Winterbach Waldorfschule übt Kritik an Masern-Impfpflicht

Walter Schmid, Geschäftsführer der Waldorfschule und der Waldorf-Kindertagesstätte Engelberg, Jan Matthias Hesse, Fachanwalt für Medizinrecht, und Wolfgang Kersten, Schularzt der Waldorfschule Engelberg: „Wir müssen Polizei spielen.“ Foto: ZVW/Reinhold Manz

Winterbach.
Impfen war in Deutschland bisher eine Gewissensentscheidung, die Eltern für ihre Kinder frei treffen konnten. Damit ist es ab 1. März vorbei, zumindest im Fall der Masern. Ab dann müssen alle Kinder, die in eine Kindertagesstätte, eine Schule oder andere Gemeinschaftseinrichtungen aufgenommen werden sollen, sowie alle, die in diesen Einrichtungen arbeiten, einen wirksamen Masernimpfschutz vorweisen. Verweigerern drohen hohe Bußgelder, Kündigungen oder im Fall von Kindergartenkindern der Ausschluss von der Betreuung.

Auch Hochburgen des Impffreigeists wie die Waldorfschule Engelberg müssen sich jetzt dem Gesetz beugen – mit laut hörbarem Zähneknirschen allerdings.

Staatliche Regulierung contra freie Entscheidung der Eltern

Bei der Kritik der Engelberger muss man unterscheiden: Das eine ist eine gewisse Grundskepsis beim Thema Impfen und die Überzeugung, dass es eine individuelle Entscheidung sein sollte. „Unser Problem damit ist, dass wir der Meinung sind, dass Eltern selbst entscheiden sollten, ob sie ihre Kinder impfen wollen oder nicht“, sagt Wolfgang Kersten. Der 70-Jährige ist Allgemeinarzt mit Praxis in Engelberg und Schularzt der Waldorfschule.

Das andere ist das Gesetz selbst und seine Umsetzung in der Praxis – die tatsächlich teilweise auch unter den eindeutigen Verfechtern der Masernimpfung für Kritik sorgt. „Es wird mit Macht reguliert“, sagt Walter Schmid, der Geschäftsführer von Waldorfschule und Waldorf-Kindertagesstätte Engelberg. „Und diese Regulierung wird auf die Verwaltung der einzelnen Einrichtungen abgewälzt. Wir müssen Kontrolle ausüben. Wir müssen Polizei spielen.“ Natürlich werde man aber die Gesetzesvorgabe umsetzen, betont Schmid.

Im Grunde, findet Jan Matthias Hesse, der sich als Anwalt auf Medizinrecht spezialisiert hat und dessen Kinder die Waldorf- und die Magdalenenschule auf dem Engelberg besuchen, wäre es jedoch eine staatliche Aufgabe, das Gesetz um- und durchzusetzen, sprich: Aufgabe der Gesundheitsämter. Doch diese kommen erst ins Spiel, wenn jemand den Impfnachweis nicht erbringen kann. Vorher obliegt es den Einrichtungen, den Kitas und Schulen selbst, die Impfnachweise einzufordern und zu prüfen.

Ungeimpften müssen Gesundheitsamt gemeldet werden

Und wenn der Nachweis fehlt: „Dann ist es eindeutig so, dass wir das Kind nicht aufnehmen dürfen“, sagt Walter Schmid für die Kita. Anders sieht es bei der Schule aus, denn hier darf niemand der Besuch verweigert werden, da Schulpflicht besteht. Wie genau die Schulen mit diesen Fällen umgehen sollen, ist insgesamt noch ungeklärt, das kritisiert auch der Deutsche Städte-und Gemeindetag (siehe "Antworten zum Masernschutzgesetz").

In jedem Fall sei es so, dass die Ungeimpften dem Gesundheitsamt gemeldet werden müssen, klagt Walter Schmid. Und Jan Matthias Hesse kritisiert: Damit greife man ins Vertrauensverhältnis zwischen der Einrichtung, den Lehrern und Erziehern auf der einen Seite und den Eltern und Kindern auf der anderen ein.

So weit ist die Haltung der Engelberger noch gar nicht strittig. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft beklagt zum Beispiel die schwierige Situation. Eine besondere Position nehmen Jan Matthias Hesse, Walter Schmid und Wolfgang Kersten jedoch bei der Frage ein, ob sie die Masernimpfung beziehungsweise Impfungen insgesamt für sinnvoll halten.

