„Wir haben das gut geschafft“ Schorndorfer Flüchtlingshelfer ziehen Bilanz

Im März 2016 noch voll belegt: Aktuell leben in der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Kelch-Gebäude noch 116 Menschen. Foto: ZVW/Gaby Schneider (Archiv)

Schorndorf. 2015, als Bundeskanzlerin Angela Merkel mitten in der Flüchtlingskrise ihr berühmter Satz über die Lippen kam, waren die Zweifel und die Bedenken groß. Heute, vier Jahre danach, kann Frank Schneider als Leiter des Ausländeramts sagen: „Ja, wir haben das gut geschafft im Rems-Murr-Kreis.“ Eine Mammutaufgabe, weiß Sozialarbeiter Nabil El Tolony, war die Unterbringung von Tausenden von Flüchtlingen dennoch – und die Integration wird es bleiben.

Der erste Schritt ist getan. Doch ohne die vielen Ehrenamtlichen wären die Stolperfallen wesentlich größer gewesen: 350 Engagierte waren’s in der Hochphase allein in Schorndorf, die in den Flüchtlingsunterkünften mit angepackt haben, Asylbewerbern erste Orientierung im fremden Land gegeben haben und zu Einkäufen und Arztbesuchen begleiteten. In eine gute Richtung ging der Weg auch, sagt Frank Schneider, weil der Rems-Murr-Kreis in der Lage war, „die Menschen, die zugewiesen wurden, unterzubringen“. Schneider war damals im neu geschaffenen Koordinierungsstab Flüchtlinge Leiter der Geschäftsstelle, seit April 2016 leitet er das Ausländeramt.

Anspruch auf sieben, und nicht mehr nur auf 4,5 Quadratmeter

In der Hochphase der Flüchtlingskrise in den Jahren 2015/2016 hat sich vor allem Schorndorf besonders hervorgetan – und darum für die Anschlussunterbringung auch noch immer was gut. Von den insgesamt zwölf Asylbewerberunterkünften, von denen in der Hochphase zehn parallel belegt waren, gibt es aktuell nur noch die Unterkunft im ehemaligen Kelch-Gebäude in der Wiesenstraße 66. Im Moment leben dort 119 Menschen, hauptsächlich alleinerziehende Mütter aus Nigeria und junge Männer aus Gambia; Platz wäre für 132. In der Hochphase, als jedem Flüchtling nicht sieben Quadratmeter, sondern nur 4,5 zustanden, waren es 207 Personen. Der Mietvertrag für das Kelch-Gebäude läuft bis 2020 – mit dreijähriger Verlängerungsoption.

Dafür ist die Flüchtlingsunterkunft in der Wiesenstraße 30 bis 36, die erstmals 1959 als Übergangswohnheim für Übersiedler genutzt wurde und zuletzt mit 180 Flüchtlingen vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak belegt war, seit Ende 2017 Geschichte. Aufgelöst wurde Ende Dezember 2018 auch die Unterkunft am Richterweg; dort waren in der Spitze 60 Personen untergebracht. In der Künkelinstraße 34 gab’s von Oktober 2015 bis September 2016 Platz für 21 Menschen, in der Vorstadtstraße 4 von November 2015 bis Februar 2018 für 43 Personen. Im Bunk-Gebäude im Steinwasen waren von Januar 2016 bis Dezember 2018 maximal 120 Menschen untergebracht und in der Notunterkunft in der Berufschulturnhalle an der Olgastraße von September 2015 bis Juli 2016 insgesamt 92 Flüchtlinge. Im Wistuba-Gebäude in der Schorndorfer Straße 89 sind von Juni 2016 bis Juni 2017 in der Spitze 38 Menschen untergekommen. Als Ersatz für die Notunterkunft in der Haubersbronner Festhalle waren von April 2016 bis August 2017 im Ort drei Wohnungen mit insgesamt 25 Flüchtlingen belegt.

Schneider: "Die Kapazitäten müssen bedarfsgerecht reduziert werden"

Mittlerweile sind die Zuweisungsraten überhaupt nicht mehr mit den Zahlen von 2015/16 zu vergleichen: 1095 Menschen hat der Rems-Murr-Kreis vom Land allein im Dezember 2015 zugeteilt bekommen. Ein Jahr später waren’s nur noch 42. Und seit 2018 sind’s zwischen 30 und 50. Vor allem aus Afrika. Da Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak mittlerweile zum Großteil in der Türkei hängenbleiben, hat Deutschland für Ausländeramtsleiter Schneider die Abbauphase erreicht. Mit der Folge: „Die Kapazitäten müssen bedarfsgerecht reduziert werden.“

Stattdessen braucht es für diejenigen, die in Deutschland Asyl bekommen, eine Anschlussunterbringung. Die gibt es in städtischen Wohnungen im Hammerschlag, in der Künkelinstraße und in Haubersbronn. Und obwohl die Stadt versucht, vor allem Familien und Auszubildenden eine Bleibe in Schorndorf anzubieten, müssen einige doch umziehen – auch, weil Schorndorf noch einen Bonus aus der Flüchtlingskrise hat.

