Winterbach/Goldboden Was ist aus dem defekten Windrad-Flügel geworden?

Im August 2019 wurde am Goldboden oberhalb von Winterbach, im Windpark der EnBW, ein schadhaftes, 65 Meter langes Rotorblatt zersägt. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Winterbach.
16 Tonnen Glas- und Carbonfaser, Polyethylen, Stahl und andere Materialien – daraus besteht ein Rotorblatt-Koloss, wie er sich am Goldboden bei Winterbach in neunfacher Ausführung im Wind dreht. Einen davon mussten Betreiberin EnBW und Hersteller Nordex vergangenes Jahr demontieren, weil er kaputt war. Aus einem Wunderwerk der Ingenieurskunst wurden 16 Tonnen Müll – aber, halt – hier hört die Geschichte nicht auf. Müll ist das falsche Wort. Das Rotorblatt vom Goldboden ist nicht etwa auf einer Deponie gelandet.

Die Materialien, aus denen Windräder bestehen, können fast komplett wiederverwertet werden. Bei den Rotorblättern sind das vor allem Verbundwerkstoffe mit Glas- und Kohlefaser, für die es eine Recyclingpflicht gibt. Allerdings ist das bei diesen Stoffen nicht so einfach. Das Umweltbundesamt kam in einer Studie kürzlich zu dem Schluss, dass es bald größere Probleme damit geben könnte. „Tonnenweise Sondermüll“, titelte zum Beispiel der Norddeutsche Rundfunk.

Wir haben daraufhin nachgeforscht: Was ist eigentlich aus dem Windrad-Flügel vom Goldboden geworden? Die Antwort ist verblüffend, aber zugleich im wahrsten Wortsinn naheliegend: Genau lässt es sich nicht auflösen, aber es kann gut sein, dass Teile des Rotorblatts in Ludwigsburg zu Heck- und Frontspoilern für Mercedes-AMG-Sportwagen verarbeitet wurden.

„Ein Windrad-Rotorblatt ist kein Sondermüll“

Der Windrad-Flügel beziehungsweise seine Einzelteile haben dazu erst einmal eine weitere Reise gemacht. Sie führt weit in den Norden von Deutschland, nach Niedersachsen. Dort sitzt in Lüneburg die Firma Neowa, deren Spezialgebiet das Recycling von Windrad-Rotorblättern ist.

Mika Lange ist Prokurist der Neowa GmbH. Er ärgert sich über Berichte wie den des NDR und sagt: „Ein Windrad-Rotorblatt ist kein Sondermüll.“

Aber der Reihe nach: Bei der Frage, was mit dem Flügel vom Goldboden passiert ist, sind die Anfänge gut dokumentiert. Wir haben darüber in unserer Zeitung berichtet. Nachdem der Koloss am Riesenkran aus 164 Metern Höhe herabgeschwebt war, wurde er mit Hilfe einer Spezialsäge in gut transportierbare Teile zerstückelt. Dabei hat, wie Mika Lange erklärt, bereits eine sehr wichtige Mülltrennungsaktion stattgefunden: Bestandteile, die Glasfasern enthielten, wurden von denen, die Carbon, also Kohlefasern, enthalten, separiert. Dabei seien Umwelt- und Sicherheitsstandards beachtet worden, damit keine Verunreinigung der Umwelt oder Beeinträchtigung von Menschen entstehen, betont Lange.

Carbonfasern in herkömmlichen Müllverbrennungsanlagen nicht verwertbar

Die zugeschnittenen Rotorblatt-Teile gingen dann auf die Reise nach Niedersachsen. Neowa beziehungsweise deren Betriebsgesellschaft Neocomp kümmert sich um die Glasfaserbestandteile, abgekürzt als GFK für glasfaserverstärkte Kunststoffe. Diese werden mechanisch so aufgearbeitet, damit am Ende, wie Mika Lange sagt, „zahnstochergroße Glasfaserkunststoffbündel übrig bleiben“. Die Maschine dafür müsse man sich vorstellen als eine Mischung aus Kaffeemühle und Gurkenhobel.