„1000-fach geringeres Risiko schwerer Nebenwirkungen“

„Wir behaupten nicht, Impfen sei Teufelszeug“, betont Wolfgang Kersten. Aber er und Walter Schmid haben ihre eigenen, mittlerweile erwachsenen Kinder nicht gegen Masern impfen lassen. „Ich habe sechs Kinder“, sagt Kersten. „Die sind alle nicht geimpft worden, außer gegen Krankheiten, gegen die ich nichts tun kann: Tetanus, Polio und Diphterie.“ Die „Komplikationen“ bei einer Masernerkrankung könne man dagegen behandeln, sagt der Mediziner.

Wenn er in seiner Praxis Eltern berate, dann versuche er nicht, sie zum Impfen ihrer Kinder zu überreden. „Als anthroposophischer Arzt mache ich das nicht“, sagt er. „Ich spreche mit den Eltern über das Thema.“ Dazu versorge er sie mit Informationen, und dann könnten sie ihre eigene Entscheidung treffen. Kersten meint: „Komplikationen durch die Krankheit sind selten, so wie eine Impfkomplikation selten ist.“

Doch diese Gleichsetzung ist problematisch. Die Statistik zeigt, dass die Komplikationen einer Impfung in keinem Verhältnis zu den möglichen Folgen der Krankheit stehen. Der Wissenschaftliche Beirat des Bundesinstituts für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel (Paul-Ehrlich-Institut), hat die Datenlage analysiert und kommt, was Qualität und Sicherheit von Impfstoffen angeht, zu dem Schluss: „Die Auswertung bestätigt die uneingeschränkt positive Nutzen-Risiko-Bilanz der Impfstoffe und das mindestens 1000-fach geringere Risiko schwerer Nebenwirkungen im Vergleich zu den Masern.“

Masern 1000-mal gefährlicher als die Impfstoffe dagegen

Zugespitzt könnte man das auch so ausdrücken: Die Masern sind 1000-mal gefährlicher als die Impfstoffe dagegen.

Deutlicher als der anthroposophische Arzt Wolfgang Kersten positioniert sich die Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte (GAÄD), und zwar so: „Eltern, die sich gegen eine Masernimpfung zum empfohlenen Zeitpunkt entscheiden, treffen diese Entscheidung nicht nur für ihr eigenes Kind: Sie tragen im Falle der Erkrankung auch eine Verantwortung dafür, dass ihr Kind unbeabsichtigt zur Infektionsquelle für ungeschützte andere, insbesondere für Säuglinge werden kann.“

Dabei weist die GAÄD zwar darauf hin, dass der Krankheitsverlauf bei Masern ab der Pubertät und im Erwachsenenalter deutlich schwerer und bedrohlicher ist. Aber auch darauf, dass gerade die tödlich endende Gehirnentzündung (Panencephalitis), vor allem Kinder im ersten und zweiten Lebensjahr trifft.

Was ist der richtige Zeitpunkt für die Masernimpfung?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat die erste Masernimpfung im Alter zwischen dem elften und dem vollendeten 14. Lebensmonat empfohlen beziehungsweise für Kinder, die in Kitas betreut werden, schon ab dem neunten Lebensmonat. Diese Empfehlung ist nun Teil des Masernschutzgesetzes geworden. Hintergrund ist, dass Säuglinge in den ersten Lebensmonaten von der Immunität ihrer Mütter gegen Masern profitieren (sofern diese geimpft sind oder schon Masern hatten), man spricht dabei vom „Nestschutz“. Wenn dieser nachlässt, soll die Impfung für Schutz sorgen.

Der Zeitpunkt der ersten Masernimpfung war indes einer der Punkte, die durchaus umstritten waren bei der Diskussion um eine gesetzlich fixierte Impfpflicht. In Sachsen, das als einziges deutsches Bundesland eine eigene Impfkommission (Siko) hat, galten nämlich bislang andere Impfempfehlungen bei Masern: die erste zwischen dem 13. und dem 24. Lebensmonat und die zweite Impfung erst im fünften Lebensjahr. Auch viele EU-Staaten empfehlen oder fordern die Impfungen später.

