. Und hatte einen ehrenamtlichen Auftrag: Im Heimattagejahr wird sie den Stadthonig machen – mit vier Bienenvölkern.

Umweltreferent fördert Artenvielfalt in vielen kleinen Schritten

Hinter diesem Auftrag steckt System. Kromer, der Umweltreferent, arbeitet seit Jahren an der Biodiversität in der Stadt, begleitet im Auftrag der Stadt alle, die Artenvielfalt fördern, achtet darauf, dass in Bebauungsplänen Pflanzgebote stehen, damit neben Kirschlorbeer und Thuja auch heimische Gehölze blühen, von denen Vögel Beeren picken und aus deren Blüten Bienen Honig saugen. Kromer schaut danach, dass die Nachtbeleuchtung der Stadt möglichst wenig Nachtinsekten schädigt, dass Streuobstwiesen erhalten bleiben, so gut es geht, arbeitet eng mit dem Nabu zusammen, der Nistkästen aufstellt und Nisthöhlen für Käuzchen obendrein. Das alles ist Förderung der Artenvielfalt.

Beim Neujahrsempfang im Januar wird die Stadt Tüten mit heimischen Blühkräutersamen verteilen. „Die gedeihen sogar im Blumenkasten auf dem Balkon’“, sagt Kromer. Jeder kann sie in seinem Garten aussäen. In der Region leben auch Bio-Guerilleros, die so ein Samentütchen schnell mal in ein allzu exotisches städtisches Beet reinschütten als Spontibeitrag zur Artenvielfalt. Wenn an vielen Orten in der Stadt die heimischen Kräuter blühen – das gefällt Astrid Loff. Dann werden ihre Bienen in der Stadt viel Neckar finden, und die Imkerin wird Honig aus den Bienenstöcken holen. „Ich rechne mit neun Kilogramm pro Volk und Jahr“, sagt sie. 36 Kilogramm Stadthonig pro Jahr darf die Stadt also erhoffen. Er soll verschenkt werden an besondere Gäste – ähnlich wie der Winnender Mädleswein.


Bienenfleiß und Bio-Honig

Die im Volksmund als fleißig bezeichneten Bienen sind in Wahrheit unterschiedlich: Immer wieder ist ein Volk dabei, das nicht so richtig Lust zum Schaffen hat, erzählt Astrid Loff.

Ein möglicher Störfaktor auf dem Rathausdach sind die Mobilfunkantennen dort oben. Es könnte passieren, dass die Funkstrahlen den Bienen die Orientierung nehmen. „Aber das muss nicht sein. Das müssen wir einfach probieren“, sagt Loff.

Im Mai, in der Schwarmzeit der Bienen, wird Astrid Loff mindestens einmal in der Woche aufs Rathausdach steigen und nach den Bienen schauen. Sie ist froh, dass ihr Beruf dies erlaubt. An der PH Ludwigsburg bildet sie Lehrer im Fach Bildungsmanagement aus. Sie ist Doktorin der Wirtschaftswissenschaften.

Neben ihren eigenen Bienen in Nellmersbach hat die 47-Jährige einen Imkerauftrag am Hofgut Hagenbach in Backnang. Die Hofgutbetreiber suchten einen Imker, der biologisch arbeiten möchte. Astrid Loff bekam den Auftrag, und sie sagt: „Im Februar wird die Imkerei des Hofguts biozertifiziert.“

Ihre eigenen Nellmersbacher Bienen hat sie noch nicht zertifizieren lassen, obwohl sie überzeugt ist, dass sie den Bio-Standard erreichen würde: „Die Zertifizierung ist zu teuer.“

Auf dem Rathausdach ist wenig Platz zwischen Dachaufbauten, deshalb eignet es sich nicht für Besuche von ganzen Schulklassen. Loff vermutet, dass die Kinder dort oben von vielen Bienen umschwärmt würden, was Panik auslösen könnte. Kleinere Gruppen von Kindern kann sie sich aber schon auf dem Dach vorstellen.

Auf jeden Fall wird Loff einen Blog über die Stadtbienen im Internet veröffentlichen.

Das Stadtbienenprojekt hat der Gemeinderat letzte Woche einstimmig beschlossen.

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