Winterbach/Goldboden Wird Recycling von Windrädern zum Problem?

Symbolbild. Foto: ZVW/Joachim Mogck

Winterbach.
Ende 2019 ließ das Umweltbundesamt (UBA) mit der Veröffentlichung einer Studie aufhorchen, die bundesweit Echo in den Medien gefunden hat. Das UBA hat sich dabei mit dem Recycling von Windkraftanlagen beschäftigt und kam zu dem Schluss, dass es teilweise große Defizite gibt – oder geben wird. Das UBA geht nämlich davon aus, dass ab Ende 2020 die große Windrad-Verschrottung in Deutschland einsetzt. Dann nämlich fallen erstmals bestehende Anlagen aus der 20-jährigen Förderung gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Zu geringe Recycling-Kapazitäten?

Mehr als 27 000 Windkraft-Anlagen gebe es derzeit „onshore“, das heißt an Land, so das UBA. „Voraussichtlich ist ab 2021 mit einem verstärkten Rückbau zu rechnen.“ Keine Probleme sieht das UBA dabei in der Verwertung von Beton, aus dem die Türme der Anlagen bestehen, Stahl, Kupfer oder Aluminium. Auch das Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie kommt in einer ähnlichen Studie zu dem Schluss, dass eine Recycling-Quote von 80 bis 90 Prozent der Bestandteile eines Windrades problemlos erreicht werde.

Das Problem sehen die Studien im Recycling der Rotorblätter. Für die glasfaserverstärkten Kunststoffe (GFK) und insbesondere die carbonfaserverstärkten Kunststoffe (CFK) gebe es viel zu geringe Recycling-Kapazitäten, so die UBA.

Tatsächlich sind Unternehmen wie die Neowa GmbH aus Niedersachsen, die sich unter anderem auf die Wiederaufbereitung von Glasfaser-Materialien spezialisiert hat, in Deutschland bislang ziemlich allein auf weiter Flur. Ein Problem sieht Neowa-Prokurist Mika Lange jedoch darin nicht. Das UBA hat in seiner Prognose einen Fehler begangen, meint er: „Sie basiert auf der Annahme, dass alle Anlagen, die auslaufen, auf einen Schlag verschrottet werden.“ Das sei nicht der Fall. Viele Anlagen könnten weiterbetrieben werden. Und für die, die abgebaut würden, aber in einem technisch guten Zustand seien, gebe es einen Zweitmarkt in Osteuropa oder Afrika.

„Technisch können die Windenergieanlagen über die 20-jährige Laufzeit hinaus betrieben werden“

So sehen es auch der Bundesverband Windenergie, der die Windkraft-Branche vertritt, und die EnBW, die den Windpark Goldboden betreibt. Man rechne damit, schreibt die EnBW auf Anfrage unserer Zeitung, „dass sich durch die Optionen Weiterbetrieb und Repowering das Rückbaugeschehen stärker verteilen wird“. Repowering meint in diesem Zusammenhang, dass Teile der alten Anlagen durch neue ersetzt werden, um sie weiterbetreiben zu können. „Das ist vor allem eine wirtschaftliche Frage, die jeder Betreiber für sich selbst beantworten muss“, schreibt die EnBW dazu. „Technisch können die Windenergieanlagen über die 20-jährige Laufzeit hinaus betrieben werden.“ Dafür brauche es dann zum Beispiel Gutachten über die Standsicherheit.

Recyclingspezialist Mika Lange von der Neowa GmbH sieht insgesamt „keine Probleme, wenn wir über den deutschen Markt sprechen“. Die Neowa könne ihre Abfallverarbeitung-Kapazitäten mit dem bestehenden Maschinenpark bei der Betriebsgesellschaft Neocomp jederzeit von 30 000 auf 40 000 Tonnen im Jahr hochfahren. Mit einer zweiten Verarbeitungslinie sei man sogar noch in der Lage, mehr zu leisten: „Wir haben eine Genehmigungskapazität von 85 000 Tonnen im Jahr.“ Die größere Gefahr für einen Engpass sieht Mika Lange im Bereich von anderen Beteiligten am Rückbau wie zum Beispiel Krandienstleistern.

Als einziger Betrieb in ganz Deutschland spezialisiert auf die Wiederaufbereitung von Carbonfaser-Verbundwerkstoffen, wie sie auch in Rotorblättern verbaut sind, ist die CFK Valley Stade Recycling aus Niedersachsen. Geschäftsführer Tim Rademacker sieht auch bei seiner Firma keine Kapazitätsprobleme. „Technisch können wir die Kapazität in zehn bis zwölf Monaten verdreifachen, das ist keine Herausforderung.“ Es hapere eher daran, dass es im Moment noch nicht genügend Abnehmer für die wiederaufbereiteten Carbonfasern gebe. Windkraftanlagenbauer zum Beispiel seien bisher nicht bereit, aus recycelten Fasern hergestellte Werkstoffe einzusetzen. „Meiner Meinung nach muss die Politik da eingreifen“, sagt Rademacker. „Wir reden immer drüber, wie wir das Material wegkriegen. Wir müssen drüber reden, wie wir das Material zum Wiedereinsatz bringen.“

Zu wenig Rücklagen für Rückbau?

Auch in einem anderen Punkt weist die EnBW eine Aussage der UBA-Studie für sich zurück. Das UBA prognostiziert eine Finanzierungslücke für den Rückbau vieler Windkraftanlagen. Jeder Betreiber eines Windrades verpflichtet sich von Anfang an, dieses nach der Laufzeit mit allem, was dazugehört, wieder abzubauen und zu beseitigen und dazu finanzielle Rücklagen zu bilden.

Die EnBW schreibt auf Anfrage dazu: „Die Rückbau-Finanzierung ist gesichert. Die Kosten trägt allein die EnBW. Die Höhe der Rückbaukosten wird alle fünf Jahre aktualisiert und so immer auf dem neuesten Stand der Preisentwicklung gehalten.“

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