Nabil El Tolony: Als Sozialarbeiter wieder allein im Einsatz

Deutlich reduziert hat sich auch die Zahl der Sozialarbeiter: Nabil El Tolony, der zwischenzeitlich in einem Team mit zehn Kollegen gearbeitet hat, kümmert sich seit Januar 2019 wieder alleine um die Flüchtlinge in Schorndorf. Er ist und bleibt eine wichtige Vertrauensperson. Ging’s zu den Hochzeiten auch für ihn vor allem darum, täglich neue Menschen aufzunehmen, in den Flüchtlingsunterkünften auf die Zimmer zu verteilen und bei den Asylanträgen zu helfen, ist für ihn jetzt die „Phase der Konsolidierung“ erreicht. Da mittlerweile die meisten Asylanträge entschieden sind, bereits etliche Familien nachziehen konnten, auch viele Afrikaner eine Duldung haben, war und ist eine große Aufgabe die Suche nach Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätzen. Dazu kommt die Integration – auch von in Schorndorf aktuell 51 „Unbegleiteten minderjährigen Ausländern“ vor allem aus Afghanistan. Und die Integration, betont El Tolony, „geht nicht von einem Tag auf den anderen“.

Aktuell noch 13 Flüchtlingsunterkünfte im Rems-Murr-Kreis

Doch grundsätzlich zieht der Sozialarbeiter ein positives Fazit aus der Flüchtlingskrise, die für ihn mit unerwartet viel Unterstützung von Ehrenamtlichen verbunden bleibt. „Ja, wir haben das gut geschafft im Kreis“, sagt auch Frank Schneider und lobt ausdrücklich auch die gute Zusammenarbeit mit den Kommunen. Aktuell gibt es im ganzen Rems-Murr-Kreis noch 13 Unterkünfte. Bleibt die Frage, was die Flüchtlingskrise den Landkreis gekostet hat. Das mag Amtsleiter Schneider nicht beziffern – widerspricht aber auch der Einschätzung nicht, dass es ein paar Millionen Euro gewesen sein werden.


Integration bis Ende 2020 finanziert

Bis Ende 2020 finanziert das Land das Integrationsmanagement in den Kommunen, damit können sich in Schorndorf mit Teamleiterin Lena Böhnlein vier weitere Integrationsmanagerinnen um 630 Flüchtlinge kümmern, die in der Anschlussunterbringung in städtischen und privaten Wohnungen leben. Die Integrationsmanagerinnen, angesiedelt im Fachbereich Familien und Soziales, bieten offene Sprechstunden an, beraten aber auch in aufsuchender Arbeit. 2018 fanden in der zweiten Jahreshälfte im Durchschnitt 385 Beratungen pro Monat statt.

Spracherwerb und Arbeit sind die Hauptthemen in der Beratung, es gibt aber auch viel Bedarf an Unterstützung im Alltag. Vor allem für Frauen mit kleinen Kindern, so die Erfahrung der Integrationsmanagerinnen, ist die Teilnahme an Sprachkursen schwierig: Zurzeit kann die Stadt – in Kooperation mit dem Deutschen Kinderschutzbund, der SV Schorndorf und der VHS, gerade mal acht Kinderbetreuungsplätze anbieten, und das auch nur an Vormittagen. Der B-1-Sprachtest, auch diese Erfahrung machen die Integrationsmanagerinnen, ist aber auch für viele andere Flüchtlinge eine große Herausforderung – und nicht immer auf Anhieb zu bewältigen. Im Zentrum für internationale Begegnungen (ZiB) treffen sich aktuell elf Sprachhilfe-Tandems.

Für die Unterstützung auf dem Arbeitsmarkt gibt es langfristig angelegte Projekte: Die Integrationsmanagerinnen bieten eine Bewerber-Werkstatt an und seit Februar 2019 ein Projekt zur Sprachförderung. Es gibt eine Ausbildungsberatung des „Kümmerers“ der IHK Rems-Murr und eine Sprechstunde zum Thema Arbeitsrecht. Alle Projekte und Sprechstunden finden im ZiB statt. Als zentrale Beratungsstelle der Arbeits- und Ausbildungsvermittlung gibt es außerdem das als Initiative der Arbeitsagentur, des Job-Centers Rems-Murr und des Rems-Murr-Kreises ins Leben gerufene IBA-Team.

Großen Beratungsbedarf haben auch die Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMA), deren Zahl in Schorndorf mit 51 unter 21-Jährigen vergleichsweise hoch ist; in Backnang waren Anfang des Jahres zehn, in Remshalden 14, in Waiblingen 18 und in Winnenden 30 untergebracht.

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