Das ist für Jan Matthias Hesse ein weiterer Punkt, den er am Masernschutzgesetz kritisiert. „Es geht nicht um die Frage Impfung ja oder nein, sondern um den Zeitpunkt“, sagt er. Dass das Immunsystem von Kindern in den frühen Lebensmonaten empfindlicher ist, ist für ihn kein Argument für die frühe Impfung, sondern gerade eins dagegen. Er verweist dabei auch auf Studien, die darauf hindeuten, dass eine spätere Impfung einen besseren Langzeitschutz bringt. „Diese fachlichen Gesichtspunkte werden negiert.“

Risiko einer Verbreitung der Krankheit geht gegen null

Für Hesse schießt das Gesetz mit Kanonen auf Spatzen. Man habe in Deutschland eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent. Bei dieser Quote sprechen Mediziner im Fall der Masern von einem gewährleisteten Herdenschutz, sprich: Es sind genug Leute geimpft, dass das Risiko einer Verbreitung der Krankheit gegen null geht. Das sei bisher auf der Basis von Freiwilligkeit erreicht worden, sagt Jan Matthias Hesse. Es gebe keinen Notstand, der die staatliche Regulierung der Impfung rechtfertigen würde. „Es ist ganz klar, dass es um einen Eingriff in Grundrechtspositionen geht.“ Nämlich: in die körperliche Unversehrtheit der Kinder und die Entscheidungshoheit der Eltern.

Fakt ist nun aber: Das Masernschutzgesetz gilt ab 1. März, und es kommt keiner daran vorbei. Glücklich sei man nicht, aber Aufruhr gebe es deswegen keinen auf dem Engelberg, sagt Schul- und Kita-Geschäftsführer Walter Schmid. Schularzt Wolfgang Kersten sagt: „Wir sehen, wie wir damit klarkommen.“ So viele Ungeimpfte, wie man denken könnte, laufen aus seiner Erfahrung auch gar nicht rum auf dem Engelberg. „Die Impfrate hat deutlich zugenommen“, sagt er. „Wir haben sehr viele Kinder, die schlicht durchgeimpft sind.“

 


Freiheit auf Kosten der anderen

Ein Kommentar von Reinhold Manz

Dass viele Eltern beim Thema Impfen verunsichert sind, kann man nachvollziehen. Denn wer mit Hilfe von Google Rat bei der Impfentscheidung sucht, der gerät unweigerlich in den Sog der Desinformation und der alternativen Fakten. Und ja, man kann über das Masernschutzgesetz geteilter Meinung sein.

Aber bei der Frage, ob man sein Kind impfen lässt oder nicht, kann es keine zwei Meinungen geben. Denn am Ende können die überzeugten Verweigerer nicht über eine Tatsache hinwegargumentieren: Ihre Freiheit, nicht zu impfen, können sie sich nur leisten, solange die Mehrheit ihrer Mitmenschen geimpft ist und sie von der Herdenimmunität profitieren. Bei den Masern sprechen Mediziner vom Herdenschutz, wenn 95 Prozent der Bevölkerung immunisiert sind. Dann ist das Risiko, sich anzustecken, auch für die ungeimpften fünf Prozent, gering.

Und die Gefahr bei einer Impfung? Eins zu 1,66 Millionen. Das ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass eine Impfung in Deutschland einen schweren, bleibenden Schaden nach sich zieht (also nicht leichtere Nebenwirkungen wie Schwellungen oder Fieber). So hat es 2016 das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel (Paul-Ehrlich-Institut), ermittelt, indem es Daten ausgewertet hat: Von 40 Millionen Impfungen, die in diesem Jahr in Deutschland durchgeführt wurden, ließ sich in 24 Fällen ein bleibender Impfschaden nachweisen. Umgerechnet (und stark abgerundet) heißt das: ein Impfschaden bei 1,66 Millionen Impfungen. Ein Todesfall im Zusammenhang mit einer Impfung ließ sich bei 15 Verdachtsfällen nicht nachweisen.

Dagegen kommt es statistisch gesehen in einem von 1000 Fällen bei an Masern erkrankten Säuglingen zu einer tödlich verlaufenden Gehirnentzündung.

Die Masern könnten längst ausgerottet sein. So wie andere Krankheiten durch konsequentes Impfen mindestens in großen Teilen der Welt ausgelöscht wurden. Stattdessen kommt es, auch in Deutschland, immer wieder zu lokalen Ausbrüchen, wenn in einer bestimmten Region die Impfrate zu stark sinkt. Dann bringen die bewusst oder aus Schlamperei Ungeimpften zum Beispiel auch Säuglinge mit in Gefahr, die noch nicht geimpft werden konnten. Deswegen ist das Masernschutzgesetz – bei allen Schwächen und Konflikten, zu denen es in der Praxis führen wird – ein Segen.

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