Wirtschaftsspionage Mittelständler sind leichter zu hacken

Das Internet wirkt auf Spione wie ein Durchgang ohne Tür. Alte Methoden, wie das Aushorchen nach dem Sex, sind noch immer im Einsatz. Foto: www.Pixabay.com/CC0 Creative Common

Schorndorf. Spionage? James Bond. Im echten Leben knallt’s und kracht’s nicht so dumpf, wenn Spione ihre Arbeit tun. Sie agieren – wen wundert’s – leise im Verborgenen und interessieren sich beileibe nicht nur für die Bundesregierung und Großkonzerne. Ein Verfassungsschützer riet bei einem Vortrag in Schorndorf speziell Mittelständlern dringend: Schützt euch, so gut es geht, das kann sonst böse enden.

Just als die Nachricht von einem Hackerangriff auf die Bundesregierung publik wurde, schmiss Walter Opfermann in Schorndorf seinen Laptop an: Die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU Rems-Murr hatte den Regierungsdirektor vom Landesamt für Verfassungsschutz als Referenten eingeladen.

Die unsichtbare Gefahr für den Mittelstand

Sein Thema in den Räumen der Firma Bunk Sicherheitsdienste: „Spionage – die unsichtbare Gefahr für den Mittelstand.“ Potente Mittelständler gelten als gefragte Ziele. Viele von ihnen verfügen über Spezialwissen, zählen in ihren speziellen Segmenten zu den Marktführern.

Die Gefahr für sie ist nicht nur unsichtbar, sondern offenbar riesengroß: Klauen Unbefugte die „Kronjuwelen“ eines Unternehmens, kann das in der Insolvenz enden. Unter „Kronjuwelen“ versteht Walter Opfermann etwa die wichtigsten Betriebsgeheimnisse, interne Informationen zu Produkten, Adresslisten, überhaupt Kontaktdaten.

Die Kronjuwelen gehören zu Hause in den Panzerschrank

Gar keine gute Idee ist es beispielsweise, einen Laptop auf Geschäftsreise nach China mitzunehmen, auf dem sensible Daten gespeichert sind. In Hotelzimmern westlicher Geschäftsreisender halten sich nicht nur Reinigungskräfte auf, warnt der stellvertretende Leiter der Abteilung Spionageabwehr: Die Kronjuwelen gehören zu Hause in den Panzerschrank, und nirgendwo sonst hin.

Ein Geschäftsreisender lässt seinen Laptop am besten keine Sekunde aus den Augen und nimmt ihn mit ins Bett, mahnt Opfermann ganz im Ernst. Ferner gehört ein Laptop, der im Ausland dabei war, nach Rückkehr nicht ans betriebsinterne Netzwerk angeschlossen. Sonst könnte dort Schadsoftware ihre Arbeit tun – und keiner merkt’s.

Es dauert oft Monate, bis ein Cyber-Angriff entdeckt wird

Eine bemerkenswerte Zahl aus Opfermanns Vortrag: Erst nach 256 Tagen werden Cyber-Angreifer im Schnitt entdeckt. Gute Schutzsysteme kosten viel Geld. Sie wirken in der Mehrheit der Fälle. Wie viel einer Firma dieser Schutz wert ist – eine unternehmerische Entscheidung.

Es gibt unendlich viele Wege, wie kriminelle Angreifer oder ausländische Nachrichtendienste – und sie hat Opfermann im Visier – sich in unschöner Absicht Zugang auf Rechner und damit auf Daten verschaffen. Eine personalisierte, echt wirkende E-Mail mit einem Video als Anhang, das angeblich einen Mitarbeiter beim Sex mit Minderjährigen zeigt.

Ein Klick aufs Video – und die Datendiebe sind drin im System. Fernwartung von Kopierern, Handys als Wanzen – Spione lieben die vernetzte Welt. Nie zuvor standen ihnen so viele Gucklöcher offen. Übers Internet lässt sich – nur als Beispiel – unmittelbar in Steuerungsprozesse der Industrie eingreifen.

Der größte Risikofaktor bleibt der Mensch

Die Zukunftsaussichten der Späher: glänzend wie nie. Eine Welt, die alles mit jedem vernetzt und vermutlich bald Schnürsenkel ins Internet integriert, ist wie für sie gemacht.