Und die Bündel aus Glasfaserkunststoff liefert Neowa dann an ein Zementwerk. „Dort verbrennt das Material in einem Hochtemperaturofen“, sagt Mika Lange. Einerseits werde dadurch Kohle ersetzt, die sonst als Brennstoff diene, um Energie zu erzeugen. Andererseits werde die Glasfaser durch die Verbrennung aus dem Kunststoff herausgelöst, so dass Asche zurückbleibe. Und diese wiederum ersetze in der Zementproduktion den sonst dafür benötigten Sand. „Wir ersetzen mit den Glasfaserbestandteilen des Rotorblatts Kohle und wir ersetzen Sand, thermisch und stofflich“, fasst Mika Lange zusammen.

So weit, so gut. Eine ganz andere Sache sind jedoch die carbonfaserverstärkten Kunststoffe (CFK). Diese sind es vor allem, die das Umweltbundesamt in seiner Studie zum Windrad-Rückbau als Problem identifiziert. Sie können nämlich nicht wie andere Materialien einfach zerstückelt und verbrannt werden. Carbonfasern können in herkömmlichen Müllverbrennungsanlagen nicht verwertet werden, sie stören deren Betrieb, weil sie elektrisch leitfähig sind.

Carbonfasern findet man in Flugzeugen und in Fahrradrahmen

Eine der wenigen Anlagen in Europa und die einzige in Deutschland, die Carbonfaser-Kunststoffe wiederaufbereiten kann, steht ebenfalls in Niedersachsen bei der CFK Valley Stade Recycling GmbH.

„Für uns ist Abfall eine Rohstoffquelle“, sagt Tim Rademacker, Geschäftsführer von CFK Valley. Seit zehn Jahren bereitet er mit seiner Firma carbonfaserverstärkte Kunststoffe auf, wie sie zum Beispiel im Flugzeugbau verwendet werden oder in Fahrradrahmen vorkommen.

Rotorblätter von Windrädern machen derzeit etwa 25 Prozent der Abfallmenge aus, die CFK Valley verarbeitet. „Tendenz steigend“, sagt Tim Rademacker. Das Besondere an der Verwertung, wie das Unternehmen sie praktiziert: Die carbonhaltigen Teile werden dort nicht verbrannt, sondern mittels eines Pyrolyseverfahrens, das heißt, unter Ausschluss von Sauerstoff, auf mehr als 500 Grad Celsius erhitzt.

Carbonfasern könne man veredeln und in verschiedene Formen bringen

Dadurch kommt eine thermochemische Spaltung in Gang. Das heißt, vereinfacht gesagt: Die Kunststoffe, die die Carbonfasern zusammenhalten, werden aufgespalten und verflüchtigen sich zu Gas. Dieses Gas wird im Prozess gleich verbrannt und treibt die Maschinen an.

Was aus dem Pyrolyseprozess zurückbleibt, sind bis zu 100 Millimeter lange Carbonfasern. „Diese kann man veredeln und in verschiedene Formen bringen“, sagt Tim Rademacker. So, dass aus ihnen wieder neue Verbundmaterialien werden können. Zum Beispiel finden von CFK Valley aufbereitete Fasern tatsächlich Verwendung in Heck- und Frontspoilern von Sportwagen, wie sie in Ludwigsburg von Mercedes AMG verbaut werden. Die aus den recycelten Materialien gewonnene Verbundstoffe hätten viele Vorteile, wirbt Tim Rademacker für sein Produkt. Ein sehr gewichtiger ist letztendlich auch unter dem Aspekt des Klimaschutzes zu sehen: Laut Tim Rademacker benötigt die Rückgewinnung der Carbonfasern nur ein Fünftel der Energie der Herstellung neuer Fasern.

Die Windradbauer sind allerdings noch nicht auf den Trichter gekommen, wie der CFK-Valley-Geschäftsführer mit Bedauern anmerkt. Rotorblätter werden demnach immer noch ausschließlich mit neu produzierten Carbonfasern hergestellt.

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