Die alten Methoden ziehen parallel noch immer, denn größter Risikofaktor bleibt der Mensch. Tatsächlich, die zum Schein angebahnten Liebesbeziehungen zwecks Informationsaustausch unter der Bettdecke sind vom Internet nicht ganz verdrängt. Da war er wieder, der gute alte James Bond, zum Niederknien sexy.

Ein gutes Betriebsklima beschreibt Walter Opfermann als einen nicht zu unterschätzenden Baustein in der Prävention: Zufriedene Mitarbeiter zeigen sich eher loyal. Beschäftigte in Notsituationen gelten indes als anfällig für Anzapfer von außen. Ein hoch verschuldeter Mitarbeiter gibt sich vielleicht eher für einen extra gut bezahlten Agentenjob her. Deshalb, so Opfermann: Ein Hilfesystem für Mitarbeiter in Not im Betrieb installieren.

„Wir sehen bloß die Spitze des Eisbergs“

Schulung der Beschäftigten in diesen Fragen sollte zu den Selbstverständlichkeiten gehören. Ach ja, für nächsten Monat hat sich eine Delegation aus China angekündigt? Gute Vorbereitung lohnt, denn vielleicht sind gar nicht alle so nett wie sie wirken.

Dasselbe gilt für Praktikanten und Diplomanden. Nicht jeder muss alles wissen, schon gar nicht, wenn er oder sie nur kurze Zeit im Unternehmen weilt.

Fakt ist laut Walter Opfermann: Es sind aktuell so viele Spione aktiv wie seit Jahrzehnten nicht. China, Russland, die Türkei – Geheimdienste dieser und anderer Länder sind aus unterschiedlichen Gründen höchst interessiert an Informationen aus Deutschland. „Wir sehen bloß die Spitze des Eisbergs“, warnt Walter Opfermann, und „Wirtschaftsspionage merkt man nicht selten erst dann, wenn einem Marktanteile wegbrechen.“


Ein Mittelständler allein ist machtlos

  • Das Landesamt für Verfassungsschutz versteht unter Wirtschaftsspionage eine staatlich gelenkte oder gestützte, von Nachrichtendiensten fremder Staaten ausgehende Ausforschung von Wirtschaftsunternehmen. Wirtschaftsspionage ist zu unterscheiden von Industriespionage, die sich beispielsweise unter Konkurrenten abspielt.
  • Wirtschaftsspionage bewegt sich sehr oft im Grenzbereich zwischen legalen, halblegalen und illegalen Aktivitäten. China hat beispielsweise westliche Autohersteller, die sich in China engagieren wollen, vor einiger Zeit verpflichtet, Joint Ventures mit chinesischen Firmen einzugehen. Offenbar erfolgreich war und ist China mit einer Offensive, im Ausland beruflich engagierten Chinesen goldene Brücken zu bauen, um sie nach China zurückzuholen. Auch auf diese Weise holt sich China West-Know-how ins Land.
  • China ist laut Regierungsdirektor Walter Opfermann „besonders aktiv“ im Spionage-Sektor.
  • Das Bundesinnenministerium schätzt den durch Wirtschaftsspionage entstehenden Schaden auf circa 50 Milliarden Euro pro Jahr. Andere Schätzungen liegen deutlich darüber.
  • Einer Statistik zufolge waren in den vergangenen zwei Jahren knapp 60 Prozent der Unternehmen Ziel von Cyberangriffen. Etwas mehr als 40 Prozent der Angriffe waren erfolgreich. Nach Walter Opfermanns Erfahrung scheuen sich betroffene Unternehmen, Behörden einzuschalten. Sie fürchten Reputationsverlust. Die „Paradebranchen“ Automobil und Maschinenbau seien besonders hohen Risiken ausgesetzt. Ein Mittelständler wird es laut Walter Opfermann allein auf sich gestellt nicht schaffen, sich erfolgreich zur Wehr zu setzen.
  • Das Landesamt für Verfassungsschutz geht auch von sich aus auf Firmen zu, wenn der Verdacht besteht, dass ausländische Geheimdienste Interesse zeigen. Die Behörde bietet Unternehmen vielfältige Hilfen an, etwa in der Vorbeugung.
  • Abhörgeräte sind leicht zu beschaffen. Es gibt sie für 50 Euro oder weniger im Internet zu kaufen.
  • Deutschland spioniert auch.
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